Alkoholismus Konsum statt Abstinenz

Alkoholabhängige Menschen können maßvolles Trinken durchaus erlernen, meinen Psychologen: Völlige Abstinenz sei nicht der einzige Weg aus der Sucht.


Sucht Alkohol: Intensive Selbstbeobachtung zum Ausstieg nötig
GMS

Sucht Alkohol: Intensive Selbstbeobachtung zum Ausstieg nötig

Jena - Die in der deutschen Suchttherapie klassische These - strikte Abstinenz sei für Alkoholiker die einzige Alternative - müsse korrigiert werden, sagt der Nürnberger Suchtexperte Joachim Körkel. "Viele Alkoholabhängigen wollen zu einem kontrollierten Alkoholkonsum zurückkehren", sagt Psychotherapeut Manfred Spicker. "Aber nahezu unmöglich ist es, es alleine zu schaffen." Alkoholabhängige müssten in jedem Fall psychologisch begleitet werden.

Die Fachhochschule Nürnberg betreut seit einem Jahr ein Programm, das alkoholkranken oder gefährdeten Personen einen vernünftigen Umgang mit der legalen Droge Alkohol beibringen soll. Die Betroffenen lernen, ihr Trinkverhalten bewusst zu steuern.

"Dazu gehört intensive Selbstbeobachtung", erklärt Körkel. Der Alkoholiker müsse registrieren, wie oft und in welchem Umfang er zum Alkohol greift. Wichtig seien überschaubare Ziele: Man könne sich etwa vornehmen, pro Tag nur eine bestimmte Menge Alkohol zu trinken oder an einigen Tagen der Woche ganz darauf zu verzichten. Das Programm helfe auch schwer Abhängigen, die so ermutigt würden, Hilfe überhaupt anzunehmen.

Ein Drittel der Alkoholkranken, die in Kliniken behandelt werden, wünschen sich die Fähigkeit zum maßvollen Umgang mit Alkohol, berichtet Körkel im Rahmen des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, der derzeit in Jena tagt. Kliniken, niedergelassene Psychotherapeuten und Krankenkassen verschlössen jedoch oft die Augen vor dieser Chance einer Behandlung.



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