Christian Stöcker

Politische Ideologien Was heißt eigentlich "konservativ"?

Zwei Männer haben in den vergangenen Wochen mit Thesen zu Konservatismus für Aufsehen gesorgt: ein ehemaliger Google-Entwickler - und der CSU-Politiker Alexander Dobrindt. Aber was meinen die beiden mit dem Begriff?
Alexander Dobrindt (CSU)

Alexander Dobrindt (CSU)

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

"Denn das ist Konservatismus: Das Nachdenken über die Erfahrung und die theoretische Ausformulierung des Empfindens, Macht zu haben, sie bedroht zu sehen und zu versuchen, sie zurückzugewinnen."
Aus einem Essay  des amerikanischen Politikwissenschaftlers Corey Robin

Die Klageschrift, die James Damore und ein weiterer ehemaliger Google-Mitarbeiter bei einem kalifornischen Gericht eingereicht haben, enthält viele befremdliche bis lustige Sätze. Mir persönlich gefällt dieser besonders gut: "Googles offene Feindseligkeit gegenüber konservativem Gedankengut geht Hand in Hand mit unfairer Diskriminierung auf der Grundlage von Rasse und Geschlecht, was das Gesetz verbietet". Gemeint ist Damores eigene "Rasse" - er ist weiß - und sein eigenes Geschlecht.

69 Prozent aller Google-Mitarbeiter sind männlich und 56 Prozent weiß , 75 Prozent der Führung sind männlich. Männer verdienen bei Google im Durchschnitt so viel mehr als Frauen, dass das schon Gerichte beschäftigt . In Damores Klageschrift  ist trotzdem zu lesen, in dem Unternehmen würden "männliche und weiße Angestellte weniger bevorzugt behandelt".

Im Kern geht es in der Klage darum, dass "Konservative" bei Google gezielt benachteiligt würden. Was aber ist mit "konservativ" gemeint? Einmal wird - als Beispiel für "konservative Positionen" - ein Mitarbeiter zitiert, der erklärt hatte, auf "unsere degenerierte Gesellschaft" solle man am besten reagieren, indem man seinen Kindern "schon möglichst früh traditionelle Geschlechterrollen und das Patriarchat" nahebringe. Anderswo stören sich die Kläger an dem Bemühen, auch nichtweiße, nichtmännliche Mitarbeiter zu gewinnen.

Wünschen sich deutsche Schützen amerikanisches Waffenrecht?

Ist das konservativ? Die Überlegenheit des Mannes und die der Weißen nun bitteschön endlich zu akzeptieren?

In den USA ist das Bild besonders verwirrend: Es gibt den Konservatismus der Tea Party, der auf wütender Ablehnung des Wohlfahrtsstaates und staatlicher Eingriffe allgemein gründet. Es gibt den Konservatismus der Evangelikalen, der sich primär aus der Ablehnung aller Lebensformen jenseits der klassischen Hetero-Familie und der Gegnerschaft zu Abtreibungsregeln speist.

Es gibt wirtschaftsfreundlichen Konservatismus, dem es meist um Steuersenkungen für Unternehmen geht, und den sogenannten compassionate conservatism mit sozialem Gewissen - auch wenn davon nicht so viel zu sehen ist.

Und in Michael Wolffs umstrittenem Trump-Buch "Fire and Fury" ist einiges darüber nachzulesen, wie der rassistisch-nationalistisch-isolationistische Konservatismus eines Steve Bannon mit den Vorstellungen anderer Republikaner kollidiert. Mit anderen Worten: Nicht einmal die Konservativen selbst sind sich einig, was "konservativ" bedeutet.

Auf ein paar Thesen können sich US-Konservative im Zweifel einigen, aber gerade mit denen sähe man in Deutschland kaum Land: Nicht einmal hartgesottene Schützenvereinsmitglieder würden sich hierzulande amerikanisches Waffenrecht wünschen, und selbst der rechte Rand der CSU träumt nicht von der Abschaffung der Krankenversicherung für alle.

Macht haben, Macht bedroht sehen

An dieser Stelle kommt der zweite Mann ins Spiel, der sich zuletzt als großer Theoretiker des Konservativen hervorgetan hat: Alexander Dobrindt. In seinem vielbesprochenen Artikel  für die "Welt" beschwor der CSU-Landesgruppenchef eine vermeintlich dringend notwendige "konservative Revolution", was nach jemandem klingt, der schon verloren hat. Denn wer Macht besitzt, braucht keine Revolution.

Nun regiert Dobrindts Partei in Bayern seit etwa sechzig Jahren durchgehend und war im Bund 17 der vergangenen 25 Jahre an der Regierung beteiligt. Trotzdem fordert er einen "Aufbruch" in eine "neue, konservative Bürgerlichkeit". Es bleibt seltsam unklar, worin die bestehen soll.

Geht es allein ums Bewahren?

Das ist das eigentliche Problem der Konservativen : Es fällt ihnen sehr schwer, den Wesenskern ihrer Weltanschauung klar zu formulieren. Vielleicht, weil sich Rassismus, Sexismus und Nationalismus nur die abgebrühtesten Rechtspopulisten zu formulieren trauen. Vielleicht auch, weil es einfach keinen gibt.

"Konservativ" waren in der Geschichte mal diejenigen, die die Abschaffung des Absolutismus für einen Irrweg hielten, später dann auch mal die, die den Nazis zur Macht verhalfen, und noch später die Kritiker ungewöhnlicher Frisuren und kurzer Röcke.

Konservative haben im Lauf von zwei Jahrhunderten eine Routine darin entwickeln müssen, alte Positionen aufzugeben und sich neue zuzulegen. Es muss immer wieder etwas Neues gefunden werden, für dessen "Bewahrung" man streitet.

Liebe deinen Nächsten!

Was genau das Bewahrenswerte ist, definiert auch Dobrindt nicht richtig. Selbst ein CSU-Politiker kann längst nicht mehr offen gegen Schwule wettern oder fordern, dass Frauen sich auf Kinder und Küche beschränken sollen, von rassistischen Äußerungen ganz zu schweigen. Gut, den Islam kann man kritisieren, aber auch nicht zu sehr. Dabei sind gerade Islamisten sehr konservativ.

Dobrindt selbst möchte "Rechtsextreme, die gegen Ausländer hetzen" gerne ins Gefängnis stecken, "Nationalisten" findet er nicht gut, "Heimat und Vaterland" dagegen schon. Einen "schleichenden Freiheitsverlust" diagnostiziert er, bekämpft werden soll der Verlust dadurch, dass der Sozialstaat "Sicherheit schafft, aber gleichzeitig Anreize zu Leistung setzt". Ein Satz, der direkt aus der Agenda 2010 des SPD-Politikers Gerhard Schröder stammen könnte.

Gut findet Dobrindt "die Familie" und "christliche Werte". Immerhin: Die CSU hat, was das Thema "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" angeht, eine echte Innovation anzubieten - die Kombination von Nächstenliebe mit der Obergrenze.

Lösen lässt sich das Identitätsproblem der Konservativen, wenn sie nicht einfach die Positionen rechtsnationaler Populisten von Bannon bis AfD übernehmen wollen, wohl nur auf eine Weise: Mit einem bisschen Differenzierung. Rechts und links, konservativ und progressiv, die alten, dichotomen Kategorien politischer Ausrichtung also, sind in einer multipolaren, aufgeklärten, globalisierten Welt nicht mehr trennscharf.

Ein kleiner Trost vielleicht: Dieses Problem teilen die Konservativen mit denen von der ehemals anderen Seite: den Linken.