Altes Ägypten Der verlorene Tempel des Gottkönigs

Es sollte eine prächtige Festung für die Ewigkeit sein. Doch der Königstempel von Amenophis III. mit den sitzenden Kolossen hielt der Zeit nicht stand. Erdbeben, Steinraub und Nilfluten ließen sie der Vergessen anheimfallen - bis Archäologen erstaunliche Funde machten.
Von Anja Herold

Die Memnons-Kolosse haben Erdbeben überstanden, Nilfluten und Sandstürme, Sonnenglut und Frostnächte, Vandalismus und Plünderung. Seit mehr als 33 Jahrhunderten thronen die beiden steinernen Statuen auf dem Westufer des Nil bei Luxor: sitzende Giganten aus rotem Quarzit, rund 18 Meter hoch, die zerborstenen Gesichter nach Osten gewandt, die Hände flach auf die Knie gelegt, die Beine nah beieinander gestellt, die Spitze eines kleinen Fingers so groß wie der Kopf eines erwachsenen Menschen.

Einst erhob sich hinter ihnen das monumentalste Heiligtum, das je ein Pharao zu seinem eigenen Gedenken errichtet hat: der Königstempel Amenophis’ III., in dem der Herrscher schon zu Lebzeiten symbolisch als Gott verehrt wurde und Priester ihm Opfergaben für sein Fortleben im Jenseits darbrachten.

Um das Jahr 1385 v. Chr. ließ Amenophis III. mit dem Bau dieser "Festung für die Ewigkeit bis zur Unendlichkeit" für sich und seinen göttlichen Vater Amun beginnen, "aus Sandstein, gänzlich verkleidet mit Gold, die Fußböden aus Silber, reich ausgestattet mit Statuen", wie es auf einem Denkstein aus jener Zeit eingemeißelt steht. Mit Pylonen – mächtigen Tortürmen – und hochragenden Fahnenmasten davor. Mit einem fischreichen See, das Ufer bewachsen mit Blumen. "Mit einem Arbeitshaus voller Sklaven und Sklavinnen, der Beute seiner Majestät" aus fernen Ländern. Mit Magazinen, gefüllt mit den Schätzen des Nahen Ostens.

Aber der Tempel von Amenophis III. war keine Festung für die Unendlichkeit. Nicht viel kündet heute noch von diesem Monument der Macht und des Glaubens. Einsam stehen die beiden kolossalen Bildnisse des Pharao auf der Spitze eines etwa 700 Meter langen und 150 Meter breiten Ausläufers des thebanischen Westgebirges. Deutlich hebt sich der sandige Geländestreifen als graues Rechteck von der fruchtbaren Ebene ab.

Im Norden trennt ihn ein Bewässerungsgraben von den umliegenden Feldern. Im Osten liegt wenige Meter vor den Giganten ein Parkplatz für Touristenbusse. Im Süden begrenzt das Gelände eine Straße, die vom Nil hinaufführt. Jenseits des Straßendamms ackern Bauern.

Auch auf dem staubigen, mit wenigen Bäumen bestandenen Streifen westlich der Memnons-Kolosse schuften in der Hitze Menschen – doch nicht, um den Boden urbar zu machen, sondern um ihm Geheimnisse zu entlocken. Es sind Archäologen, die inmitten von Säulenstümpfen, zerschlagenen Statuen und Denksteinen ihre Zelte, Tische und Sonnenschirme aufgestellt haben.

Seit zehn Jahren arbeiten sich die Forscher hier in der jeweils etwa zweieinhalbmonatigen Grabungssaison zwischen Mitte Januar und Anfang April immer tiefer in die Vergangenheit vor. In Planquadraten von zehn mal zehn Meter Seitenlänge tragen sie den Boden bis auf eine Tiefe von bis zu vier Metern ab. Ein aufwendiges Pumpsystem senkt dafür den Grundwasserspiegel.

Die Archäologen setzen derzeit ein Puzzle zusammen, das so zersplittert ist wie kein zweites in Ägypten und dessen mehrere Zehntausend Einzelteile – manche von ihnen 450 Tonnen schwer – nicht nur bei Luxor liegen, sondern in etlichen Museen weltweit.

