Aliens über England Beam mich rauf, Toblerone!

Raumschiffe in Dreiecksform, seidigweiße Substanzen auf Bäumen - das britische Verteidigungsministerium hat einen neuen Schwung seiner legendären Ufo-Geheimakten veröffentlicht, in denen Bürger von unheimlichen Kontakten der dritten Art berichten. Sogar Churchill wollte wissen, ob es Aliens gibt.
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Geheime Ufo-Akten: Fliegende Untertassen über England

Foto: The National Archives

Sie leuchten, sie sind unheimlich und sie suchen anscheinend vor allem Großbritannien heim: Ufos.

Es ist schon ein Ritual. Regelmäßig veröffentlicht das Verteidigungsministerium in London bis dato geheime Akten über Ufo-Sichtungen und angebliche Begegnungen mit Außerirdischen. Die Akten mit insgesamt etwa 11.000 Berichten waren nicht etwa wegen irgendwelcher Erkenntnisse über Außerirdische vertraulich, sondern weil sie Details über die britische Luftverteidigung oder Hinweise auf Spionage enthalten könnten. Doch das allermeiste, was sich darin findet, mutet eher skurril an als brisant. Vor wenigen Monaten beschloss das Ministerium, seine Ufo-Meldestelle nach einem halben Jahrhundert zu schließen. Offizielle Begründung: Man habe "keine Meinung über die Existenz oder das Leben von Außerirdischen. Jedoch gab es in mehr als 50 Jahren nach keinem Ufo-Bericht einen Beweis auf eine mögliche Bedrohung für das Vereinigte Königreich".

Jetzt ist es wieder soweit: Mehr als 6000 Seiten bisher geheimen Materials  wurden freigegeben. Die Erkenntnis der neuen Enthüllungen: Im Königreich sollen von 1994 bis 2000 Hunderte "Nicht identifizierte fliegende Objekte" (Unidentified Flying Objects, Ufo) gesichtet worden sein. Ein Zeuge will ein Ufo über dem Stadion des Londoner Fußballclubs Chelsea entdeckt haben, am 10. März 1999. Ein Mann aus Ebbw Vale in Süd-Wales erzählte der Polizei, wie er 1997 einen Hautausschlag bekommen habe, weil ein ungeheuerliches "Lichtrohr" sein Auto umhüllt hatte. "Auf den ersten Blick sah es aus wie ein großer Stern, der sich dem Auto näherte", heißt es in dem Bericht. "Er stoppte den Wagen, löschte das Licht. Anschließend wurde das Auto von dem geheimnisvollen Licht für rund fünf Minuten umhüllt. Der Mann konnte durch das grelle Licht laufen. Es war vollkommen lautlos, kein Flugzeug- oder Hubschrauber-Geräusch war hörbar. Der Mann fühlte sich krank und war sehr verängstigt."

Churchill forderte Ufo-Bericht an

Ein anderer Zeuge gab an, im selben Jahr ein blaues Dreieck über seinem Garten erkannt zu haben. Dieses habe auf den Bäumen eine "seidige weiße" Substanz hinterlassen, die er dann in einem Marmeladenglas aufbewahrte. Ein weiterer will ein Ufo in Form einer Toblerone-Schokolade gesehen haben.

In den Akten findet sich sogar eine Anfrage des früheren Premierministers Winston Churchill. Der hatte ein Ufo-Briefing bei seinem damaligen Secretary of State for Air angefordert. "Was hat es mit diesen Fliegenden Untertassen auf sich?", schrieb Churchill in dem Dokument von 1952. "Was hat das zu bedeuten? Was ist die Wahrheit? Bitte stellen Sie mir nach Möglichkeit einen Report zusammen."

In der Antwort hieß es, dass vermeintliche Ufo-Sichtungen mit irdischen Phänomenen erklärt werden können - mit optischen Illusionen, Flugzeugen, Vögeln, Ballons oder schlichten Scherzaktionen.

Die Akten aus dem Ministerium und dem Nationalarchiv enthalten auch Zeichnungen. Ufologe David Clarke of Sheffield Hallam University sieht darin Beweise, wie sich die Form von Ufos in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat - gemäß ihrer Darstellung in der Popkultur. Viele Ufos in den jetzigen Dokumenten seien groß, schwarz und dreieckig, während sie in den vierziger und fünfziger Jahren eher wie eine Scheibe oder Untertasse gezeichnet wurden (siehe Fotostrecke oben). "Dies könnte bedingt sein durch Science-Fiction-TV-Sendungen und Filme wie 'Akte X' und 'Independence Day'", sagt Clarke. Die neuesten technischen Fortschritte könnten beeinflussen, was Leute im Himmel sähen.

