Sensationeller Knochenfund Muss die Geschichte Amerikas umgeschrieben werden?

Mammutfossilien und Werkzeuge deuten darauf hin, dass Amerika schon vor 131.000 Jahren von Menschen besiedelt war. Unklar ist, wer es derart früh übers Meer geschafft haben soll - und vor allem wie.

SDNHM

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Es wäre eine wissenschaftliche Sensation: Eine in der aktuellen Ausgabe von "Nature" veröffentlichte Studie amerikanischer und australischer Forscher datiert das erste Auftreten von Menschen in Nordamerika mehr als 115.000 Jahre früher als bisher für möglich gehalten wurde. Die Studie basiert auf der Analyse eines Mastodon-Fundes bei San Diego: Die Knochen dreier Tiere, glauben die Forscher, seien dort einst mit Steinwerkzeugen zerschlagen worden. Auch die dafür als "Hammer und Amboss" benutzten Steine wollen sie bei den Knochen gefunden haben.

"Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Tiere dort auch getötet und zerlegt wurden", sagte Steve Holen, Mitautor der Studie und Co-Direktor des Center for American Paleolithic Research, im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz am Dienstag. Die spezifische Art und Weise, wie die Knochen zermalmt wurden, "kennen wir aber von vielen Fundstätten, die bis zu 1,5 Millionen Jahre zurückreichen: Menschen machten auf diese Weise Werkzeuge aus Knochen, und auch das Mark holten sie gern heraus."

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131.000 Jahre: Amerikas älteste Menschenspuren?

Dass die Funde aus San Diego Spuren zeigen, die solchen bekannten Knochen-Zerschmetterungen perfekt entsprechen, gehört zur Indizienkette, mit der die elf beteiligten Forscher ihre These untermauern. Denn noch fehlt den Forschern der direkte Beweis: ein menschliches Fossil, datiert auf den Fundzeitraum:

Was sie haben:

  • Gebrauchsspuren an den Steinen, und dazu passende Bruch- und Splitterstellen an den Knochen;
  • Die Resultate vergleichender Experimente, bei denen sie Elefantenknochen mit ähnlichen Werkzeugen bearbeiteten;
  • Eine physikalische Altersbestimmung der Funde auf circa 131.000 Jahre, die auf der Analyse von über 100 Einzelproben aus Knochen-Fossilen beruhen, die drei verschiedenen Tieren zugeordnet werden;
  • Eine dazu passende Altersbestimmung der geologischen Schicht, in der die Knochen und Steine gefunden wurden;
  • Gefunden wurden die Skelette in Schichten von Lehm, Sand und Schluff. Diese Materialien enthalten keine großen Steine, mit denen man Mastodon-Knochen zermalmen könnte. Eine andere Erklärung, als dass sie dorthin getragen wurden, gibt es bisher nicht.

All das ist ein schlüssig wirkender, letztlich aber doch indirekter Nachweis für eine derart frühe Anwesenheit von Menschen in Amerika. Dass die Studie auf Skepsis stoßen würde, sagte Steve Holen, sei den Autoren darum klar gewesen. Sie hätten über Jahre alle denkbaren anderen Möglichkeiten geprüft und ausgeschlossen.

Holen: "Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass wir es mit einem archäologischen Fundort zu tun haben. Die Knochen wurden eindeutig absichtlich und mit handwerklichem Geschick und Erfahrung von Menschen aufgebrochen. Man kennt solche Bruchmuster von anderen Fundorten in Kansas und Nebraska, wo alternative Erklärungen wie geologische Bewegungen oder Aktivitäten von Raubtieren ausgeschlossen werden konnten."

Genau diese Kritik war von Experten geäußert worden - und weil der Fundort auch noch neben einer viel befahrenden Autobahn in städtischem Gebiet liegt, halten manche Skeptiker auch Beschädigungen der Knochen durch von Fahrzeugen verursachte Druckwellen für möglich. Unsinn, sagte Mitautor Tom Demere: "Zum einen lässt sich so etwas leicht unterscheiden. Zum anderen lagen die Knochen und Steine mehr als drei Meter tief begraben. Da wird durch Autos nichts mehr beschädigt."

Nach sehr reiflicher Prüfung seien sich alle beteiligten Forscher einig, eine "solide Indizienkette" für ihre These einer Ersteinwanderung nach Amerika vor 131.000 Jahren zu haben. Sie seien sich absolut sicher, Knochen und Werkzeuge gefunden zu haben, die das beweisen.

Da enden die Sicherheiten jedoch. Vieles, geben die Autoren zu, ist völlig unklar:

  • Was für Menschen kamen da nach Amerika? Infrage kämen Neandertaler, Homo heidelbergensis, späte Vertreter des Homo erectus und eventuell auch Homo sapiens. Der verließ allerdings vor 131.000 Jahren gerade erst Afrika. Die ältesten Nachweise für Sapiens weit außerhalb Afrikas sind rund 10.000 Jahre jünger.
  • Wie sollen sie dorthin gekommen sein? Für die Einwanderung von Menschen über die zeitweilig trockenliegende Beringstraße vor 15.000 Jahren gibt es Belege. Diesen Weg konnte vor 131.000 Jahren aber zumindest wandernd niemand nehmen: Die Beringstraße stand unter Wasser.
  • Ist der Fund Zeugnis einer frühen, aber gescheiterten Kolonisierung Amerikas - oder nur der erste Fund einer bisher nicht entdeckten Frühbesiedlung?
  • Die Abstammungslinie der amerikanischen Ureinwohner konnte genetisch zu den Clovis-Menschen (13.000-15.000 Jahre) und zurück zu Asiaten verfolgt werden. Genetische Spuren anderer Einwanderungswellen fand man nicht: Was geschah mit den Frühsiedlern, wenn es sie gegeben haben sollte? Und wo sind ihre fossilen oder genetischen Spuren?

