Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen Krankenhaus-Einweisungen schrecken wenig ab

Saufen bis zum Umfallen: Laut einer Studie schreckt selbst die Einlieferung ins Krankenhaus Jugendliche nicht von weiterem Alkoholmissbrauch ab. Zwar trank die Mehrheit der Betroffenen danach weniger - aber immer noch zuviel.


Krankenhauseinweisungen wegen Alkoholmissbrauchs haben einer Studie zufolge kaum eine abschreckende Wirkung auf Jugendliche. Rund 17 Prozent behielten ihr Trinkverhalten nach einer Alkoholvergiftung bei oder steigerten es sogar, wie die Gmünder Ersatzkasse (GEK) bei der Vorstellung der Untersuchung berichtete. 83 Prozent der Jugendlichen mit der Erfahrung einer Alkoholvergiftung tranken später eigenen Angaben zufolge zwar weniger, konsumierten aber immer noch weitaus häufiger und mehr Alkohol als andere Jugendliche.

Jugendlicher Alkoholkonsum: Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von Alkoholmissbrauch hat sich in den letzten Jahren verdoppelt
DDP

Jugendlicher Alkoholkonsum: Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von Alkoholmissbrauch hat sich in den letzten Jahren verdoppelt

Für die Studie hatte das Hannoveraner Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsforschung (ISEG) 1168 bei der GEK versicherte Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren befragt, die in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet waren. Außerdem wurde eine ähnlich große Gruppe von Gleichaltrigen ohne entsprechende Erfahrung einbezogen.

Krankenhausaufenthalte wegen Alkoholmissbrauchs hatten demnach nur begrenzte Effekte auf das anschließende Trinkverhalten. So hatten die Jugendlichen, die bereits einmal wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus waren, in den vergangenen 30 Tagen mit 10,5 Mal häufiger und auch mehr Alkohol getrunken als Gleichaltrige, die im statistischen Durchschnitt nur 6,2 Mal zu Bier, Schnaps, Wein oder Ähnlichem gegriffen hatten. Fast jeder Dritte hatte exzessives Trinken, das so genannte Binge Drinking, praktiziert. Bei den Jugendlichen ohne Vergiftungserfahrung waren es hingegen nur 13 Prozent.

Knapp 20 Prozent der wegen Alkoholvergiftungen behandelten Jugendlichen gaben an, Alkohol bereits vor dem zwölften Lebensjahr konsumiert zu haben. Im Freundeskreis spiele Alkohol eine zentrale Rolle.

Laut GEK steigt die Zahl der 15- bis 19-Jährigen, die wegen Alkoholmissbrauchs behandelt werden, seit 20 Jahren stetig an. Seit 2002 habe sich der Anteil der behandelten Mädchen und Jungen sogar mehr als verdoppelt. So stieg die Behandlungsrate bei Mädchen von 18 auf 37 pro 10.000 Versicherte, bei gleichaltrigen Jungen von 24 auf 52 pro 10.000 Versicherte.

Nach Angaben der Autorin der Studie, Eva Bitzer, lässt sich der drastische Anstieg nicht allein dadurch erklären, dass heutzutage Krankenhäuser eher in Anspruch genommen werden. Die Ergebnisse belegten einen komplexen Trend, der durch die bisherige Diskussion oder vereinzelte gesetzgeberische Maßnahmen wie die Alkopopsteuer im Jahr 2004 weder gebremst noch umgekehrt worden sei, erläuterte sie.

GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker vertrat die Auffassung, Verbotsstrategien wie Alkoholverbote in Innenstädten seien auf Dauer keine Lösung. Stattdessen müsse eine "Präventionskultur" gefördert werden. Die GEK setze deshalb auf jugendgerechte Information, Sportförderung und jugendärztliche Betreuung.

