Alarmierende Szenarien Forscher warnen vor Öl- und Klima-Apokalypse

Flüchtlingsströme, Kriege, Hungersnöte: Neue Studien warnen vor geradezu apokalyptischen Folgen des Klimawandels und der Ausbeutung des Planeten. Fast drei Milliarden Menschen sind demnach von bewaffneten Konflikten bedroht, die Globalisierung weicht dem globalen Verteilungskampf.

Wer in westlichen Industriestaaten lebt, so viel scheint klar, wird kaum am Klimawandel sterben: Deiche werden noch höher gebaut, die Landwirtschaft den neuen Gegebenheiten angepasst, Infrastrukturen für die Katastrophenbekämpfung geschaffen, Krankenhäuser auf Hitze-Opfer vorbereitet.

In den ärmeren Ländern sieht die Lage dagegen anders aus - und die verheerenden Folgen, die dort durch den Klimawandel drohen, könnten auf die ganze Welt zurückschlagen, wie Wissenschaftler in neuen Studien warnen.

Abfallsammler auf der Olusosun Müllhalde in der nigerianischen Metropole Lagos: Der Klimawandel bedroht vor allem die Lebensgrundlage der Ärmsten

Abfallsammler auf der Olusosun Müllhalde in der nigerianischen Metropole Lagos: Der Klimawandel bedroht vor allem die Lebensgrundlage der Ärmsten

Foto: REUTERS

Die Londoner Forschergruppe International Alert etwa hat jetzt ihren Report "A Climate of Conflict"  vorgestellt. In 46 Staaten mit insgesamt 2,7 Milliarden Einwohnern "werden die Folgen des Klimawandels im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen zu einem hohen Risiko bewaffneter Konflikte führen", heißt es darin. In weiteren 56 Staaten mit 1,2 Milliarden Einwohnern würden die Effekte der globalen Erwärmung voraussichtlich politische Instabilitäten auslösen, die langfristig auch dort zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen könnten (siehe Grafik).

"Die Zahlen sind verlässlich"

3,9 Milliarden Menschen bedroht von klimabedingten Gewaltausbrüchen - eine übertriebene Annahme? "Die Zahlen sind verlässlich", sagt Dan Smith von International Alert, einer der beiden Autoren der Studie, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unter den Nationen, in denen nicht nur das Risiko, sondern die Gewissheit bewaffneter Konflikte bestehen könnte, befindet sich Indien. Allein dort gibt es mehr als eine Milliarde Menschen."

Fraglich erscheint auf den ersten Blick, ob gleich alle Bewohner eines solchen Riesenstaats betroffen wären und nicht nur einzelne Regionen. "Die Wasserversorgung von 400 Millionen Menschen hängt vom Ganges-Flusssystem ab, und die Wasserstände fallen spürbar", hält Smith dem entgegen. "Die dadurch verursachten Konflikte werden sehr direkte Folgen für diese 400 Millionen Menschen haben."

Tatsächlich gilt die Wasserwirtschaft in Asien als einer der gefährlichsten Aspekte der globalen Erwärmung. Der Himalaya zählt neben der Arktis zu den Gebieten der Welt, die sich am schnellsten erwärmen. Zwischen 1977 und 2000 ist die dortige Durchschnittstemperatur viermal schneller gestiegen als die globale. Die Folgen sind schon heute sichtbar: Die Gletscher des Himalaya schmelzen rapide.

Hunderte Millionen Menschen sind dadurch von Überflutungen und anschließend von Wassermangel bedroht. Denn im Himalaya-Gebiet entspringen unter anderem der Jangtse, der Mekong, der Indus und der Brahmaputra - vier der größten Flüsse Asiens. Für sie würde ein Verschwinden der Himalaya-Gletscher verheerende Folgen haben.

Kriege und Migration durch fehlende Versorgungssicherheit

Ähnliches befürchten die Londoner Experten für Teile Südamerikas. Die meisten der peruanischen Anden-Gletscher seien voraussichtlich bis 2015 verschwunden, heißt es in der Studie. Zwei Drittel von Perus 27 Millionen Einwohnern leben demnach in Küstengebieten, wo die natürlichen Quellen nur rund 1,8 Prozent des Wasserbedarfs deckten. Sowohl die Städte als auch die Landwirtschaft hängen deshalb vom Wasserstrom aus den Gebirgen ab.

