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03. April 2009, 15:17 Uhr

Alien-Schabernack

Ufo-Jux sollte Sozialexperiment sein

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Die Sichtung eines angeblichen Ufos am Himmel über dem US-Bundesstaat New Jersey sorgte im Januar für Aufregung. Jetzt ist das Geheimnis gelöst: Zwei junge Männer hatten die Flugobjekte gebastelt und aufsteigen lassen - als "soziales Experiment". Ihnen droht ein juristisches Nachspiel.

Chris Russo und Joe Rudy wissen, wie die Ufo-Gemeinde tickt. Sind die Alien-Anhänger erst überzeugt, dass die Sichtung eines unbekannten Flugobjekts authentisch war, sind sie nur schwer vom Gegenteil zu überzeugen. Wer sich als Urheber einer Fälschung outet, muss knallharte Beweise vorlegen. Sonst gilt man schnell als Wichtigtuer oder Trittbrettfahrer, der Ruhm auf Kosten der real existierenden Außerirdischen sucht.

Russo, 29, und Rudy, 28, haben ihr Tun deshalb minutiös dokumentiert: In einem Video erklären sie haarklein, wie sie erstmals am 5. Januar und danach in vier weiteren Nächten Ufos an den Himmel über Morris County im US-Bundesstaat New Jersey zauberten - im Rahmen eines Medien- und Sozialexperiments. Und das war, zumindest aus Sicht der Experimentatoren, ein voller Erfolg.

Die Polizei verzeichnete Anrufe besorgter Bürger. In amerikanischen Medien war schnell von zahlreichen Augenzeugen die Rede, die angeblich alle dasselbe beobachtet hatten: ein gigantisches, dreieckiges Objekt am Himmel. Sogar der berühmte Late-Night-Talker David Letterman witzelte in seiner Show über das Ufo über Morristown. Lokale Zeitungen schrieben über das Phänomen, der US-Sender Fox interviewte verunsicherte Menschen auf der Straße, CBS berichtete US-weit über die Lichterscheinungen.

Endgültig geadelt wurde die Beobachtung, als die "UFO Hunters" des beliebten Senders "History Channel" eine zweiteilige Mini-Dokumentation über das Morristown-Ufo brachten. Chef-Ufo-Jäger Bill Birnes, nebenbei Herausgeber des "UFO Magazine" ("Eine führende Informationsquelle auf dem Gebiet der Ufos"), wies die Erklärung der örtlichen Polizei zurück, bei den mysteriösen Lichtern habe es sich um Leuchtfackeln an Ballons gehandelt. Man habe diese Theorie "geprüft und als unplausibel erkannt", sagte Birnes.

Leuchtfackeln an Angelschnüren

Russo und Rudy aber haben jetzt bewiesen, dass die Polizei goldrichtig gelegen hat. Vor laufender Kamera klebt das Duo Angelleinen, Leuchtfackeln und Ballons zusammen, macht sich nächtens in ein Waldstück auf und lässt die Konstruktion gen Himmel steigen. Kaum haben die Ballons abgehoben, hört man, wie Russo einen lokalen TV-Sender anruft und atemlos von "spektakulären Lichtern" am Himmel über Morris County berichtet. Anschließend tun die beiden so, als seien sie erschreckte Zeugen eines Besuchs von Außerirdischen - um diesen Ausschnitt des Videos auf YouTube zu veröffentlichen. Auch in dem Bericht von "Fox 5 News" taucht der Schnipsel später auf.

Der ausführliche Bericht des "History Channel" aber sei die Krönung des Experiments gewesen, jubeln Russo und Rudy in ihrem Bekennerbeitrag auf "Skeptic.com". Ufojäger Birnes behauptete in der Sendung etwa, dass die Lichter sich nicht unabhängig voneinander bewegt hätten: "Man kann fast einen Rahmen erkennen." Nur: Die Ballons flogen einzeln, miteinander verbunden waren sie durch rein gar nichts.

Birnes, so zählen Russo und Rudy in ihrem Beitrag auf, "hat mehr als 25 Bücher und Lexika über menschliches Verhalten, Verbrechen, Zeitgeschehen, Geschichte, Psychologie, Wirtschaft, Informatik und paranormale Erscheinungen geschrieben oder mitverfasst". Auch sei er Mitautor des "New York Times"-Bestsellers "The Day After Roswell" gewesen. Könne sich ein solcher Experte "von zwei Twentysomethings ohne psychologische Ausbildung" hinters Licht führen lassen? "Er konnte", bilanziert das Duo.

"Sind Ufo-Forscher Scharlatane?"

Dass sich Birnes so leicht habe täuschen lassen, "wirft eine wichtige Frage auf", so Russo und Rudy: "Sind Ufo-Forscher schlicht Scharlatane, die mit der Leichtgläubigkeit der Menschen schnelles Geld verdienen wollen? Oder sind sie Alarmisten, die mit schlechter Wissenschaft ihre Meinung zu untermauern versuchen, Außerirdische besuchten ständig unseren Planeten?" Beeindruckend sei allerdings auch die Leichtgläubigkeit der Menschen gewesen. Die Polizei habe von Anfang an erklärt, es habe sich nur um Leuchtfackeln an Ballons gehandelt. "Wir waren schockiert, dass das niemand hören wollte", sagte Rudy der Lokalzeitung "The Star-Ledger".

Die Behörden von Morris County fanden die Aktion weniger lustig. "Wenn man dies mit einem Wort beschreiben wollte", sagte Staatsanwalt Robert Bianchi, "könnte man sagen: Es war Idiotie." Er kündigte an, Russo und Rudy zu belangen - denn die Ballons hätten immerhin zu einer Gefahr für den Luftverkehr werden können. Allerdings: Als Bianchi die zu diesem Zeitpunkt noch anonymen Ballon-Spaßvögel in einer Pressekonferenz am 19. Februar aufforderte, ihr Tun einzustellen, beendeten Russo und Rudy nach eigenen Angaben ihr Experiment sofort.

Auf "Skeptic.com" beteuern die beiden, dass sie mit ihrem Experiment zeigen wollten, wie unzuverlässig Augenzeugen und selbsternannte Ufo-Forscher seien. Den Plan hätten sie gefasst, als sie über Pseudowissenschaften wie Astrologie, Wunderheilung und Ufologie diskutierten - und wie man diese demaskieren könnte. Schließlich leben wir, meint Russo, "im Zeitalter der Wissenschaft".

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