Altersforscher Warum Frührente krank machen kann

Führende deutsche Altersforscher kritisieren im SPIEGEL die Pläne der SPD für mehr Altersteilzeit. Länger im Job zu bleiben habe zahlreiche Vorteile - und könne Krankheiten wie Demenz und Altersdepression entgegenwirken. Bilanz: Frühverrentung ist in vielen Fällen "bodenloser Unsinn".


"Wer gesunde Menschen, die 90 Jahre alt werden können, dazu verlockt, mit 60 in den Ruhestand zu gehen, schickt sie auf einen gefährlichen Weg", sagt die Leiterin des Zentrums für lebenslanges Lernen an der Jacobs Universität Bremen, Ursula Staudinger, dem SPIEGEL. Stress und körperlicher Verschleiß stellten zwar Probleme dar, aber wir unterschätzen massiv, wie zentral Arbeit für das Wohlbefinden des Großteils der Bevölkerung ist."

Demonstration für Altersteilzeit (in Düsseldorf am 16.06.): Forscher warnen vor den Gefahren der Frühverrentung
DPA

Demonstration für Altersteilzeit (in Düsseldorf am 16.06.): Forscher warnen vor den Gefahren der Frühverrentung

Konkret kritisierte Staudinger die Pläne der SPD für eine Ausweitung von Regelungen zur Altersteilzeit. Statt für einen früheren Ruhestand sollte sich die SPD dafür einsetzen, dass ältere Arbeitnehmer weitergebildet werden und Menschen in körperlich anstrengenden Berufen rechtzeitig Alternativen bekämen.

Noch deutlicher wurde der Mannheimer Altersökonom Axel Börsch-Supan. "Bodenlosen Unsinn" nennt er der den Vorstoß der Sozialdemokraten für mehr Altersteilzeit ab 60. Ulman Lindenberger, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, fügt hinzu: "Die SPD war schon einmal deutlich weiter." Für "supergefährlich" hält Börsch-Supan die Fortführung der Altersteilzeit, wie die Sozialdemokraten sie fordern.

Nicht nur die Volkswirtschaft, auch der Einzelne könne von fortgesetzter Arbeit profitieren, urteilen die Wissenschaftler. Mit Ausnahme von Knochenjobs bringe Arbeit nicht nur Einkommen, sondern auch gesundheitliche Vorteile: enge Sozialkontakte, einen festen Tagesrhythmus, körperliche und geistige Herausforderungen.

Die Autoren einer noch unveröffentlichten Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen kommen zu dem Schluss, der Übergang in den Ruhestand sei keinesfalls generell ungesund. Je früher vor der normalen Rentengrenze und je unfreiwilliger er jedoch stattfinde, desto größer sei die Gefahr von Gesundheitsschäden.

40 Jahre lang am Arbeitsplatz Giftdämpfe einzuatmen oder am Fließband nur eine Bewegung auszuführen ist zweifellos ungesund. Doch hier seien Arbeitsmediziner und Personalmanager gefragt, nicht Rentenversicherer, sagt Max-Planck-Direktor Lindenberger. "Die Fähigkeiten von älteren Menschen werden massiv unterschätzt", sagt er, "aber Unternehmer müssen erst lernen, sie zu mobilisieren und zu erhalten."

Neue soziale Frage: Fitness im Alter

Lindenberger sieht eine neue soziale Frage: Hochgebildete, wohlhabende Menschen seien am ehesten in der Lage, ihren Ruhestand aus eigenen Kräften gesund und aktiv zu gestalten. "Die joggen und lernen Sprachen." Für die weniger privilegierte Mehrheit hingegen sei die Herausforderung durch Arbeit ungleich wichtiger, um fit zu bleiben. Besorgniserregend sind für die Wissenschaftler vor allem zwei Erkrankungen, die im Alter gehäuft auftreten: Depression und Demenz.

Zwar kann übermäßiger Stress am Arbeitsplatz Krankheiten des Gemüts begünstigen. Es mehren sich jedoch Belege dafür, dass normal belastende Arbeit durch soziale Teilhabe, Bewegung und Aktivität umgekehrt einen Schutz vor diesen Krankheiten bieten kann. Schon seit Jahren sind Alters- und Gedächtnisforscher den heilsamen Wirkungen von geistiger Betätigung und gesellschaftlichem Engagement auf der Spur.