30 Wissenschaftler, Zeichner und Restauratoren aus zwölf Nationen sowie 250 einheimische Kräfte arbeiten daran, die Ruinen des Königstempels von Amenophis III. so weit wie möglich zu rekonstruieren und aus ihnen herauszulesen, wie den Göttern und dem Pharao gehuldigt wurde zu einer Zeit, als Ägypten so einflussreich und wohlhabend war wie nie zuvor in seiner Geschichte.

19. März 2008, sechs Uhr morgens. Die aufgehende Sonne lässt die Memnons-Kolosse lange Schatten werfen, taucht die weißen Arbeitszelte der Archäologen in mildes Zwielicht. Dunst steigt auf aus den nahen Zuckerrohrfeldern. Noch ist es angenehm kühl, etwa 15 Grad Celsius, noch liegt kein Staub in der Luft. Allein das Fauchen der Gasbrenner in den Fesselballons, mit denen Touristen in den Himmel über den Ruinen der thebanischen Totenstadt starten, ist über der Ausgrabungsfläche im Rücken der steinernen Giganten zu hören.

Schon bald aber ertönen andere Geräusche. In das helle Zwitschern einer Finkenkolonie mischt sich das gleichmäßige Klirren von Kettengliedern in den Umlenkrollen eines Flaschenzugs.

Miguel López Marcos hockt auf einem Holzgerüst über einer breiten, gut dreieinhalb Meter tiefen Grube. Der spanische Restaurator ist in dem Team seit Jahren für die Schwerlasten zuständig. Unter ihm hängt in den Gurten des Flaschenzuges eine kurz zuvor freigelegte granitene Göttin. Es ist die löwenköpfige Sachmet, die unter den Pharaonen als Rächerin des Sonnengottes und Beschützerin des Königs galt.

Langsam ziehen ägyptische Arbeiter die etwa 1,80 Meter große Statue an einer Kette in die Höhe. Sie raunen sich kurze Kommandos zu.

"Iftah aleiki": "Zieh zu dir rüber."

"Ahsan geda": "So ist es besser."

Erst als die Statue nach einer halben Stunde frei unter dem Dreibein des Flaschenzuges hängt, wird es etwas lauter.

"Irfa! Irfa! Hat el-arabijja!": "Hoch! Hoch! Hol den Karren!"

Behutsam senkt sich die Göttin auf den niedrigen Wagen. Zwölf Mann legen sich davor in die Seile, López Marcos und vier andere stemmen sich von hinten an den schlammverschmierten Fund. Ein Ruck – und der Karren kommt in Fahrt.

Vorsichtig transportieren die Männer die Statue der menschengestaltigen Göttin mit der Sonnenscheibe auf dem Löwenkopf in den Hof der etwa 50 Meter entfernten Restaurierungswerkstatt, dem einzigen festen Gebäude am Rande der Grabung. Noch am selben Vormittag wird eine Spezialistin für die Konservierung schwarzen Granits die Löwengöttin von Lehm- und Kalkresten reinigen.

Mehr als 80 Skulpturen und große Statuenfragmente von Sachmet haben die Archäologen bei dieser Grabung bisher gefunden. Und keine gleicht exakt der anderen. Die meisten zeigen sie sitzend, andere stehend. Feine Unterschiede offenbaren sich erst bei genauerem Hinsehen, etwa mit welchen Verzierungen die Bildhauer das Gewand der Göttin in den Stein geschlagen haben.

Möglicherweise standen in dem Heiligtum des Amenophis einst rund 40 gut acht Meter hohe Kolosse des Königs; dazu mehr als 1000 tier- oder menschengestaltige Götterfiguren, darunter ein fast lebensgroßes Nilpferd aus weißem Alabaster und ein ebenfalls aus Alabaster gefertigter Krokodilsphinx, halb Löwe, halb Reptil – beides Kunstwerke, wie sie noch nirgendwo sonst gefunden worden sind.

Das Land am Nil erlebt im 14. Jahrhundert v. Chr. ein goldenes Zeitalter. Seit den Tagen Thutmosis’ III. ist das Pharaonenreich führende Macht im östlichen Mittelmeerraum. Als Amenophis III., der Urenkel des Kriegerkönigs, 1388 v. Chr. den Thron besteigt, erbt er ein Imperium, das von Nordsyrien bis zum vierten Katarakt reicht.

