Nawalnys Vergiftung durch Cholinesterase-Hemmer Was passierte am Flughafen Tomsk?

Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny soll durch Cholinesterase-Hemmer vergiftet worden sein. Die Substanzen sind vielfältig - und allesamt ziemlich tückisch. Kompliziert herzustellen sind sie in vielen Fällen nicht.
Krankentransport für den schwer erkrankten Nawalny in Omsk

Krankentransport für den schwer erkrankten Nawalny in Omsk

Foto: Alexey Malgavko / REUTERS

Der Becher in der rechten Hand des Mannes ist knallrot und der Inhalt offenbar ziemlich heiß. Jedenfalls scheint Alexej Nawalny gerade zu pusten, als DJ Pawel Lebedew am Flughafen der sibirischen Stadt Tomsk am vergangenen Donnerstag sein Foto macht. Es ist eines der vorerst letzten Bilder, das den Kreml-Kritiker bei guter Gesundheit zeigt. Nawalny will in Kürze mit dem Flug S7 2614 zurück nach Moskau abheben und trinkt vorher an einem Café des Airports Bogaschewo einen Tee. Es ist das erste und einzige Nahrungsmittel, das er an diesem Tag zu sich genommen habe, heißt es später aus seinem Umfeld.

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Im Bus hinaus zur wartenden Boeing 737 posiert Nawalny noch einmal offenbar gut gelaunt für ein Selfie. Doch im Flugzeug geht es dem 44-Jährigen auf einmal sehr schlecht. Auf Lebedews Instagram-Kanal  sind Videoausschnitte zu sehen, in denen Besatzungsmitglieder mit medizinischer Ausrüstung im Mittelgang der Maschine nach hinten eilen, wohl zur Toilette. In der Kabine sind laute Schreie zu hören, offenbar von Nawalny.

Nawalny (in der Bildmitte) auf dem Weg zum Flugzeug in Tomsk

Nawalny (in der Bildmitte) auf dem Weg zum Flugzeug in Tomsk

Foto: gluchinskiy / AP

Welche Substanz dem Oppositionspolitiker solche massiven Probleme zugefügt hat, darauf gibt es seit Montag aber zumindest einen Hinweis. Nawalny, der nach einem zwischenzeitlichen Notfallstopp im Krankenhaus der Stadt Omsk inzwischen in Berlin behandelt wird, ist offenbar mit einem Stoff "aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" vergiftet worden. So berichten es die behandelnden Ärzte in einem Statement .

Cholinesterase-Hemmer sind Stoffe, die ein Enzym in Nervensystem des menschlichen Körpers dauerhaft blockieren. Sie können über den Magen-Darm-Trakt, die Lunge und die Haut aufgenommen werden. Durch die Stoffe wird die Übertragung von Impulsen in bestimmten Teilen des Nervensystems sowie zwischen Nervenzellen und Muskelzellen unterbrochen. Die Folge: Vergiftungserscheinungen wie Pupillenverengung, unfreiwilliger Urin- und Stuhlabgang, Atemdepression, Pulsverlangsamung, Krämpfe und - abhängig von der Dosis – auch der Tod.

"Eine Reihe von chemischen Stoffen können diese Wirkungen haben, darunter insbesondere organische Phosphorsäureester und Phosphonsäureester", beschreibt der Genfer Chemiewaffenexperte Ralf Trapp auf Anfrage des SPIEGEL. "Zu diesen Stoffgruppen gehören eine Reihe von Pestiziden, aber auch die zu militärischen Zwecken entwickelten chemischen Nervenkampfstoffe - darunter Tabun, Sarin, Soman, die V-Kampfstoffe, die sogenannten Nowitschoks, und einige Carbamate."

Russen wollen keine Cholinesterase-Hemmer gefunden haben

"Diese Stoffe sind auch in Attentaten verwendet worden", sagt Trapp. Ein Beispiel seien die gezielten Angriffe auf Kim Jong Nam in Malaysia im Jahr 2017 – mit dem Kampfstoff VX - und auf die Familie Skripal in Salisbury ein Jahr später. In diesem Fall wurde das Nervengift Nowitschok verwendet. Mit welchem Stoff Nawalny konkret in Kontakt gekommen ist, lässt sich derzeit nicht sagen. "Die konkrete Substanz ist bislang nicht bekannt", heißt es im Statement der Charité. Am Klinikum in Omsk beharren die dortigen Mediziner darauf, bei ihrem prominenten Patienten zwar nach Cholinesterase-Hemmern gesucht zu haben. Diese hätten sich bei den Analysen aber nicht gefunden.

"Das heißt nicht automatisch, dass die Russen die Unwahrheit sagen. Die unterschiedlichen Ergebnisse kann man womöglich durch die verwendete Analysemethode erklären", sagt Ralf Stahlmann dem SPIEGEL. Der Mediziner war lange Jahre Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Charité in Berlin, ist an der aktuellen Behandlung Nawalnys aber nicht beteiligt.