Noch verschließt sich die große Mehrheit der Deutschen dem neuen Denken. In Umfragen lehnen es bis zu 90 Prozent der Befragten ab, das Rentenalter bis 2029 sukzessive von 65 auf 67 Jahre anzuheben. Von unmittelbar Betroffenen dagegen ist anderes zu hören: Bei einer großangelegten Studie hat Axel Börsch-Supan ermittelt: "Die Freude über den Vorruhestand verpufft schnell." Viele wollten wieder zurück in den Job, allerdings mit einer reduzierten Arbeitszeit, hat auch Staudinger herausgefunden.

cis



insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
Rationalist 16.06.2008
1. Halten wir Herr Rürup für befangen?
Sorry, Rente ist für Alte allemal besser als Hartz VI - oder eine jener privaten Lebensversicherungen, die der Sachverständige natürlich - aus naheliegenden Gründen - mehr schätzt. Der neue Vorschlag aus der SPD dürfte aber als Teil des Vorwahlkampfs nicht sonderlich ernst zu nehmen sein. Wird der SPD auch nichts helfen, da hat NW MinPräs Rüttgers recht: diese Partei hat mit ihrer Asozialpolitik ihren Untergang eingeläutet. Recht so.
firstart 16.06.2008
2.
Die neue, wie auch die mittlerweile zum Glück abgeschaffte alte Reglung der Altersteilzeit etc. ist absolut falsch. Die Rente mit 67 war der richtige Schritt in die richtige Richtung. Wir haben auf der einen Seite Angst vor Überalterung, schicken aber die "Alten" in Rente, damit jüngere einen Job bekommen. Ob schonmal jemand bemerkt hat, das es diese Jüngeren gar nicht gibt?
Baikal 16.06.2008
3.
Zitat von sysopDie SPD will die aktuelle Regelung zur Altersteilzeit verlängern. Ein vernünftiger Schutz für alte und kranke Arbeitnehmer oder nur ein Vorwand für Unternehmer, konstengünstig Arbeitsplätze abzubauen?
Wir lernen nun doch schon lange das wirtschaftspolitische Neusprech: niedrige Löhne erhalten Arbeitsplätze, private Alterversicherungen sind besser als gesetzliche, höhere Beiträge zu den Krankenkassen verbessern die Gesundheitsvorsorge, Leistungskürzungen schaffen Stabilität und der Aufschwung kommt auch unten an.Orwell hat die Politik gekapert und die Lüge ist die Wahrheit (Vorname wechselnd: Sinn, Hüther, Rürup, Raffelhüschen, Miegel, Merkel usw)
antonida 16.06.2008
4. Antwort an Rationalist:
Ich stimme Ihrer Meinung voll zu. Aber die SPD-Führung will davon noch nichts gemerkt haben. Marx nennt die Auswirkungen einer solchen Politik "Schaffung einer vorrevolutionären Situation". Wird Marx wieder modern?
volkmargrombein 16.06.2008
5.
Zitat von sysopDie SPD will die aktuelle Regelung zur Altersteilzeit verlängern. Ein vernünftiger Schutz für alte und kranke Arbeitnehmer oder nur ein Vorwand für Unternehmer, konstengünstig Arbeitsplätze abzubauen?
Es hätte dem Spiegel gut zu Gesicht gestanden, in Rürups Biographie seine Tätigkeiten für diverse Lobby-Verbände mit aufzuführen. So ist er Berater und Interessenvertreter in zahlreichen Versicherungsunternehmen und leitet ein Forschungsinstitut in Mannheim, dass zum neo liberalen Netzwerk gezählt wird. Soviel zu dem " unabhängigen Experten". Leider schleicht sich somit der Eindruck ein, dass Rürup fürchtet, dass bei der SPD - Initiative seine, Rürups Klientel, um ihre Pfründe fürchtet. Ich hielte es für sinnvoller, den Inhalt des SPD-Papiers kpl. zu veröffentlichen
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