Auch in Regionen, die eher vom Grund- als vom Gletscherwasser leben, birgt der Klimawandel bisher ungeahnte Gefahren. Erst am Mittwoch haben US-Forscher eine Studie veröffentlicht, der zufolge die steigenden Meeresspiegel die Grundwasserversorgung in Küstenstädten weit stärker schmälern werden als bisher vermutet.

Da Süßwasser auch zum Getreideanbau verwendet wird, gefährdet der Klimawandel die Nahrungsversorgung. Das gleiche gilt für Gebiete, in denen die steigenden Temperaturen Dürren und Wüstenbildung nach sich ziehen. Was die Fachleute am meisten beunruhigt: Es handelt sich dabei nicht um vorübergehende Engpässe. "Humanitäre Hilfe kann kurzfristig Lücken füllen, aber keine grundlegende Nahrungsmittel-Unsicherheit beseitigen", heißt es in dem Report von International Alert. Und wo die Nahrungsversorgung grundsätzlich unsicher sei, "sind Abwanderungen und Konflikte praktisch unvermeidbar".

Wie die drohende Ölkrise das Klima-Problem noch verschärft - und der Globalisierung ein Ende bereiten könnte

Zu allem kommt nun die wachsende Gefahr einer Ölkrise. In dieser Woche läuft in Großbritannien der Film "A Crude Awakening: The Oil Crash"  an, der nach Al Gores "Eine Unbequeme Wahrheit" der zweite große Kinoerfolg über die Folgen der Ausbeutung der Erde werden könnte.

Der Streifen, der bei den Filmfestivals in Zürich und Palm Beach mit Preisen bedacht wurde, platzt präzise in eine Zeit rasant steigender Ölpreise und Prognosen, denen zufolge die Ölförderung schon bald ihren Höhepunkt überschreiten wird. Kollabierende Wirtschaftssysteme in Amerika, Benzin-Aufstände in Afrika - die Folgen der Ölkrise seien "beängstigender als ein Horrorfilm", glauben die Macher des Films, Ray McCormack und Basil Gelpke.

Öl- und Klimakrise: Die doppelte Gefahr

Mit dieser Meinung sind sie nicht allein. Die rapide steigenden Ölpreise seien nicht nur eine Bedrohung für die Verkehrssysteme und damit vor allem für westliche Gesellschaften, sagte David Strahan, Autor des Buchs "The Last Oil Shock", der britischen Zeitung "The Observer". "Überall in Asien, insbesondere in Indien und Bangladesch, pumpen Bauern das Wasser mit Diesel-Generatoren auf ihre Felder. Können sie den Treibstoff nicht mehr bezahlen, könnte es zu Hungersnöten und Unruhen kommen."

Da Öl nicht nur zu Treibstoffen, sondern auch zu Materialien wie Asphalt und Kunststoffen verarbeitet wird, hängt praktisch die gesamte Weltwirtschaft am Öltropf. Ob Techniken wie die Kohleverflüssigung oder neue Fördermethoden den rasanten Anstieg des Ölpreises verhindern können, erscheint fraglich.

Das größte Verheerungspotential des Zusammenspiels von Klima- und Ölkrise sehen die Experten wiederum in den armen Ländern - vorerst. "Staaten, die mit den Folgen des Klimawandels ein Problem haben, werden auch mit steigenden Ölpreisen ein Problem haben", meint der Londoner Experte Smith.

Das Ende der Globalisierung

Der Kampf um die Ressourcen des Planeten könnte gar der Globalisierung ein baldiges Ende bereiten - und das schon bis 2040, wie eine aktuelle Studie des Washingtoner Center for Strategic & International Studies (CSIS) besagt. An die Stelle des freien Handels in einer ressourcenreichen Welt werde womöglich schon bald ein brutaler Verteilungskampf um die schwindenden Schätze des Planeten beginnen. "Unterschiedliche Teile der Welt könnten sich abschotten, um zu sichern, was sie zum Überleben brauchen", sagte Leon Fuerth, einer der Autoren des Papiers mit dem Titel "The Age of Consequences" .

