Amerikanische Ureinwohner Drogenreste neben Zeichnung von halluzinogener Pflanze entdeckt

Seit Jahrzehnten rätseln Forscher, welche Rolle Drogen in der Höhlenkunst amerikanischer Ureinwohner einst gespielt haben. Nun fanden sie aufschlussreiche Pflanzenreste, gemalt wurde aber wohl nüchtern.
Bearbeitete Aufnahme aus der Pinwheel Cave: Malerei als Abbild einer sich öffnenden Blüte des Kalifornischen Stechapfels

Bearbeitete Aufnahme aus der Pinwheel Cave: Malerei als Abbild einer sich öffnenden Blüte des Kalifornischen Stechapfels

Foto: Devlin Gandy / dpa

Die Bedeutung halluzinogener Pflanzen für die amerikanischen Ureinwohner spiegelt sich auch in deren Kunst wider. In einer Höhle mit Felsmalereien entdeckten Forscher neben dem Bild einer halluzinogen wirkenden Pflanze durchgekaute Faserreste dieses Gewächses. Das lege nahe, dass die Pflanze in der Höhle konsumiert wurde und dass mit ihrer Darstellung an der Höhlendecke die Riten der Gemeinschaft verbildlicht wurden, berichten die Forscher im Fachmagazin »Proceedings of the National Academy of Sciences«. 

Angesichts der schwächenden Wirkung der halluzinogenen Pflanze sei es aber sicher, dass der Künstler diese nicht gemalt habe, während er unter ihrem Einfluss stand, erläutert Studienleiter David Robinson von der University of Central Lancashire in Großbritannien. Seit den 1980er-Jahren werde diskutiert, welche Rolle veränderte Bewusstseinszustände – etwa durch die Einnahme von Drogen – bei der Erschaffung von Höhlenkunst gespielt haben. Bis heute gebe es keine eindeutige Antwort darauf.

In der jetzt vorgestellten Untersuchung hatten die Wissenschaftler verschiedene Rückstände aus der Pinwheel Cave im US-Bundesstaat Kalifornien analysiert. Die Höhle ist benannt nach einer wirbelförmigen Abbildung aus roter Farbe an der Decke, die an ein Windrädchen erinnert. Die Forscher interpretieren die Malerei als Abbild einer sich öffnenden Blüte des Kalifornischen Stechapfels (Datura wrightii), einer halluzinogen wirkenden Pflanze, deren Gebrauch unter anderem bei Initiationsritualen von Heranwachsenden in der Region dokumentiert ist.

Jedes Faserbündel eine Dosis

In Ritzen und Spalten der Felswände und -decke fanden die Wissenschaftler faseriges Pflanzenmaterial. Es stammte aus den Jahren 1530 bis 1890, wie Untersuchungen zeigten. Weitere Analysen ergaben, dass es sich dabei tatsächlich größtenteils um Reste des Stechapfels handelt. Aus einigen der Reste gelang es den Forschern, die Halluzinogene Atropin und Scopolamin zu isolieren.

Mikroskopische Untersuchungen zeigten, dass die Pflanzenfasern verarbeitet worden waren: zunächst zurechtgeschnitten, in Bündeln zusammengefasst, zerkleinert und schließlich aller Wahrscheinlichkeit nach zerkaut. Jedes Faserbündel scheine eine Einzeldosis zu sein, die vermutlich in der Höhle in den Mund gesteckt, zerkaut und ausgelutscht wurde, schreiben die Forscher. Die Überreste seien dann in die Felsspalten gesteckt worden.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Abbild des Stechapfels auf den Gebrauch und auf seine Bedeutung für die Gemeinschaft hinweist. »Das Kunstwerk weist auf ein tiefes Verständnis der Pflanze und ihrer Ökologie hin, das jeder sehen konnte«, sagt Robinson.

Insekten im Rausch

Eine Datierung der Abbildung war nicht möglich, weil Teile des Bildes dafür hätten zerstört werden müssen, wie Robinson erläutert. Die Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass es innerhalb des Zeitraums entstand, den sie für den Konsum der Pflanze festlegen konnten. Da es Pigmente in den Ablagerungen unter dem Gemälde gebe und datierte Faserreste unmittelbar neben dem Stechapfelbild, sei es plausibel, einen Zusammenhang anzunehmen, so Robinson. Dass das Bild zu einem anderen Zeitpunkt entstanden ist, wäre »ein bemerkenswerter Zufall von beispielloser Natur.«

Das Bild sei nicht das Zeugnis einer drogeninduzierten Vision eines Schamanen, schreiben die Wissenschaftler weiter, sondern vielmehr eine Darstellung der Pflanze selbst und damit der rituellen Praktiken der damaligen Menschen. »Das Gemälde wurde als visuelles Signal für die Menschen gemacht, um den Kontext zu verstehen, in dem sie dann Stechapfel in Gruppen konsumieren«.

Entsprechend sei auch eine weitere Malerei neben der Blütendarstellung zu verstehen. Sie zeige den Forschern zufolge ein mit Armen und Beinen vermenschlichtes Insekt. Der Hintergrund: Die Blüte des Stechapfels werde in der Abenddämmerung von zahlreichen Bestäubern besucht. Nach dem Nektar-Verzehr wirkten die Insekten teils berauscht und verhielten sich nach Angaben von Botanikern merkwürdig. Die Darstellung weise womöglich auf die Wirkung der Pflanze auf den menschlichen Konsumenten hin.

Die Höhle sei aber nicht ausschließlich für rituelle Zwecke genutzt worden, erläutern die Forscher weiter. Knochenreste, Werkzeuge oder Jagdgeräte wiesen darauf hin, dass sie ein Versammlungsort war, der für unterschiedliche Zwecke diente.

jme/dpa
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