Beobachtungen nach Amoklauf Problemfall Augenzeuge

Augenzeugen von Verbrechen liegen oft daneben. Nach den Schüssen von München fahndeten die Ermittler stundenlang nach drei Tätern - obwohl es nur einen gab. Tricks sollen helfen, falsche Erinnerungen auszusortieren.

Polizeibeamte vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München
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Polizeibeamte vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München

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Augenzeuge zu sein, das ist eine große Last. Bis zu hundert Menschen, so schätzt die Polizei in München, haben Schreckliches erlebt: Sie waren bei der tödlichen Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum vor Ort. Sie haben die Panik gespürt, ihre eigene und die der Leute um sie herum. Sie sind geflüchtet. Vielleicht sind sie verletzt worden, vielleicht haben sie gesehen, wie jemand starb. Vor seinem Tod erschoss Attentäter David S. neun unschuldige Menschen.

Ein Kriseninterventionsteam sollte sich um die Betreuung der Betroffenen kümmern. Doch für viele wird ihr Leben nach den Schüssen vom Freitagabend wohl in "davor" und ein "danach" geteilt sein.

Augenzeuge zu sein, das kann aber auch eine Chance sein - und zwar für die Ermittlungsbehörden. Eine Chance, an Informationen aus erster Hand zu gelangen. In chaotischen Lagen wie am Freitagabend in München ist jede Information wichtig.

Nein, nicht ganz. Jede zutreffende Information, sollte man präzisieren.

Und da wird es kompliziert. Denn erste Aussagen von Augenzeugen waren es auch, die die Polizei zunächst auf eine falsche Fährte gelockt hatten. Stundenlang gingen die Beamten deswegen davon aus, dass drei Angreifer unterwegs in München waren - ausgestattet mit sogenannten Langwaffen, also Gewehren. Die Stadt war in Angst, an zahlreichen Orten glaubten Zeugen, Schüsse zu hören. Geschäfte wurden verrammelt, der Hauptbahnhof evakuiert, der öffentliche Personenverkehr kam zum Erliegen. Weil Menschen glaubten, etwas gesehen zu haben, das sich später als falsch herausstellte.

Und das ist ganz normal. "Die Wahrnehmungen des Menschen entsprechen nicht immer den Tatsachen", so drückt es Rüdiger Holecek, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE diplomatisch aus. Denn woran man zu erinnern glaubt, hat oft nicht viel mit dem zu tun, was tatsächlich passiert ist - aus nachvollziehbaren Gründen: In Stresssituationen fluten die Neurotransmitter Cortisol und Noradrenalin unser Gehirn. Dort blockieren sie nicht nur Hirnregionen, die zielgerichtetes Verhalten steuern. Sie sorgen auch dafür, dass falsche Erinnerungen entstehen können.

Im Video: Die wichtigsten Fragen und Antworten der Polizei-PK

Gerade Kinder und ältere Menschen gelten gemeinhin als besonders schlechte Augenzeugen. Aber auch der Rest ist oft nicht viel besser. Und niemand sollte daraus einen Vorwurf konstruieren. Menschen, die mit einer Waffe angegriffen wurden, erinnern sich zum Beispiel oft nicht so gut an das Gesicht des Täters - weil ihre Aufmerksamkeit aus nachvollziehbaren Gründen ganz auf der Bedrohung lag.

Was aber nicht wahrgenommen wird, landet nicht im Gedächtnis. "Da helfen dann auch keine besonderen Fragetechniken mehr weiter", sagt der Rechtspsychologe Günter Köhnken. Er hat lange Jahre an der Universität Kiel geforscht und arbeitet als Gutachter - wenn Gerichte zweifeln, ob Angeklagte, Zeugen oder Opfer die Wahrheit sagen.

Wiederholungsfragen und Plausibilitätsprüfungen

"Wie bei physischen Beweismitteln können Gedächtnisspuren verschmutzt werden, kaputt- oder verlorengehen", schreiben die US-Rechtspsychologen Gary Wells und Elisabeth Loftus in ihrem Lehrbuch "Handbook for Psychology, Forensic Psychology". Falsche Erinnerungen können allerdings dramatische Folgen haben: Die US-Organisation Innocence Project hat mehr als 300 Fehlurteile der US-Justiz analysiert. Diese waren allesamt durch DNA-Analysen entdeckt worden, nachdem die Verurteilten zum Teil lange in Haft gesessen hatten. Mehr als 70 Prozent dieser Justizirrtümer beruhten auf falschen Angaben von Augenzeugen.