Die Nilschwemme ist stabil und bringt dem Land reiche Ernten. Handelsschiffe segeln zu den Häfen des östlichen Mittelmeerraums. Fayenceplaketten mit dem Namen Amenophis’ III., vermutlich Anhänger von Geschenklieferungen, finden sich in vielen Orten der Ägäis. Klug sichert der Pharao die Beziehungen zu den orientalischen Großreichen und den Stadtfürsten Syriens und Palästinas durch Bündnisse ab – Teile der Korrespondenz darüber sind auf tönernen Keilschrifttafeln erhalten.

In ihren Briefen reden die orientalischen Großkönige Amenophis III. mit "mein Bruder" an. Vasallen indes zollen ihren Respekt durch die Anrede "meine Sonne, mein Herr". Immer wieder geht es in den Briefen um diplomatische Hochzeiten, mit denen Amenophis III. freundschaftliche Bande stärkt und zugleich die Vormachtstellung Ägyptens unterstreicht.

Bei jeder Eheschließung wechseln kostbare Geschenke den Besitzer, Edelmetalle, Pferde, Lapislazuli, duftende Salben: Allein für eine Braut aus dem Königshaus von Babylon schickt Amenophis III. eine Morgengabe von einer halben Tonne Gold. So zahlt sich der Pakt für alle Beteiligten aus. Als aber der König von Babylon um die Hand einer ägyptischen Prinzessin anhält, ist die Antwort eindeutig: "Seit uralten Zeiten wurde noch nie die Tochter eines Königs von Ägypten an irgendjemanden verheiratet!"

Nie zuvor hat die Hauptfrau eines Pharao solchen Einfluss besessen

Im Harem Amenophis’ III. dagegen leben neben der Königstochter vom babylonischen Hof auch Prinzessinnen aus dem kleinasiatischen Arzawa und aus dem Reich von Mitanni am oberen Euphrat.

Zur "Großen Königlichen Gemahlin" jedoch erwählt der Pharao Teje, die Tochter eines Beamten. Und noch bemerkenswerter als ihre Herkunft ist, was aus ihr wird: Nie zuvor hat die Hauptfrau eines Pharao solchen Einfluss besessen. Amenophis III. weiht ihr einen eigenen Tempel, macht ihre nichtkönigliche Abstammung auf beschrifteten Gedächtnis-Skarabäen weit über das Niltal hinaus bekannt, gewährt ihren Eltern die seltene Ehre eines Grabes im "Tal der Könige".

Gemeinsam mit Teje – die auf Darstellungen ihres Mannes häufig an dessen Seite erscheint – sieht sich Amenophis III. als Schutzherr Ägyptens, verantwortlich für die Fruchtbarkeit des Landes und den Wohlstand seiner Untertanen. Und schließlich beginnt er sich sogar mit dem Sonnengott zu identifizieren, nennt sich "Glänzende Sonnenscheibe aller Länder".

Immer neue Tempel gibt der König in Auftrag, bestehende lässt er erweitern. "Es war aber das Herz Seiner Majestät zufrieden beim Errichten von sehr großen Denkmälern", verkündet er auf einem Denkstein.

Kein Heiligtum symbolisiert dieses Streben nach Beistand der Götter mehr als der Königstempel des Amenophis am westlichen Nilufer bei Luxor. Felsinschriften in Steinbrüchen unweit von Kairo beweisen, das der Pharao dort bereits in seinem ersten Regierungsjahr feinen Kalkstein schlagen lässt – als Baumaterial seiner Festung für die Ewigkeit.

Erstmals fertig gestellt wird das Heiligtum nach fast 30 Jahren Bauzeit 1358 v. Chr. In jenem Jahr nutzt Amenophis den Königstempel als Kulisse zu seinem ersten Sed-Fest – jenem geheimnisvollen Ritual, das die Pharaonen traditionell in ihrem 30. Regierungsjahr feiern (und dann je nach Bedarf immer wieder) und das nur einem Zweck dient: der magischen Erneuerung königlicher Kraft und Machtfülle durch die Götter.