Beispiele für das Gewaltpotential gibt es bereits, wie Susanne Dröge von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik bemerkt: "Die USA etwa hatten kein Problem damit, wegen Öl Krieg zu führen." Auch die Öl-Politik Chinas in Afrika sei durchaus fragwürdig. Unter den Industriestaaten sei zudem eine verschärfte Gangart zu beobachten, wenn es um die Erschließung neuer Ressourcen geht - abzulesen etwa am Beispiel der jüngsten Auseinandersetzungen um mutmaßliche Öl- und Gasvorkommen in der Arktis.

Fuerth befürchtet, dass die reichen Nationen in den kommenden 30 Jahren "andere Menschen vom Rettungsboot heruntertreten". Denn was die Umweltveränderungen den Ärmsten der Welt brächten, werde "moralisch extrem verstörend" sein. Der Hass, der zwischen unterschiedlichen Gruppen ohnehin besteht, werde verstärkt, wenn Flüchtlinge gleichzeitig in mildere Klimaregionen wanderten.

"Unausweichliches" Horrorszenario

Fuerth, Al Gore Sicherheitsberater in dessen Zeit als US-Vizepräsident, ist nicht der einzige ranghohe Ex-Regierungsmitarbeiter mit düsteren Zukunftsvisionen. John Podesta, US-Präsident Bill Clintons Stabschef und inzwischen Präsident des Think Tanks Center for American Progress, vertritt eine ähnliche Meinung. "Wir sagen ein Szenario voraus, in dem Menschen und Nationen von massiven Nahrungs- und Wasserengpässen bedroht sind." Podesta geht sogar so weit, dieses Ergebnis als "unausweichlich" zu bezeichnen - selbst wenn die USA, neben China der weltgrößte Verursacher von Treibhausgasen, sofort einem globalen Klimaabkommen beitreten würden.

Der künftige Wasser- und Nahrungsmangel, steigende Meeresspiegel, Dürren, Stürme und Überflutungen würden gewaltige Wanderungsbewegungen auslösen, glaubt Podesta. Als Schwerpunkte nannte er Südasien, Afrika und Europa.

Klimawandel als Chance

Dennoch gibt es auch vereinzelte Anlässe zum Optimismus. Im Nahen Osten etwa könnte die einsetzende Wasserknappheit die verfeindeten Gruppen zusammenrücken lassen, glauben sowohl Podesta als auch Dröge - denn Syrien, Jordanien, Israel und die Palästinenser müssen sich das Wasser aus dem Jordan teilen.

Überhaupt geht die Londoner Studie für Dröges Geschmack zu sehr davon aus, dass die politischen Systeme so bleiben, wie sie heute sind. "Man kann manche Probleme durchaus auch in den Griff kriegen", meint die Wirtschaftsforscherin. Ähnliche Hoffnungen hegt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in seiner Klimawandel-Studie , die im Juni veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler warnen darin zwar vor dem Zerfall staatlicher Strukturen, begreifen den Klimawandel aber auch als Chance - wenn die Welt ihn "als Menschheitsbedrohung versteht und die Weichen für die Vermeidung eines gefährlichen anthropogenen Klimawandels stellt".

Dafür aber ist es nach Meinung anderer Experten mancherorts schon zu spät. Unter den zwölf Empfehlungen des Reports von International Alert befindet sich die Mahnung, der Anpassung an die Klimawandel-Folgen eine höhere Priorität einzuräumen als der Bekämpfung der Erwärmung - zumindest in labilen Staaten. Denn die westliche Welt sei keinesfalls sicher vor den Folgen der Tragödie, die den Schwellenländern und der Dritten Welt droht.

Zu den Gefahren zählen Sicherheitsexperten nicht nur steigenden Einwanderungsdruck in den westlichen Ländern und neue Brutstätten des Terrorismus, sondern auch die Atomwaffen Indiens und Pakistans. "Diese Staaten sind Teil eines globalen Systems", sagt Smith. "Wenn sie instabil werden, sind ihre Atomwaffen eine Gefahr für die ganze Welt."

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