Unter anderem mit Wiederholungsfragen und Plausibilitätsprüfungen versuchten Ermittlungsbeamte aus Informationen von Zeugen die Wahrheit herauszufiltern, so beschreibt es Gewerkschaftssprecher Holecek. Insbesondere wenn es viele Aussagen gebe, ließen sich Grundzüge der Lage gut erkennen. Rechtspsychologin Alana Krix von der Universität Maastricht in den Niederlanden hat allerdings zusammen mit Kollegen herausgefunden, dass Ermittlungsbeamte die Zuverlässigkeit von Zeugen im Schnitt stark unterschätzen.

Dabei wissen Zeugen oft am besten, was von ihren Informationen zu halten ist. Forscher um John Wixted von der University of California in San Diego haben einen interessanten Ansatz vorgestellt, wie sich problematische Aussagen womöglich gut identifizieren lassen: Zeugen werden zu einem möglichst frühen Zeitpunkt gebeten, ihre eigene Glaubwürdigkeit einzuschätzen.

Problematisch wird es, wenn viele Beobachter gleichzeitig falsch liegen - und sich doch sicher sind. Die Sache mit den drei Verdächtigen in München könnte so ein Fall sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Augenzeugen zwei Polizisten, die den Täter zeitweise verfolgten, ebenfalls für Angreifer hielten: "Möglicherweise sind die Zivilbeamten von Beobachtern als Täter wahrgenommen worden", so Holecek.

Faktisch verlässlicher als Aussagen von Augenzeugen können die Aufnahmen sein, die sie mit ihren Mobiltelefonen machen. Nach den Schüssen von München waren schnell mindestens zwei verschiedene Filme im Netz zu finden. Einer wurde vor dem Schnellrestaurant aufgenommen und zeigt den Schützen beim Feuern. Auf dem anderen ist er zu sehen, wie er auf einem Parkdeck herumläuft und sich einen Wortwechsel mit einem Mann liefert, der ihn beschimpft. (Attentäter: "Ich bin Deutscher." Augenzeuge: "Du bist ein Wichser.")

Aber auch solches Filmmaterial birgt Probleme - zumindest wenn es online erscheint, solange der Polizeieinsatz noch läuft. Täter oder Komplizen könnten das Material auswerten, warnen Ermittler. Dadurch seien Polizeibeamte gefährdet.

Später dagegen können die Aufnahmen wertvoll für die Fahnder sein. Denn selbst wenn es keine Bilder von offiziellen Überwachungkameras gibt, vielleicht hat ja ein Passant gefilmt. So bat die Münchner Polizei noch am Freitagabend um Material. Videos und Bilder können über ein Formular im Netz hochgeladen werden. Einen ähnlichen Ansatz hatten die Behörden in Nordrhein-Westfalen auch nach den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht genutzt. Dabei kam allerdings nur wenig verwertbares Material zusammen, hieß es später.


Zusammengefasst: Weil das menschliche Gehirn beim Abspeichern von Erinnerungen unter Stress oft Fehler macht, gibt es nicht selten Probleme bei Aussagen von Augenzeugen. Mit speziellen Techniken, etwa der Selbsteinschätzung der Zeugen, lässt sich ein Teil der Schwierigkeiten lösen. Videoaufnahmen von Zeugen sind verlässlicher - sorgen aber für andere Herausforderungen, wenn sie noch während des Einsatzes veröffentlicht werden. Dann können sie etwa das Leben von Polizisten gefährden.