Während des Tempelbaus weilt Amenophis immer öfter in Theben, wo ihm unweit der Baustelle seines Königstempels ein weitläufiger Palast errichtet wird. Davor graben Arbeiter einen künstlichen See, einen Kilometer breit und zwei Kilometer lang und über einen Kanal mit dem Nil verbunden.

Im Tempel werden Götterstatuen sowie Kolossalfiguren des Königs aus allen Steinbrüchen des Landes aufgestellt. Manche der Giganten sind aus dem roten Quarzit des Gebel el-Ahmar (östlich des heutigen Kairo), andere aus dem weißen Alabaster des mittelägyptischen Hatnub oder dem Rosengranit von Assuan.

Als Amenophis 1351 v. Chr. mit etwa 50 Jahren stirbt, nach langem Siechtum und – so beweist es seine Mumie – mit fauligen Zähnen, erstreckt sich der Tempel auf einer Länge von mehr als einem halben Kilometer von Ost nach West.

Flaggenmasten überragen das mächtige Eingangstor mit den Memnons-Kolossen. Der Hof dahinter führt zum zweiten, mit weißem Kalk verputzten Lehmziegel-Pylon. Davor stehen vier goldbeschlagene Fahnenmasten aus Zedernholz – Spuren der Vergoldung werden Archäologen später finden – sowie zwei sitzende Giganten des Pharao von gut 15 Meter Höhe aus Quarzit.

Vor einem dritten Tor thront auf schwarzen Granitsockeln ein weiteres Paar Kolosse – diesmal aus Alabaster.

Erst wer diesen Pylon durchschreitet, gelangt schließlich in das Innere des eigentlichen Tempels. Kolonnaden, mehr als 15 Meter hoch, säumen den mit Sandsteinplatten gepflasterten Hof, von dem aus die Priester über eine geschlossene Halle in das Allerheiligste gelangten.

Wie jedes ägyptische Heiligtum ist auch der Tempel des Amenophis ein Ort der Götter. Doch der Pharao hat den Bau unter ein ganz besonderes Thema gestellt: sein Sed-Fest, das er im Beisein der Gottheiten Ägyptens insgesamt dreimal in dem Tempel feiern und für das er den Komplex bei jeder Neuauflage erweitern lassen wird. Als seine persönliche Schutzgöttin wacht Sachmet in vielen Statuen über den Ablauf des Rituals.

Aber diese Festung für die Ewigkeit ist mehr als eine kultische Bühne – sie ist ein in Stein gehauener Spiegel Ägyptens und seines Großmachtanspruchs: Die Standfiguren in der Nordhälfte des Heiligtums zeigen den König mit der unterägyptischen Krone, in der Südhälfte trägt Amenophis III. die Krone Oberägyptens – und auf den Sockeln haben die Bildhauer die Namen Dutzender fremder Völker und Orte eingemeißelt, im Süden die der schwarzafrikanischen Nachbarn, im Norden die der Völker des Mittelmeerraumes.

Dabei ist jeder Name in ein Oval eingeschrieben, das eine Stadtmauer darstellt. Oben ragt aus dem Ring ein Kopf, der die charakteristischen Züge des jeweiligen Volkes trägt. Um den Hals einer jeden Völkerfigur geschlungene Stricke enden in den Wappenpflanzen Ägyptens: Papyrusdolden für die Nord-, Lotosblumen für die Südvölker. Auch die Arme, die hinten aus den Ovalen reichen, sind gebunden. Alle Völker gelten somit symbolisch als Gefangene des Pharao.

Die Namenslisten zeigen, wie groß um 1350 v. Chr. die Kenntnis der Ägypter von der Welt gewesen ist und wie gewaltig ihr Selbstbewusstsein.

Alle Großreiche des Südens stehen auf den Listen, etwa Kusch und Jam am Oberlauf des Nil sowie das wohl an der Küste Eritreas oder Somalias gelegene Punt. Unter den Nordvölkern findet sich erstmals in Ägypten das charakteristische Bildnis eines Hethiterfürsten; ein Hinweis auf das in Anatolien erstarkende Reich – schon bald ein erbitterter Konkurrent der Pharaonen.

Besonders interessant ist die ägäische Liste: Im Königstempel Amenophis’ III. finden sich die ältesten Erwähnungen von Orten der griechischen Frühzeit in Hieroglyphenschrift, darunter Troja, Knossos und Mykene. Neu ist der Name Groß-Ionien. Es ist die älteste Nennung der in Kleinasien ansässigen Ionier überhaupt. Auch die Danäer treten hier erstmals in die Geschichte.

