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Illegale Rodung: Wie der Amazonaswald stirbt

Foto: © Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

Amazonasgebiet Kriminelle vernichten Regenwald mit Agent Orange

Illegale Waldroder greifen zu immer drastischeren Methoden. In Brasilien haben Kontrolleure Tonnen hochgiftiger Herbizide sichergestellt. Es handelt sich um einen altbewährten Killer: Agent Orange - das Entlaubungsmittel, das US-Soldaten im Vietnam-Krieg eingesetzt haben.
Von Cinthia Briseño und Katharina Graça Peters

Hamburg - Plötzlich war der Wald weiß. Als Kontrolleure der brasilianischen Umweltbehörde Ibama Mitte Juni über den Amazonas-Regenwald flogen und eine Fläche entdeckten, in der die sonst saftig-grünen Bäume merkwürdig bleich aussahen, ahnten sie, was passiert sein könnte. Vermutlich hatte eine illegale Entlaubungsaktion stattgefunden. Der mögliche Übeltäter: Agent Orange, das hochgiftige, von den US-Truppen in Vietnam tonnenweise versprühte Herbizid.

Tatsächlich spürten die Ibama-Kontrolleure in der Nähe des Gebiets ein Lager auf. Gleich vier Tonnen giftiger chemischer Substanzen waren dort versteckt, meldet die Behörde. Demnach handelt es sich um drei verschiedene Chemikalien. Eine davon - 2,4 D genannt - ist ein Hauptbestandteil von Agent Orange.

Es sei genügend Stoff, um mindestens 3000 Hektar dichtes Buschwerk in kahle Fläche zu verwandeln - und großes Leid zu verursachen. Missgeburten, Schwindelanfälle, heftiges Erbrechen: Im schlimmsten Fall führt Agent Orange auch zum Tod. "Die Chemikalien waren an einem ungeeigneten Ort gelagert und mitten im Dschungel versteckt, sie sollten von Flugzeugen aus versprüht werden", sagte Cícero Furtado, Koordinator der Kontrolloperation für die Ibama.

Mysteriöse Tode

Es ist nicht das erste Mal, dass es die brasilianischen Behörden mit solch drastischen Rodungsmethoden zu tun haben. 1984 kam es zu einem großen Umweltskandal , weil eine Elektrizitätsgesellschaft die Trasse ihrer Hochspannungsleitung mit Agent Orange besprühte, um das üppige Gewächs von den Leitungen fernzuhalten. Es dauerte lange Zeit, bis man die mysteriösen Tode vieler Menschen und etlicher Tiere mit dem weißen Pulver überhaupt in Verbindung brachte und sich die Beschuldigten vor Gericht verantworten mussten.

Seither ist es mit der illegalen Abholzung weitergegangen. Zwar meldete eine Londoner Forschungseinrichtung im Juli 2010 weltweit einen deutlichen Rückgang der illegalen Rodungen seit 2002. Brasilien aber ist offenbar eine traurige Ausnahme. Erst vor einigen Monaten registrierten die dortigen Behörden einen sprunghaften Anstieg der Waldzerstörung: Im Bundesstaat Mato Grosso, südlich des Amazonas, war die Vernichtung von Regenwaldflächen zwischen August 2010 und April 2011 um 43 Prozent gestiegen. Die Rodungen im gesamten Amazonasgebiet erhöhten sich im selben Zeitraum um 27 Prozent.

Diese Statistiken wollte die brasilianische Regierung nicht hinnehmen, Mitte Mai kündigte sie deshalb an, verstärkt gegen illegale Abholzung vorzugehen. Umweltverbrechen sollen verstärkt geahndet werden, ließ das Umweltministerium wissen. "Wir weiten unsere Maßnahmen aus", erklärte Umweltministerin Izabella Teixeira anlässlich des Treffens mit drei weiteren Ministern. "Wir arbeiten zügig und mit konzertierten Aktionen, um bereits laufende Rodungen aufzuhalten und neue Kahlschläge zu verhindern."

International hat sich Brasilien verpflichtet, die Quote der Abholzungen zu senken. "Von 24.000 Quadratkilometern im Jahr 2004 haben wir die Zahl auf 6400 Quadratkilometer im Jahr 2010 senken können, und wir werden sie weiter drücken", erklärte sie. Dafür seien mehr als 500 Kontrolleure der Ibama alleine im Bundesstaat Mato Grosso im Einsatz.

Diese haben inzwischen nach eigenen Angaben den Verantwortlichen erwischt, der das hochgiftige Herbizid in den Regenwäldern versprühte. Ihm droht nun eine Geldstrafe von umgerechnet 230.000 Euro bis 900.000 Euro. Es ist eine erste Erfolgsmeldung im Kampf gegen die illegalen Abholzungen - ob die hohen Strafen die Holzmafia vor weiteren Vergehen abschrecken werden, ist aber nicht absehbar.

Mit genetischen Waffen gegen die Holzmafia

Immerhin geht es um viel Geld: 40 Prozent des weltweit produzierten Holzes werden nach Schätzungen der Umweltstiftung WWF ohne Genehmigung gerodet. Laut OECD entsteht dadurch ein ökonomischer Schaden von etwa 150 Milliarden Euro pro Jahr. Um der Holzmafia entgegenzuwirken, sind nicht nur strengere Umweltgesetze erforderlich. Hamburger Forscher vom Institut für Forstgenetik des Johann-Heinrich-von-Thünen-Instituts (VTI) etwa verfolgen eine andere Strategie: Mit einem genetischen Schnelltest können sie die Identität der Baumart nachweisen.

Zwar prüfen Zollbeamte bei der Einfuhr die entsprechenden Papiere und Deklarationen über die Herkunft der Bäume - doch Dokumentenfälschungen sind an der Tagesordnung und werden nur schwer aufgedeckt. Bernd Degen und sein Team vom VTI aber haben ein Verfahren entwickelt, mit dem man anhand des genetischen Profils des Holzes die geografische Herkunft genau bestimmen kann.

Die Forscher stützen sich dabei auf eine genetische Datenbank verschiedener Holzarten. Mehr als 2000 Baumproben aus verschiedenen Holzregionen Latein- und Südamerikas haben sie für diese Referenzdatenbank gesammelt - und das genetische Profil des Baums der jeweiligen Region zugeordnet: Innerhalb einer Art gibt es genetische Unterschiede, kurze DNA-Abschnitte einer bestimmten Sequenz wiederholen sich im Erbgut. Anhand der Kombination mehrerer solcher Genabschnitte können die Wissenschaftler den genetischen Fingerabdruck eines Baums ermitteln.

Künftig sollen mit Hilfe der Datenbank Labore die Holzproben, die ihnen vom Zoll geschickt werden, analysieren und innerhalb kurzer Zeit auf ihre Herkunft prüfen können. Noch ist der genetische Herkunftsnachweis nur bei wenigen geschützten Edelholzarten möglich. Doch die Mitarbeiter des Bundesforschungsinstituts arbeiten bereits an einer Erweiterung der genetischen Baumdatenbanken.

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