Alle Antworten, die die Autoren der Studie auf diese Fragen haben, sind spekulativ. Holen ließ durchblicken, dass er sich Neandertaler als Einwanderer vorstellen könnte. Und wenn das so gewesen sein sollte, könnten die genetischen Spuren dieser Migrationswelle in den unklaren Bereichen des heutigen Genoms verborgen liegen: Wir alle trügen schließlich Spuren von Neandertaler-Genen. Und wenn darunter keine der unbekannten Früh-Migranten sein sollten, könnte das natürlich auch heißen, dass die schlicht scheiterten: "Auch Menschen können regional begrenzt aussterben."

Mitautor Richard Fullagar glaubt, dass auch die Wanderung vor 131.000 Jahren über die Beringstraße gelaufen sein müsste: Entweder noch ein paar Tausend Jahre früher, als der Wasserstand sehr niedrig war, oder eben mit einfachen Booten von Asien übersetzend und dann die Westküste hinab - so, wie man sich das auch für die Einwanderung der Clovis-Vorfahren vor 15.000 Jahren vorstellt.

Deren Migration ist archäologisch und genetisch belegt - und sie macht die aktuelle Studie in Amerika zum Politikum: Die Abstammung von der eiszeitlichen Clovis-Population begründet den Status der indigenen Völker Amerikas als Ureinwohner des Doppel-Kontinents.

Aber wäre eine Einwanderung durch seefahrende Neandertaler oder andere Frühmenschen überhaupt denkbar?

Die ältesten allgemein akzeptierten Nachweise für menschliche Seefahrt datieren auf die Zeit vor circa 40.000 Jahren, als Südostasien und Australien besiedelt wurden. Dass es schon davor zumindest einfache Wasserfahrzeuge gab, ist wahrscheinlich, aber nur sehr indirekt belegt. Dafür sprechen Funde wie die des Homo floresiensis, der es offenbar schon vor mehr als 70.000 Jahren irgendwie auf eine indonesische Insel geschafft haben muss - auch er einer neuen Studie zufolge Abkömmling extrem archaischer, seefahrender Menschen.

Ob es bereits sogar vor 120.000 bis 700.000 Jahren einfache Boote gab, wie seit 2010 mehrere veröffentlichte Studien behaupteten, ist stark umstritten: Forscher haben auf Kreta bis heute mehr als 2000 Steinwerkzeuge weit auseinanderliegenden Alters gefunden, die sie der Acheuléen-Kultur zuordneten. Die aber verbindet man nicht mit dem modernen Menschen Homo sapiens, sondern mit Homo erectus oder sogar dem noch älteren Habilis.

Sollte es also schon solchen Frühmenschen gelungen sein, die Seefahrt zu entwickeln? Nicht wenige Forscher bezweifeln sogar, dass sie überhaupt sprachfähig waren, geschweige denn in der Lage, komplexe Technologien wie Boote zu entwickeln. Anders als über das Wasser war die Migration aber wohl kaum möglich.

Das Klima: Schlecht für interkontinentale Wanderungen

Denn das Ende des Mittelpleistozän markierte auch das Ende einer Kaltzeit. Vor 130.000 Jahren hatte das Klima wieder Temperaturen erreicht, die nur wenige Grad unter den heutigen lagen: Forscher gehen davon aus, dass die Sommer in Nordamerika noch kühler waren, die Winter aber kaum kälter als heute.

Ideale Bedingungen für grasende Lebewesen wie das Bison, das nun erstmals in Massen auftrat. Für interkontinentale Wanderfreunde war das Wetter weniger günstig: Amerika lag durch sehr viel Wasser isoliert und ohne Landbrücke zwischen den bereits besiedelten Kontinenten.

Die These vom archaischen Uramerikaner funktioniert also nur, wenn man solch frühen Menschen größere Leistungen zutraut, als das bisher der Fall ist. Die Studie hat darum das Zeug, nicht nur unser Bild von der Erstbesiedlung Amerikas zu verändern, sondern auch unser Bild von frühen Menschen. Holen: "Ich kann mir vorstellen, dass es immer wieder Menschen gelang, nach Amerika zu kommen. Dass man bisher nichts gefunden hat, liegt auch daran, dass niemand danach suchte."

Archäologen hätten in so alten Schichten bisher kaum gegraben, weil sie dort nichts vermuteten. Und für Paläontologen seien sie zu jung: "Vielleicht sind uns die Beweise bisher so in die Lücke zwischen den Wissenschaften gefallen."

Da helfe nur eines: gezielt weiter danach zu suchen. Denn um die These von der Ur-Einwanderung zu bestätigen, brauche man letztlich nur eines: "weitere Funde."



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