Dabei hat die Ägäis nie unter ägyptischer Kontrolle gestanden. Die Gesandtschaften des Pharao knüpfen dort Handelsbande, mit den Minoern auf Kreta und den Mykenern auf dem griechischen Festland.

Auch das Hethiterreich in Anatolien steht in keinerlei Abhängigkeit vom Land am Nil. Aber Amenophis III. sieht sehr wohl, welch Gegner dem Pharaonenreich mit den Hethitern erwächst. Offenbar, das legt die erhaltene Keilschriftkorrespondenz nahe, wechseln die Herrscher höfliche, aber nicht immer freundschaftliche Briefe.

Noch herrscht Frieden. Noch werden die Grenzen respektiert, hat Ägypten Mitanni und Babylon an der Seite, ist es wirtschaftlich mit der Ägäis verbunden – und schickt es nur selten Soldaten.

Doch Echnaton, der Sohn und Nachfolger Amenophis’ III., verfügt nicht über das diplomatische Geschick seines Vaters. Ein ausländischer Fürst wendet sich mit seinem Anliegen nach dem Tod der "Glänzenden Sonnenscheibe aller Länder" nun sogar an die Königswitwe Teje, die Amenophis III. um mindestens zehn Jahre überlebt.

Die Beziehungen in die Ägäis brechen ab. Die Hethiter zweifeln die Befehlshoheit Ägyptens über Syrien an. Das Gleichgewicht der Mächte gerät aus der Balance.

Und auch die Festung für die Ewigkeit von Amenophis III., dieses Bollwerk gegen das Vergessen des meisterhaften Diplomaten und lebendigen Gottes, ist schon bald dem Untergang geweiht.

Bereits wenige Jahre nach dem Tod des Königs machen sich die Bilderstürmer Echnatons daran, den Tempel zu verwüsten. Denn der Sohn verehrt im Gegensatz zu allen Pharaonen vor ihm nur noch einen einzigen Gott: die Sonnenscheibe Aton.

Kurzfristig haben sich Erdschichten unter dem Heiligtum regelrecht verflüssigt

Echnatons Schergen hacken aus den Bildnissen des von Amenophis III. verehrten Gottes Amun dessen Namen aus.

Zwar währt der Spuk nur kurz – nachfolgende Herrscher setzen die alten Götter wieder ein, restaurieren in den Inschriften Amuns Namen und besuchen den Königstempel Amenophis’ III. fortan wieder, etwa während des "Schönen Fests vom Wüstental".

Doch irgendwann während der Regierung Pharao Merenptahs um 1210 v. Chr. wird der Tempel von einem Erdbeben erschüttert. Geologen haben die typischen Anzeichen dafür 2006 entdeckt. Kurzfristig haben sich Erdschichten unter dem Heiligtum regelrecht verflüssigt.

Die Festung für die Ewigkeit kollabiert, gemeinsam mit dem Kolonnadenhof zerbersten rund 40 monumentale Bildnisse des Königs sowie zwei mächtige Denksteine in unzählige Stücke. Die Kolosse vor dem zweiten und dritten Pylon stürzen von ihren Sockeln herab und zerspringen unter der Wucht ihres eigenen Gewichts. Der Tempel wird zum Steinbruch. Bereits Merenptah nutzt die Blöcke aus dem Heiligtum nun für seinen eigenen Königstempel. Nachfolgende Pharaonen tun es ihm gleich.

Ein weiteres Erdbeben beschädigt im 1. Jahrhundert v. Chr. den nördlichen der beiden Memnons-Kolosse. Erst jetzt erhalten die Giganten jenen Namen, unter dem sie jeder Ägyptenreisende kennt.

Denn griechische Besucher sehen in dem lädierten Koloss eine Sagengestalt: Memnon, den Sohn der Göttin der Morgenröte, der im Kampf um Troja gefallen ist. Und da der Koloss bei Sonnenaufgang seltsame Geräusche von sich gibt (verursacht durch die Ausdehnung sich erwärmender Luft in der von Rissen durchzogenen Statue), deuten sie die sirrenden Töne als Klagegesang Memnons für seine Mutter Eos.