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Seite 1
d44rk_en9!n$33r 23.07.2016
1.
Faktisch verlässlicher als Aussagen von Augenzeugen können die Aufnahmen sein, die sie mit ihren Mobiltelefonen machen. ---Zitat--- Nach den Schüssen von München waren schnell mindestens zwei verschiedene Filme im Netz zu finden. Einer wurde vor dem Schnellrestaurant aufgenommen und zeigt den Schützen beim Feuern. Auf dem anderen ist er zu sehen, wie er auf einem Parkdeck herumläuft und sich einen Wortwechsel mit einem Mann liefert, der ihn beschimpft. (Attentäter: "Ich bin Deutscher." Augenzeuge: "Du bist ein Wichser.") ---Zitatende--- Ist die gezeigte Person in beiden Videos überhaupt dieselbe? Das Video vor der McDonalds Filiale wirft für mich Fragen auf: 1. Wer filmt die Filiale und den Attentäter, der zunächst keine Waffe in der Hand hält und WARUM? Hat der Filmende auf Schüsse reagiert? Aber warum ist dann ein unbeteiligter Passant, der näher am Geschehen ist in keinster Weise beunruhigt? 2. Warum rennt einer der flüchtenden Passanten genau in die Schußlinie des mutmaßlichen Attentäters und nicht in die andere Richtung, als der das Feuer eröffnet. 3. Warum trifft der Schütze auf diese kurze Entfernung nichts?
MünchenerKommentar 23.07.2016
2. Drei Täter = Ein Täter plus zwei Polizisten
Laut Focus haben zwei Zivilpolizisten den Täter mit Waffen in der Hand verfolgt. Damit haben dann alle Zeugen wahrheitsgemäß drei Leute mit Waffen bemerkt. Der Polizei gelang es dann stundenlang nicht, die Informationen über das Aussehen der Täter mit dem Aussehen der Zivilpolizisten, wie es deren Kollegen relavtiv schnell bemerkt hatten, zu verknüpfen, weil die Kommunikation nicht klappte. Und wenn man die beiden Videos von McD und vom Parkdeck im Zusammenhang betrachtet, war eigentlich schon ziemlich früh klar, dass es ein einzelner Amok-Täter ist (oder schließen sich Mobbingopfer neuerdings zu Amokläufen zusammen?).
volucer 23.07.2016
3. hinrichtung
der attentäter hat "nichts getroffen", weil er gezielt leute aus seinem umfeld erschossen hat. er war mobbingopfer und hat nun an seinen tätern rache genommen, was auch erklärt, warum die meisten opfer in seinem alter waren und warum es nicht mehr tote gab. hätte er mehr leute umbringen wollen, hätte er das tun können (menge an munition). außerdem hat er sich "ohne not" selbst gerichtet. er hätte auch ohne probleme flüchten können und noch mehr menschen abschlachten. immerhin beruhigend, dass diesmal nicht der terror im vordergrund stand, sondern ein klassischer amoklauf, der diesmal nicht in der schule stattfand sondern in einer fast food bude. ein trauriger tag
mermaid_lorelei 23.07.2016
4. 3 Täter oder doch Zivilpolizei ohne Westen mit Langwaffen
Mehrere Menschen sahen am Odeonsplatz, Stachus und am Marienplatz Männer in zivil mit Langwaffen. Wenn man dann von einem Anschlag im OEZ hört, hält man diese Männer zwangsweise für Terroristen und nicht für die Polizei. Ein Polizist rät zudem einer Bekannten, um ihr Leben zu rennen. So gut die Arbeit war von der Münchner Polizei, sie hat auch ihre Schattenseiten, wenn sie Verursacher für Panik ist.
farbraum 23.07.2016
5.
@d44rk_en9!n$33r: Ihre Fragen können recht einfach beantwortet werden. Ja, es ist der gleiche Täter, das wurde bei Vergrößerungen des Rohmaterials bereits belegt. Zumindest war das Muster der Jacke und der rote Rucksack auf beiden Videos zu sehen. zu 1.: Der Täter hatte bereits im McDonalds geschossen, deshalb lief die Kamera vor der zweiten Salve. 2.: Was ich gesehen habe sind die alle umgekehrt und weggerannt 3.: Die Perspektive täuscht, das waren ein paar Meter und selbst ein sehr guter Schütze trifft nur maximal auf 10 Meter gezielt mit einer Pistole. Zudem meine ich, dass zumindest das Mädel mit dem pinken Oberteil auch unter den Opfern war, also hat er schon getroffen.
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