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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Susanne Götze

SPIEGEL-Klimabericht Weniger Holz vor der Hütte

Susanne Götze
Von Susanne Götze, Redakteurin Wissenschaft
Ist ein Holzofen eine umweltfreundliche Alternative zum klimaschädlichen Erdgas? Die Energieholzlobby will das die Verbraucher glauben machen. Nun gab es erstmals eine Abstimmung gegen die angeblich klimaneutrale Energiequelle.

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Knistern eines Kamins ist für die meisten Menschen romantisch, naturnah und vor allem sehr gemütlich. Wer sitzt nicht gern vor den wärmenden Flammen, blickt versunken ins Feuer und redet mit seinen Liebsten über Gott und die Welt? Das abendliche Hantieren mit Holz verbindet uns mit den Urahnen, weckt archaische Gefühle und gaukelt vor, wir wären naturverbunden.

Derzeit ist das Heizen mit Holz aber noch aus anderen Gründen auf dem Vormarsch: Aus Angst vor explodierenden Gaspreisen decken sich Verbraucherinnen und Verbraucher mit Holzöfen und Kaminen ein. Bereits im Juli sagte ein Sprecher des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima: »Mit Ausbruch des Krieges ist die Nachfrage explodiert«. Ofenbauer und Installateure könnten sich vor Aufträgen besorgter Kunden kaum retten, die eine zusätzliche Heizmöglichkeit in Haus oder Wohnung einbauen wollen. Es käme zu Wartezeiten von bis zu einem Jahr. Auch Brennholz wird mittlerweile zur Mangelware.

Der Holzboom geht zudem über den Privatverbrauch hinaus. Auch Kraftwerke werden mittlerweile mit Holz gefüttert und als klimafreundliche Alternative zu Kohle gepriesen, etwa das britische Drax-Kraftwerk , das bereits heute Biomasse nutzt. Allein 2020 verbrannte Drax 7,37 Millionen Tonnen Holzpellets . Auch Biomassekraftwerke, etwa in Berlin-Neukölln, schlucken Frisch- und Altholz in rauen Mengen.

Holz – so die Annahme – ist per se klimafreundlich und eine willkommene Alternative zu fossilen Ressourcen. Denn der im Holz eingelagerte Kohlenstoff wird zwar beim Verbrennen wieder zu CO₂ – aber das wird durch neues Baumwachstum an anderer Stelle wieder der Atmosphäre entzogen. Holz ist also angeblich klimaneutral – und damit deutlich besser als Öl, Gas oder Kohle.

Deutsche Wälder in die Öfen? Kritiker warnen vor einem ökologischen Irrweg.

Deutsche Wälder in die Öfen? Kritiker warnen vor einem ökologischen Irrweg.

Foto: Albrecht Schlotter / EyeEm / Getty Images

Deshalb gilt das Verbrennen von Bäumen in der EU auch als erneuerbare Energiequelle. Weil die für die Energiewende gebraucht werden, gibt es auch staatliche Förderungen. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen. Aber mit immerhin 17 Milliarden Euro  pro Jahr subventioniert man in der EU die Energieerzeugung aus Biomasse, dazu werden auch Holzkraftwerke gezählt.

Für Wissenschaftler und Umweltschützer ist das ein Graus. Sie argumentieren, dass Holz weder aus Klimasicht noch aus gesundheitlichen Gründen als erneuerbare Energie gelten dürfe. In einem offenen Brief  erklärten rund 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern, dass beim Verfeuern von Holz »für jede erzeugte Kilowattstunde Wärme oder Strom wahrscheinlich zwei- bis dreimal so viel CO₂ ausgestoßen wird wie bei der Verwendung fossiler Brennstoffe«. Es sei eine »fehlgeleitete Tendenz«, ganze Bäume zu fällen oder große Teile des Stammholzes für Bioenergie abzuholzen. Dadurch würde Kohlenstoff freigesetzt, der andernfalls in den Wäldern gebunden bleiben würde.

Für Einwohnerinnen und Einwohner von Städten könnte der Holzboom gesundheitliche Folgen haben. Laut Umweltbundesamt  liegen die Emissionen von Holzöfen bezogen auf PM2.5, die kleinere Feinstaubkomponente, »in der Größenordnung der Emissionen aus dem gesamten Straßenverkehr« (siehe Grafik).