Griechische und lateinische Inschriften auf den Kolossen, frühe Graffiti, künden von der Anziehungskraft des singenden Giganten auf die Menschen der Antike. Erst als wohl der römische Kaiser Septimius Severus um 200 n. Chr. den Koloss restaurieren lässt, endet das akustische Schauspiel. Die Touristenattraktion verliert ihren Reiz.

Im 19. Jahrhundert schließlich transportieren Statuensucher im Auftrag europäischer Sammler aus den Tempelruinen ab, was ihnen tauglich erscheint: Zwei Köpfe kolossaler Standfiguren aus dem Kolonnadenhof gelangen nach London, zwei Sphingen zieren fortan das Ufer der Newa in St. Petersburg, und fast jedes völkerkundliche Museum der Welt beherbergt heute eine jener Sachmet-Statuen, die Amenophis III. einst zu Hunderten hat anfertigen lassen.

Vor dem Bau des zweiten Staudammmes in Assuan 1971 überflutet der Nil Jahr für Jahr das Tempelgelände. Immer mehr Schlamm lagert sich zu Füßen der Memnons-Kolosse ab, zwei bis drei Meter dick. Schilf und Halfagras überwuchern das Gelände, Kameldorn durchbricht mit seinen Wurzeln die in der Erde verborgenen Ruinen.

Einheimische nennen das Areal Kom el-Hettan, "Hügel der Sandsteine". An der Oberfläche ist nicht mehr viel vom Tempel zu sehen. Und was erkennbar bleibt, macht aufgrund seines schlechten Zustands wenig Hoffnung. Die meisten Wissenschaftler lassen den Tempel links liegen.

In den 1960er Jahren untersuchen Forscher des Schweizerischen Instituts für ägyptische Bauforschung die Ruinen des Heiligtums und konstatieren in ihrem Abschlussbericht nüchtern: "Ohne Zweifel wären hier noch ‚Funde‘ zu erwarten, wenn man, mit den nötigen Mitteln ausgerüstet, Pumpen, Spundwände und Krane einsetzen könnte. Man stünde dann vor der unbequemen Frage, was mit den Bruchstücken von Amenophis’ III. Statuenzoo überhaupt anzufangen sei; die Museen von Kairo, Turin, Paris und London sind mit ihren vielen Sachmet-Statuen schon belastet genug."

Hourig Sourouzian aber, die jetzige Grabungsleiterin, strebt an, alle Teile des Heiligtums an ihrem ursprünglichen Platz zu erhalten. Für sie bilden Inschriften, Statuen und Tempel eine unzertrennliche Einheit.

Das Team der armenisch-deutschen Ägyptologin hat in den vergangenen Jahren alle Reste des Heiligtums kartographisch erfasst. Ihr Projekt ist die erste systematische Ausgrabung im Tempel Amenophis’ III.

Mittlerweile ist es heiß geworden auf dem Kom el-Hettan, zu heiß für einen Tag Mitte März. Die Luft flimmert über den Tausenden von Statuenfragmenten des Tempels, die nach Material und Form getrennt auf dem Grabungsgelände ausgelegt und jeweils mit handschriftlicher Kennung zu Fundposition und Funddatum versehen sind.

Mehrere Teams von europäischen und ägyptischen Restauratoren kümmern sich um die zerschlagenen Quarzit-Kolosse am zweiten Pylon, um die königlichen Standfiguren aus Rosengranit im Kolonnadenhof, um die Konservierung der Säulenstümpfe dort, um die Sachmet-Statuen.

Studenten erfassen die Relikte in Aufnahmeblättern, vergeben Inventarnummern, nehmen mit Folie und Stift Inschriften ab. Spezialisten für Lehmziegel erkunden am Rand eines etwa basketballfeldgroßen und dreieinhalb Meter tiefen Grabungsschnitts am zweiten Pylon den einstigen Tordurchgang. Die Aufgabe ist nicht leicht, müssen sie doch die ungebrannten Lehmziegel des Tores von dem sie umgebenden Lehmboden unterscheiden.