Die jetzige Veröffentlichung ist die fünfte innerhalb eines größeren Projekts - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Highlights früherer Veröffentlichungen:

Der Cosford-Zwischenfall

Im Dossier mit der Registriernummer DEFE 24/2086 finden sich Berichte über ein Vorkommnis am 31. März 1993. Damals wollen mehr als 70 Augenzeugen, darunter auch Polizisten und Armeeangehörige, in den Grafschaften Devon, Cornwall, Shropshire sowie im Süden von Wales ein großes, tief fliegendes Objekt gesehen haben. Es habe, so sagten einige aus, einen tiefen Summton von sich gegeben.

In den Unterlagen zu diesem sogenannten Cosford-Zwischenfall finden sich 30 Sichtungen des Objekts über einen Zeitraum von insgesamt sechs Stunden. Auf Anweisung des britischen Verteidigungsministeriums sah sich die Luftwaffe die Radaraufzeichnungen des fraglichen Zeitraums noch einmal an - konnte aber nichts finden.

Einige Beobachter spekulierten, es habe sich bei dem Phänomen um den Testflug eines US-Spionageflugzeugs gehandelt. Die britische Regierung hatte solche Berichte aber stets zurückgewiesen. Stattdessen erklärte sie, es habe sich um die Trümmer einer russischen Rakete gehandelt, die den Satelliten "Cosmos 2238" ins All gebracht habe.

Junger Mann zum Mitreisen gesucht

"Wir wollen, dass du mit uns kommst", sollen die Worte gewesen sein, die ein Alien mit zitronenförmigem Kopf im Mai 1995 sprach. Zwei Jungen hatten kurz vor Mitternacht an einem Tag im Mai an einem Feld in der Grafschaft Staffordshire haltgemacht, weil sie ein dunkel-silbernes Ufo in einem Feld zu sehen glaubten. Atemlos berichteten sie der Polizei von ihren Beobachtungen, die sich nun in den Akten mit der Registriernummer DEFE 24/1961 finden: Beide seien von einer extrem starken Hitze erfasst worden, ihre Haut sei auf einmal glühend rot gewesen.

Der vermeintliche Alienkopf sei unter dem untertassenförmigen Fluggerät aufgetaucht. "Beide schienen sehr aufgeregt und unter Schock zu stehen, und es wurde zunehmend schwieriger, detaillierte Informationen von ihnen zu bekommen", notierte der Beamte. Daraufhin habe man die Jungen nach Hause geschickt und sie gebeten, das Gesehene schriftlich festzuhalten.

Erst zwei Tage später machte sich die Polizei zu der Stelle der angeblichen Ufo-Sichtung auf, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Ein Bauer, der das Feld bestellte, sagte aus, nichts Besonderes beobachtet zu haben.

Zwischenfall an der Luftwaffenbasis

Im Aktenstapel mit der Kennung DEFE 24/1948 finden sich auch zahlreiche Informationen über das bisher wohl bekannteste Ufo-Ereignis der britischen Geschichte, das sich in direkter Nachbarschaft der Luftwaffenbasis Woodbridge in Suffolk zutrug. Bei diesem sogenannten Rendlesham-Zwischenfall im Dezember 1980 hatten US-Armeeangehörige Lichterscheinungen im nahen Wald beobachtet und vermutet, dass dort ein Ufo gelandet sei. Bei der Untersuchung des vermeintlichen Landeplatzes fanden sich auch Spuren an Bäumen und am Boden - und angeblich Reste von Strahlung.

Für all das gab es einen prominenten Zeugen: Der stellvertretende Kommandant der Luftwaffenbasis Charles Halt schrieb im Januar 1981 ein Memo an das Verteidigungsministerium, das sich unter den nun freigegebenen Akten befindet.

Auch die Korrespondenz zwischen den Ministerialbeamten und besorgten Bürgern findet sich in dem Dossier. Sogar mehrere Parlamentsmitglieder wandten sich wegen der Ereignisse an das Verteidigungsministerium, wie das Aktenkonvolut DEFE 24/1970 belegt. Das Ministerium konnte den Zwischenfall nicht erklären, vermerkte aber in seinen Akten, der Vorfall sei "nicht von Wichtigkeit" für die Verteidigung des Landes. In einem Abschlussdokument hieß es, es sei "sehr unwahrscheinlich", dass eine Verletzung des britischen Luftraums von solch einer Zurschaustellung von Lichtern begleitet werden würde, wie sie die Soldaten beobachtet hatten. Auch Spionageaktivitäten anderer Staaten seien aus dem gleichen Grund nicht wahrscheinlich.