»Das Holzofengate ist größer als Dieselgate«, erklärte auch Achim Dittler, vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bereits Anfang des Jahres dem SPIEGEL  – und das noch vor dem Holzboom und der Gaskrise. In einer Stellungnahme der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina heißt es : »Die Zahl von Holzöfen, deren Installation unter ganz bestimmten Voraussetzungen auch staatlich gefördert wurde und wird, hat in den letzten Jahren stark zugenommen.« Sie trügen erheblich zur direkten Feinstaubemission in Städten bei und würden im Alltagsbetrieb »häufig deutlich mehr Feinstaub (ausstoßen) als auf dem Typenschild angegeben«.

Warum Politik, Verbraucherinnen und Verbraucher immer noch glauben, dass Holz am Ende im Grund doch nachhaltig und ökologisch ist, verdanken wir wohl auch der in diesen Tagen besonders aktiven Energieholzlobby. Sie bombardieren nicht nur deutsche Umweltämter und Ministerien mit ihren Aufrufen, sondern auch die Abgeordneten im EU-Parlament. So behaupten etwa die deutschen Verbände der Forst- und Holzwirtschaft, darunter der Deutsche Energieholz- und Pelletverband sowie AGDW – die Waldeigentümer – weiterhin, dass Holz klimaneutral sei.

Die Darstellung auf der »Themenseite« des Bundesumweltministeriums sei falsch. »Verkürzte und missverständliche Bewertungen von staatlicher Seite verunsichern Bürgerinnen und Bürger«, schreiben die Autoren des Lobbyschreibens. Und ihre europäischen Dachverbände raten »dringend davon ab« die Verbrennung von »primärer Holzbiomasse« – also von ganzen Bäumen oder Stämmen aus Wäldern – einzuschränken. Das würde den Kampf gegen den Klimawandel behindern und die Energiekrise verschärfen.

Biomasseheizkraftwerk in Berlin-Neukölln (RWE): Bis zu 240.000 Tonnen Frisch- und Altholz werden hier pro Jahr verbrannt

Biomasseheizkraftwerk in Berlin-Neukölln (RWE): Bis zu 240.000 Tonnen Frisch- und Altholz werden hier pro Jahr verbrannt

Foto: IMAGO

Diesen Mittwoch kam es trotz Lobby-Gebaren dann doch zu einer kleinen Revolution. Erstmals entschied das Europaparlament, die Holzverfeuerung einzuschränken: Zwar soll Biomasse etwa aus Holz nach dem Willen der Abgeordneten weiterhin als erneuerbare Energiequelle gelten. Doch soll die Menge gedeckelt werden und staatliche Förderung schrittweise auslaufen. Der Kurswechsel wurde im Zuge der Abstimmung über die Erneuerbare-Energien-Richtlinie  vollzogen: Eine Mehrheit stimmte dafür, dass bis 2030 insgesamt 45 Prozent der Energie in der EU aus erneuerbaren Quellen kommen sollen – bisher waren es nur 40 Prozent.

Erstmals wurde dabei heftig debattiert, ob auch die Holzverbrennung in dieses Ziel mit eingerechnet werden darf. So einigte man sich schließlich darauf, die Subventionen für »primäre Holzbiomasse« zu beenden. Damit sind etwa gesunde oder auch umgestürzte Bäume gemeint, die als Brennstoff genutzt werden. Bäume, die aus anderen Gründen, etwa für die Verkehrssicherheit gefällt werden, können nach den Vorschlägen des Parlaments weiterhin von Subventionen für erneuerbare Energien profitieren. Sogenannte sekundäre Holzbiomasse – Restholz oder Gebrauchtholz – ebenfalls. Für die Gegner von Energieholz ist es also nur ein Teilsieg – aber immerhin.

Die größten Kritiker sind im Parlament die Grünen. Für sie ist das Verfeuern von Wäldern in Kraftwerken »ökologischer Selbstmord«. Sie wollten eigentlich komplett Schluss machen mit der Idee, dass Holz eine erneuerbare Energie sei. Doch die Kommission und Konservative hätten sich eben durchgesetzt.

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Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihre Susanne Götze

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