Ohne die Pumpen wären Arbeiten in dieser Tiefe gar nicht möglich. Fielen sie aus, stünde die Grabung innerhalb weniger Stunden unter Wasser – und damit auch die eben erst freigelegten Relikte und Fundamente der beiden Quarzit-Kolosse am zweiten Pylon.

Anderthalb Monate haben López Marcos und sein Team gebraucht, um allein das 450 Tonnen schwere Unterteil eines der beiden Giganten mittels Pressluftkissen, Motorwinde und geölter Schienen Zentimeter für Zentimeter aus der Grube zu heben und zwölf Meter zur Seite zu bewegen. Das Gegenstück des südlichen Giganten liegt noch in der Grube.

Etwa 300 Meter westlich versucht Hourig Sourouzian, den Grundriss des Kolonnadenhofs vor dem einstigen Allerheiligsten zu rekonstruieren. Steinräuber hatten dessen Mauern bereits in der Antike bis auf die Fundamente abgetragen, auch die meisten Säulen. Dort wo sich früher Wände erhoben, reichen nun mit Erdreich gefüllte Gräben in die Tiefe. Und darin finden die Archäologen all das, was im Altertum entweder als nutzlos galt – oder als zu heilig, um es als Baumaterial wiederzuverwenden, etwa die Statuen der Sachmet.

"Es ist wie eine verkehrte Welt", sagt Hourig Sourouzian. "Während in anderen Monumenten Wände und manchmal sogar die Decken erhalten sind, aber keine Spur der Tempelausstattung – keine Statuen, Denksteine, Altäre – finden wir auf dem Kom el-Hettan das Gegenteil. Hier verraten uns allein die Funde und deren Position, wo früher einmal Pylone und Wände gestanden haben."

Um 13.30 Uhr beendet der ägyptische Vorarbeiter nach sieben Stunden mit seiner Trillerpfeife den Arbeitstag der einheimischen Kräfte. Am Nachmittag werden die Wissenschaftler die Werte des Vermessungsgerätes in ihre Computer übertragen, ihre Funddatenbanken pflegen, die Objekte zeichnen und fotografieren. Sechs Tage die Woche, von Sonnabend bis Donnerstag. Bis Anfang April, danach wird die Hitze unerträglich.

Ein paar Tage zuvor erst hat das Team um López Marcos einen vollständigen Koloss Amenophis’ III. aufgestellt. Nach 3200 Jahren erhebt sich erstmals wieder eine Standfigur des Königs im Kolonnadenhof. Nur der gut 1,30 Meter große Kopf mit der roten Krone besteht nicht aus Quarzit. Er ist eine Kopie aus gefärbtem Kunststoff, hohl und von innen mit Fiberglas verstärkt. Das Original befindet sich seit fast 200 Jahren im British Museum in London.

So entsteht der Tempel Stück für Stück wieder aus seinen Ruinen.

In zehn bis zwölf Jahren will Hourig Sourouzian das in großen Teilen restaurierte Heiligtum der Öffentlichkeit präsentieren – wenn sie weiterhin die nötigen Gelder aufbringen kann: Denn ihr Projekt ist eine der wenigen archäologischen Unternehmungen in Ägypten, die sich allein durch Spenden und Stiftungen finanzieren.

Um das Jahr 2020 sollen die beschädigten Säulenstümpfe des Kolonnadenhofes konserviert und alle geborgenen Statuen und Denksteine aufgestellt sein. Lage und Dimensionen der mächtigen Tore wollen die Wissenschaftler mit modernen Lehmziegeln im Gelände andeuten.

Die Sonne versinkt hinter dem thebanischen Westgebirge. Hourig Sourouzian sitzt auf der oberen Veranda des "Hotel Marsam". Die einfache Herberge am Rand des Kom el-Hettan dient vielen Ausgräbern als Unterkunft und Arbeitsstätte. In der Ferne strahlen die Memnons-Kolosse im Licht der Scheinwerfer.

Doch schon im nächsten Frühjahr wird sich der Anblick radikal verändern. Dann will das internationale Team 100 Meter westlich der Memnons-Kolosse ein weiteres Paar steinerner Giganten wiedererrichten. Dann werden vier thronende Riesen die Besucher der thebanischen Totenstadt grüßen, als weithin sichtbare Zeugen eines einzigartigen Monuments tiefsten Glaubens und größter Macht.

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