Alkoholismus Frauenhirne schrumpfen schneller

Alkoholismus kann sich bei Frauen noch dramatischer auswirken als bei Männern. Einer aktuellen Studie zufolge erleiden Frauen nicht nur früher als Männer Herz- und Leberschäden, auch ihr Gehirn schrumpft im Laufe der Abhängigkeit stärker.


Alkohol: Sind Frauen süchtig, schrumpft ihr Gehirn stärker als das von alkoholabhängigen Männern
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Alkohol: Sind Frauen süchtig, schrumpft ihr Gehirn stärker als das von alkoholabhängigen Männern

Bislang haben Wissenschaftler bei Studien zu Alkoholschäden am Gehirn kaum zwischen Frauen und Männern unterschieden. Ergebnisse, die etwa aufgrund einer Untersuchung von männlichen Alkoholikern zustande kamen, wurden einfach auf Frauen übertragen. "Ein Fehler", wie Alexander Diehl, Mitautor einer aktuellen Studie, gegenüber SPIEGEL ONLINE betont.

Das Forscherteam um Karl Mann vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat jetzt herausgefunden, dass Alkoholismus bei Frauen stärkere Spuren hinterlässt als bei Männern. Gehirnzellen etwa gehen demnach bei Frauen durch das Zellgift Alkohol schneller zugrunde, so dass ihr Hirnvolumen schneller abnimmt, schreiben die Forscher im Fachblatt "Alcoholism: Clinical and Experimental Research".

Während bei alkoholabhängigen Männern die Schäden schleichend aufträten, laufe dieser Prozess bei Frauen im Schnelldurchlauf ab. Obwohl Frauen statistisch gesehen später mit dem Trinken anfangen und oft weniger Alkohol konsumieren, holen sie die Männer in Sachen Organschäden bald ein, so das Ergebnis der Untersuchung. Nicht nur Herz und Leber litten stärker, auch das Gehirn schrumpfe schneller.

Zudem sind nach Meinung der Forscher immer mehr Frauen von Alkoholismus betroffen. Lag früher das Verhältnis von alkoholabhängigen Männern zu Frauen bei vier zu eins, gehen Diehl und seine Kollegen mittlerweile von einem Verhältnis von zwei zu eins aus. Insgesamt seien etwa zwei Millionen Deutsche alkoholabhängig. "Behandlungs- und Beratungsbedarf besteht jedoch bei etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland", sagt Diehl.

Die Mannheimer Forscher untersuchten 76 Frauen und 82 Männer, von denen jeweils die Hälfte schwer alkoholabhängig war. Die Alkoholiker waren zu einem sechswöchigen stationären Entzug in eine Suchtklinik aufgenommen worden. Direkt nach der Entgiftung wurden ihr Gehirnvolumen und das der Mitglieder der beiden Kontrollgruppen mithilfe eines Computertomographen gemessen.

Im Abstand von mehreren Wochen kontrollierten die Mediziner danach die Entwicklung der Gehirne der Abhängigen im Verlauf des Entzuges. Sie konnten bestätigen, dass das Gehirnvolumen bei Frauen unter Alkoholeinfluss schneller abnimmt als bei Männern.

Allerdings lohnt es sich, trocken zu bleiben: Bleibt ein Alkoholiker nach dem Entzug abstinent, erholt sich das Gehirn wieder. Nicht nur das Volumen nimmt dann wieder zu, das Denkorgan funktioniert auch wieder besser. "Zum einen bilden sich zwischen den Nervenzellen neue Verschaltungen, so dass sie die Aufgaben der abgestorbenen Zellen übernehmen können", sagt Diehl. "Zum anderen entstehen auch wieder neue Nervenzellen."

Jana Schlütter



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