Laserstrahlen über dem Friedhof

Ein weiterer rätselhafter Fall soll sich im Juli 1996 an einem Friedhof in der Grafschaft Cheshire ereignet haben. Bei dieser Gelegenheit fand sich auch ein seltener physischer Hinweis, der möglicherweise ein Beleg für die Schilderungen sein könnte. Ein Jugendlicher, der spätabends auf dem Heimweg war, will gesehen haben, wie ein Ufo über den Gräbern schwebte und dann Strahlen abfeuerte. Aus dem Boden sei anschließend Rauch aufgestiegen, gleichzeitig habe er ein grauenhaftes Geräusch gehört, das ihn an schreiende Katzen erinnert habe.

Der junge Mann, laut Polizei-Aufzeichnungen ein vernünftiger Zeitgenosse, berichtete zunächst seinem Vater von den Ereignissen - und auf dessen Anraten auch der Polizei. In den Unterlagen finden sich Aussagen von einem hellen gelben Licht, das die Ausmaße eines zweistöckigen Gebäudes hatte. Worum es sich gehandelt hat, ist bis heute nicht klar. Immerhin: Bei einer Untersuchung fand die Polizei später eine angesengte Bahnschwelle auf dem Gelände des Friedhofs, obwohl es keine Spuren eines Brandbeschleunigers gab.

Beinahe-Kollision mit einem Alitalia-Jet

Am 21. April 1991 befand sich ein Passagierjet des Typs MD80 der italienischen Airline Alitalia auf dem Weg von Mailand nach London. Gegen 20 Uhr, die Maschine befand sich bereits im Sinkflug Richtung Heathrow, tauchte plötzlich etwas vor dem Flugzeug auf. "Ich sah für drei bis vier Sekunden einen fliegendes Objekt", schreibt der Kapitän in dem Formblatt, mit dem die Luftaufsichtsbehörde Berichte über Beinahe-Kollisionen erfasst.

Der Gegenstand habe einer Rakete geähnelt, sei fünf Meter lang und braun gewesen. Er habe sich genau in entgegen gesetzter Richtung zum Flugzeug bewegt, etwa 300 Meter höher. "Pass auf!", habe er seinem Co-Piloten zugerufen, schrieb der Kapitän. Danach habe er seinen Fluglotsen angefunkt und ihn gebeten, nachzusehen, ob es Auffälliges auf seinem Radarschirm gebe. Die Antwort: "Ich sehe ein unbekanntes Objekt zehn Meilen hinter Ihnen."

Eine Erklärung, was die Alitalia-Piloten am 21. April 1991 sahen, liefern die Dokumente nicht.

Ufo mit Kuppel in den West Midlands

"Sehr klar, keine Wolken" steht handgeschrieben im Formular der Royal Air Force. Die Sicht war also perfekt, als eine Engländerin am 23. März 1988 eine seltsame Beobachtung machte. Ein quadratisches Objekt mit rotem Licht an der Seite habe sich ihrem Haus im Sinkflug genähert. Oben habe sich eine Kuppel mit einem Fenster befunden. Das Ufo sei auf und ab und vor und zurück geflogen. Es habe so ausgesehen, als würde es gegen das Haus krachen.

Aus nur wenigen Metern Entfernung will die Frau sogar ins Innere des Ufos geblickt haben: "Es waren drei Personen, zwei saßen, eine stand. ... Alle schienen weiße Anzüge zu tragen." Das Ufo habe keine Geräusche gemacht. Nachdem die Beobachterin in ihr Haus gelaufen war und durch ein Fenster nach draußen schaute, entfernte sich das Objekt. Drei Lichtergruppen aus je vier Lampen seien auf der Rückseite zu erkennen gewesen.

Rätselhafte Kornkreise und eine Kunstaktion

Kreise in Getreidefeldern gehören zu jedem Ufologen-Grundkurs. Kein Wunder, dass auch das britische Militär immer wieder Meldungen über die mysteriösen Abdrücke bekam - und dazu allerlei bizarre Erklärungsversuche. Ein Bauer hatte sich beispielsweise 1988 beim der Royal Air Force über Kreise in seinen Feldern beklagt und tieffliegende Militärhubschrauber dafür verantwortlich gemacht.

In den Ufo-Dossiers finden sich nicht nur das Beschwerdeschreiben und einige Luftaufnahmen der Kornkreise, sondern auch eine Antwort des Verteidigungsministeriums. Die Schäden seien definitiv nicht von Hubschraubern verursacht worden, heißt es in dem Brief. "Offenbar sind die Kreise von Menschenhand geschaffen und bewusst so geformt worden, dass sie ein Muster bilden." Warum, wisse man allerdings auch nicht, wird dem Bauern zum Schluss beschieden. Und: "Es tut uns leid, dass wir nicht weiter behilflich sein können."

