Neue Analyse von Tutanchamun-Messer Der Königsdolch aus dem All-Metall

Der Dolch des legendären Pharao Tutanchamun ist nicht nur schmuck, das Material für seine Klinge stammt aus dem Weltall. Wissenschaftler haben die Waffe nun erneut untersucht – und mehr über deren Ursprung herausgefunden.
Dolch mit Scheide: Eine Klinge, nicht von dieser Welt

Dolch mit Scheide: Eine Klinge, nicht von dieser Welt

Foto: The Egyptian Museum of Cairo / dpa

2022 ist ein Jahr der bedeutenden Jubiläen für die Ägyptologie. Vor 200 Jahren, im September 1822, legte der Franzose Jean-François Champollion den Grundstein für die Entzifferung der Hieroglyphen. Und vor hundert Jahren entdeckte der Brite Howard Carter im Tal der Könige ein nahezu vollständig erhaltenes Grab, es war die Ruhestätte des altägyptischen Pharaos Tutanchamun. Zu den zahlreichen kunstvollen Objekten, die nach und nach aus den Kammern geborgen wurden, gehörte auch die legendäre Totenmaske des jung verstorbenen Königs, die heute in einem Museum in Kairo täglich viele Besucher anzieht.

Bei allem Prunk in dem Grab schien der Dolch des Regenten kaum aufzufallen: eine zweischneidige Klinge mit einem gold- und edelsteinverzierten Griff, zusammen etwa 30 Zentimeter lang. Dabei barg die Eisenklinge ein Rätsel: Denn zur Zeit der Regentschaft von Tutanchamun im 14. Jahrhundert vor Christus war die Verhüttung von Eisen in seinem Reich noch nicht bekannt.

Vor einigen Jahren konnten Forscher das Rätsel lösen: Das Metall der Klinge ist nicht von dieser Welt. Sie wurde aus Meteoreisen gefertigt, das Material ist also einst buchstäblich vom Himmel gefallen und stammte aus dem Weltall. Erst später wurde der Klumpen zu einer Dolchklinge geschmiedet. Sie besteht vor allem aus einer Mischung von Eisen und Nickel. Aber die Art der Herstellung sowie die Herkunft des Metalls sind nach wie vor nicht geklärt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Takafumi Matsui und Tomoko Arai vom Chiba Institute of Technology in Japan wollten es nun genauer wissen und haben es erneut analysiert. Dabei hatten sie es mit einer Schwierigkeit zu tun, denn die Klinge durfte für die Untersuchungen nicht beschädigt werden. Also fuhren sie ins Ägyptische Museum nach Kairo und legten den Dolch unter eine Fotokamera sowie ein spezielles Röntgenfluoreszenzgerät, um die Verteilung der Elemente auf der Oberfläche der Klinge zu untersuchen, berichten sie im Fachblatt »Meteoritics & Planetary Science«. 

Dolchklinge aus dem Grab von Tutanchamun

Dolchklinge aus dem Grab von Tutanchamun

Foto: The Egyptian Museum of Cairo / dpa

So gelang es ihnen über den Anteil des Nickels, die extraterrestrische Herkunft noch einmal zu bestätigen. Aber das Team fand noch mehr heraus. Sie machten sogenannte Widmanstätten-Strukturen sichtbar, ohne die Klinge zu zerstören. Diese Muster aus Linien und kubisch aussehenden Formationen, ähnlich denen von geschliffenem Damaststahl, entstehen üblicherweise auf der Oberfläche einer speziellen Form von Nickel-Eisen-Meteoriten, den Oktaedriten. Dafür müssen diese aber normalerweise angeschliffen oder angeätzt werden – das war hier aber nicht möglich. Wie andere Eisenmeteoriten auch, kommen Oktaedriten aus dem Kern von Asteroiden, mächtigen Brocken, die um unsere Sonne kreisen und aus der Frühzeit unseres Sonnensystems stammen.

Nachdem der Eisenmeteorit auf die Erde gefallen war und geborgen wurde, muss er für den Dolch einst bei relativ niedrigen Temperaturen um 950 Grad Celsius geschmiedet worden sein. Das folgern die Forscher aus der Tatsache, dass die Widmanstätten-Strukturen auf dem damals auch Himmelseisen genannten Material noch sichtbar waren. Bei größerer Hitzeeinwirkung wären sie verschwunden.

Weitere Analysen deuten darauf hin, wie der Dolch zu Tutanchamun gelangt sein könnte. Denn der Griff der Waffe war mit eingeklebten Edelsteinen verziert. Dafür wurde eine stark kalkhaltige Masse verwendet. Ein solcher Kalkgips taucht in Ägypten aber erst mit der Zeit der Ptolemäer kurz vor Christi Geburt auf. Deshalb vermuten die Japaner, dass der Dolch nicht im Alten Ägypten gefertigt wurde, sondern womöglich das Geschenk eines fremden Herrschers war.

Welcher das sein könnte, bezeugen die Amarna-Briefe, alte Schrifttafeln, die in der gleichnamigen Fundstätte am Ostufer des Nils in Mittelägypten entdeckt wurden. Dort wird von einem eisernen Dolch mit Goldgriff berichtet, den Amenhotep III, ein Vorfahre und Verwandter von Tutanchamun, einst vom König von Mitanni geschenkt bekommen haben soll. Dieses Reich erstreckte sich im 15. und frühen 14. Jahrhundert vor Christus über nördliche Teile der Arabischen Halbinsel. Und dort wurden bereits ähnliche, kalkhaltige Kleber verwendet.

Möglicherweise war der Dolch also einst ein Gastgeschenk und wurde dann zum Familienerbstück. Das Edelmesser, das Tutanchamun im Jenseits nützliche Dienste erweisen sollte, wird demnächst zusammen mit allen Gegenständen aus seinem Grab erstmals im neuen Grand Egyptian Museum (GEM) nahe der Pyramiden von Gizeh zu sehen sein. Auf die Eröffnung, die noch in diesem Jahr der großen Jubiläen erfolgen soll, fiebern Touristen und Altertumsforscher schon seit Langem hin.

joe

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.