lub/AFP



insgesamt 780 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aktenzeichen 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer öfter landen Jugendliche extrem alkoholisiert im Krankenhaus. Werden hierbei Einzelfälle dramatisiert? Oder sind scharfe Maßnahmen gegenzur Eindämmung des Missbrauchs von Alkohol dringend erforderlich?
Offenkundig eine Spätfolge der antiautoritären Erziehung der 68er - Deutschland scheint hier mit der Gleichstellung schon weit zu sein.
MarkH, 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer öfter landen Jugendliche extrem alkoholisiert im Krankenhaus. Werden hierbei Einzelfälle dramatisiert? Oder sind scharfe Maßnahmen gegenzur Eindämmung des Missbrauchs von Alkohol dringend erforderlich?
Nein.. es ist eindeutig ein Massenphänomen. Dazu muss man sich ja nur mal bei den Tankstellen umsehen. Was irgendwie völligst unverständlich ist für mich. Warum werden Deutschlands Innenstädte mit Lärmschutz, Polizeistreifen, Sperrstunden, Fahrverboten, Strafzettelorgien etc belegt, wenn sich die Leute dann zu jeder Tages und Nachtzeit an einer beliebigen Tankstelle volllaufen lassen können. Und das in einem Ambiente wie im Supermarkt zu Preisen wie in einem 1st class Hotel
lpino 04.05.2009
3. Die Summe aller Laster ist konstant.
Zitat von sysopImmer öfter landen Jugendliche extrem alkoholisiert im Krankenhaus. Werden hierbei Einzelfälle dramatisiert? Oder sind scharfe Maßnahmen gegenzur Eindämmung des Missbrauchs von Alkohol dringend erforderlich?
Weder noch. Die Zeiten, dass neo-Puritanismus oder gar preußisch-protestantische Enthaltsamkeit der deutschen Jugend zu mehr Moral verhelfen sollten, sind hoffentlich vorüber. Genau diese antiliberale Haltung hat zwar den maßvollen Drogen- und Alkoholkonsum reduziert, gleichzeitig aber wohl Extreme gefördert. Und genau die sind es, die zu die Gesundheit beeinträchtigenden Ereignissen führen. Eine Entideologisierung wäre angebracht, junge Menschen sollten den Umgang mit Alkohol und anderen Genussmitteln in einer der Ekstase suchenden Subkultur abgekoppelten Umgebung erlernen. Es ist albern, gewisse Geschmacksrichtungen schon von Kinderschokolade zu verbieten, weil sie "nach Alkohol" schmecken und somit unsere Jugend zu Säufern geraten lassen würden. Und gleichzeitig eine Parallelwelt mit aufbauen zu helfen, in der Besinnungslosigkeit, und nicht der mit Kulturtechniken zu vermittelnde Genuss das zentrale Anliegen ist.
descartes101, 04.05.2009
4.
Zitat von sysopImmer öfter landen Jugendliche extrem alkoholisiert im Krankenhaus. Werden hierbei Einzelfälle dramatisiert? Oder sind scharfe Maßnahmen gegenzur Eindämmung des Missbrauchs von Alkohol dringend erforderlich?
Nicht nur die Jugend hat ein Alkoholproblem. Die Älteren saufen genauso und schlimmer. Ist ja auch erwünscht, der Alkohol wird ja schliesslich besteuert. Der volkswirtschaftliche Schaden, den der Konsum von Alkohol anrichtet, ist dabei kaum zu beziffern. Alkohol ist eine Droge wie Cannabis, Heroin oder Kokain auch, nur weitaus schädlicher. Die konservativen Flitzpiepen, denen die Drogenpolitik nicht hart genug sein kann, sollten eigentlich genauso über Alkohol und Zigaretten denken. Aber dafür fahren sie viel zu gerne selbst besoffen oder zumindest angetrunken mit ihrem weissblauen Premiumauto durch die Gegend. Wer erinnert sich nicht mit Grausen an die hässlichen Politikergrimassen mit Massbier? Denen ist die besoffene Jugend zu verdanken.
Nicosch, 04.05.2009
5. !
Ich hab es nicht anders gemacht, wenn es eine Möglichkeit/Gelegenheit gab sich zu betrinken, habe ich diese mit meinen Freunden auch genutzt. Meinen ersten Vollrausch hatte ich mit 13 Jahren. Zuerst haben wir unsere Grenzen ausgetestet und erfahren, wieviel wir eigentlich vertragen konnten, um dann wenigstens einigermaßen verantwortlich mit ALkohol umgehen zu können (Verantwortung? Lächerlich, nur wollte keiner mehr vor den anderen abstürzen). Tja, Alkohol ist nunmal gesellschaftlich anerkannt, bei Jugendlichen regt man sich auf, aber wir Erwachsenen sind eben ein schlechtes Vorbild, egal in welchen Kreisen. Wenn ich auf Forschungsreisen bin, wird jeden Abend getrunken...um den Geist zu erweitern natürlich... Ich weiß nicht, ob heute unter den Jugendlichen mehr und intensiver getrunken wird, ich weiß auch nicht, wie man uns von damals noch toppen könnte, aber ich glaube, dass dieses Thema eben einfach sehr in den Fokus der Medien geraten ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.