Die Ufo-Dokumentation belegt auch, dass britische Behörden sich 1990 ernsthaft mit dem Phänomen der Kornkreise beschäftigt haben. Bei einem Geheimtreffen, über das später allerdings auch das Fernsehen berichtete, diskutierten Vertreter dreier Ministerien den Sachverhalt. Darüber beklagte sich denn auch der Herausgeber des Magazins "Crop Watcher", das sich nach eigener Aussage der wissenschaftlichen Untersuchung der rätselhaften Kreise verschrieben hat: Die Ministerien hätten die Öffentlichkeit irregeführt, die Kornkreise seien eine Aktion zweier Künstler gewesen.

Tina Turner verbreitet Ängste vor Aliens

Im August 1989 sorgten Kreise am Himmel bei London für Aufregung. Sie sollen sich ähnlich wie die Strahlen von Suchscheinwerfern bewegt haben. Das knappe von der Royal Air Force West Drayton erfasste Protokoll vermerkt das Phänomen als "wechselnd".

Eine plausible Erklärung findet sich wenige Zeilen tiefer: Eine Lasershow wird da als mögliche Ursache angegeben. An dem Abend fand im Wembley-Stadion ein großes Konzert statt, unter anderem mit Tina Turner.

Außerirdische im Flug über einen Pub?

Wer sich durch die riesigen PDF-Dateien auf dem Server des Nationalarchivs kämpft, findet bizarre Berichte, die die Beamten penibel notiert haben. So meldeten im Jahre 1982 Gäste eines Pubs in Südostengland den möglichen Besuch von Außerirdischen. Doch die roten und grünen blinkenden Lichter waren vermutlich eher auf den Bierkonsum der Kneipenbesucher und die Flugzeugschneise über ihnen zurückzuführen als auf die bevorstehende Landung einer fliegenden Untertasse.

Manches Dokument könnte aus der Feder eines Science-Fiction-Autors stammen. So berichtete der Fischer Alfred Burtoo aus dem südenglischen Hampshire, zwei Männer in grünen Overalls hätten ihn in ihrem Ufo mitnehmen wollen. Als er diesen jedoch erzählt habe, er werde bald 78, hätten diese abgewinkt: "Du darfst gehen, du bist zu alt und schwach für unsere Zwecke."

Ein anderer Mann sagte, er habe seit seiner Kindheit "körperlichen und übersinnlichen" Kontakt zu kleinen grünen Männchen gehabt. Eine der Kreaturen sei dann jedoch von einer anderen Außerirdischenrasse getötet worden - weil die britische Regierung von dem Kontakt Wind bekommen habe.

Vermeintliches Ufo an der Waterloo-Brücke

Andere Sichtungen klingen da seriöser. Sie stammen zum großen Teil von Polizisten und Piloten, die auf dem Radar vermeintliche Ufos ausmachten. Außerdem gebe es Sichtungen mit mehreren "Zeugen", sagte Ufo-Experte Nick Pope, der lange für das Verteidigungsministerium arbeitete. So blieben auf der Waterloo-Brücke in London einst mehrere Menschen stehen, um ein vermeintliches Ufo in der Form einer Untertasse zu begutachten. Doch statt um unidentifizierte Flugobjekte handelte es sich nach Angaben von Pope um banalere Phänomene - wie Flugzeuglichter, brennenden Raumfahrtschrott, Wetterballons oder ungewöhnliche Wolkenformationen.

Obwohl es Hunderte Berichte über angebliche Begegnungen mit Ufos oder Außerirdischen gab, waren die Beamten offensichtlich nicht beeindruckt: "Es gibt mit Sicherheit keine Beweise, dass Außerirdische auf diesem Planeten gelandet sind", steht in einer Akte. Eine Anmerkung aus dem Jahr 1979 lautet schlicht: "Die Regierung Ihrer Majestät wurde niemals von Außerirdischen kontaktiert."

So sieht dies auch David Clarke, ein britischer Ufo-Experte, der die Veröffentlichung der Dokumente auf dem Server des Nationalarchivs mit vorbereitet hat. Es gebe keinen einzigen Beweis dafür, dass ein außerirdisches Flugobjekt die Insel erreicht habe, sagte er. "Sie haben nichts Derartiges entdeckt, nicht mal ein Fitzelchen. Das ist alles, was wir sagen können."

lub/chs/hda
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