Atropin hilft nicht gegen alle Symptome

An der Charité wird der Patient aus Russland derzeit im künstlichen Koma auf der Intensivstation behandelt. Er erhält, so steht es in der Mitteilung der behandelnden Ärzte, das Gegengift Atropin. Das soll er auch bereits im Krankenhaus von Omsk erhalten haben . Diese Substanz, die in der Natur unter anderem in Stechapfel und Tollkirsche vorkommt, hilft dem Körper, mit den Folgen der Cholinesterase-Hemmer besser umzugehen. Unter anderem wird die Herzfrequenz beschleunigt.

Das durch die Vergiftung blockierte Enzym bringt das Atropin dagegen erst einmal nicht wieder in Gang. "Die Substanz wirkt schnell und gut gegen eine Reihe von Symptomen, aber nicht gegen alle", erklärt der Toxikologe Stahlmann. Das liegt daran, dass nur bestimmte Rezeptoren darauf überhaupt reagieren.

Für die Reaktivierung der Cholinesterase gibt es verschiedene Medikamente, unter anderem sogenannte Oxime. Diese werden unter anderem an der Universität der Bundeswehr in München erforscht . Das liegt daran, dass Cholinesterase-Hemmer zum Beispiel auch Terroristen als Waffen  dienen könnten. "Oxime sind aber nur wirksam, wenn man sie unmittelbar nach der Vergiftung gibt", sagt Stahlmann. Beim Patienten Nawalny sei es dafür jetzt wahrscheinlich zu spät.

Polizist an der Notaufnahme der Charité in Berlin

Polizist an der Notaufnahme der Charité in Berlin

Foto: CHRISTIAN MANG / REUTERS

Wie lange der offenbar vergiftete Politiker im künstlichen Koma verbringen muss, ob er je wieder ganz gesund wird, diese Fragen lassen sich derzeit nicht seriös beantworten. Einige Cholinesterase-Hemmer können auch noch Wochen nach der Einnahme zu schweren Nervenschäden führen . Die Folgen einer massiven Vergiftung können einschneidend sein. "Es gibt Hinweise auf neuropsychiatrische Langzeitschäden durch solche Stoffe", sagt der Toxikologe Stahlmann. "Der Effekt ist aber nicht für alle Cholinesterase-Hemmer gleich und hängt auch von der Dosis ab." Auch der Waffenexperte Trapp sagt: "Auch bei überstandenen akuten Vergiftungen können Langzeitschäden im Nervensystem und an anderen Organen auftreten."

"Die Chemie dieser Stoffe ist nicht allzu komplex"

Sollte nun Nawalny, wie es den Anschein hat, tatsächlich aktiv vergiftet worden sein, stellt sich die Frage nach der Verantwortung. "Es ist einen Hauch verdächtig, dass jemand, der sich vehement gegen den russischen Staat wendet, so erkrankt", so der britische Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon im "Guardian" .

Braucht es für einen Angriff mit Cholinesterase-Hemmern nun eine ausgefeilte Infrastruktur, wie sie nur ein Staat haben kann? "Die Chemie dieser Stoffe ist nicht allzu komplex", sagt der Toxikologe Stahlmann. "Man braucht bei einigen der Substanzen keine ausgefeilte Technik, um sie herzustellen. Die Synthese ist einfach, die Handhabung dann eher schwierig." Wer mit solchen Giften morden will, muss also aufpassen, nicht selbst zum Opfer zu werden.

Auch einige Alzheimer-Medikamente wie Donepezil, Galantamin oder Rivastigmin wirken als Cholinesterase-Hemmer, ebenso das in der Europäischen Union verbotene Pflanzenschutzmittel Parathion – oder kurz E 605. Von solchen Substanzen, so schätzt es der Toxikologe ein, brauche man aber eigentlich größere Mengen, um Vergiftungserscheinungen wie die bei Nawalny auszulösen. War es also vielleicht tatsächlich ein chemischer Kampfstoff? "Eine Sache wundert mich", sagt Stahlmann. "Zwischen der Einnahme des Tees und dem Einsetzen der Symptome scheint einige Zeit vergangen zu sein. Das passt eigentlich nicht so recht zu diesen Substanzen." Das könnte womöglich ein Hinweis darauf sein, dass das Gift nicht im Teebecher war, sondern Nawalny erst später, vielleicht im Flugzeug, damit in Kontakt kam.

Der Belgier Jean-Pascal Zanders ist wie sein Genfer Kollege Trapp freiberuflicher Chemiewaffenexperte. Auch er verfolgt den Fall Nawalny genau. Seit Jahren pflegt Zanders eine Datenbank , in der er Dokumente zu biologischen und chemischen Waffen sammelt. Als der SPIEGEL ihn nach dem Charité-Statement zum Zustand des Patienten aus Russland und dessen Behandlung in Berlin anspricht, sagt Zanders, er habe den Text gerade in seinem Datenbestand einsortiert. Unter dem Schlagwort "Nervengift".

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