Analyse von Telefondaten Wer viele Kontakte hat, ist reicher

dpa

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2. Teil: Lange reden ist eher schlecht


Kurios: Ein großes Gesprächsvolumen ist mit geringem Wohlstand verbunden. Die Einwohner von Stoke-on-Trent beispielsweise, eine besonders arme englische Stadt in Staffordshire, lagen bei der Gesprächszeit weit über dem britischen Durchschnitt und hatten zugleich einen der niedrigsten Diversitätsindizes. Im wohlhabenden Stratford-upon-Avon hingegen ist die Netzwerkdiversität besonders hoch, es wird aber nicht mehr telefoniert als im Durchschnitt.

Eagle und seine Kollegen interpretieren ihre Ergebnisse mit großer Vorsicht und warnen ausdrücklich vor übereilten Schlüssen. Ein kausaler Zusammenhang von Wohlstand und breit gefächerten Kontakten sei nicht bewiesen, schreiben sie. Es sei nicht einmal geklärt, ob Wohlstand zu mehr Kontakten führe oder mehr Kontakte zu mehr Wohlstand. "Die Diversität des sozialen Netzwerks scheint jedoch mit der wirtschaftlichen Entwicklung einer Gemeinschaft zusammenzuhängen", betonen sie.

Individuelle Unterschiede konnten die Forscher nicht untersuchen. Beispielsweise wäre es interessant zu klären, wie sich das Netzwerk reicher Bewohner einer Kleinstadt von dem seiner eher armen Nachbarn unterscheidet. In der Studie werden beide Personengruppen zusammengeworfen, weil ihnen derselbe IMD-Wert zugewiesen ist.

Dass ein weitgefächertes Netzwerk jedem Einzelnen von uns ökonomisch helfen kann, hat bereits im Jahr 1973 Mark Granovetter von der University of Stanford herausgefunden. Der Soziologe hatte damals Arbeiter, Angestellte und Manager in einem Bostoner Vorort befragt, wie eng sie mit der Person in Kontakt standen, die ihnen den entscheidenden Tipp zum Finden ihres Arbeitsplatzes gegeben hatte.

Über sechs Ecken kennt jeder jeden

Das verblüffende Ergebnis: Die meisten ergatterten neue Jobs nicht mithilfe ihrer engsten Freunde und Verwandten, sondern über frühere Arbeitskollegen oder Kommilitonen, die sie nur sporadisch getroffen oder angerufen hatten. Diese sogenannten schwachen Verbindungen im Netz seien deshalb besonders wichtig, schreiben Nicholas Christakis und James Fowler in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Buch "Connected". Granovetters Untersuchung verdeutlicht, wie ein Netzwerk mit hoher Diversität die Chancen auf hilfreiche Job-Tipps erhöht.

Selbst das sogenannte Kleine-Welt-Phänomen konnten die Forscher um Eagle mit ihrer Telefondatenanalyse bestätigen - wenn auch nicht ganz so präzise wie andere Kollegen zuvor. Dass ein Mensch jeden anderen Menschen über sechs Ecken kennt, hatte der US-Psychologe Stanley Milgram schon 1967 festgestellt. Er ließ damals 300 Probanden einen Brief an eine ihnen unbekannte Person schicken. Sie sollten ihn einfach an den Bekannten senden, von dem sie glaubten, dass er den Empfänger kennen könnte. Nach im Schnitt sechs Stationen kam der Brief an. Dieses Kleine-Welt-Phänomen wurde seitdem mehrfach bestätigt, etwa bei der Auswertung von E-Mail-Ketten oder Instant-Messenger-Kontakten.

Bei den von Eagle untersuchten Telefondaten aus Großbritannien ist die mittlere Pfadlänge freilich nicht sechs, sondern 9,4. Die Netzwerkforscher können sich die Abweichung jedoch gut erklären: Bei der Aufbereitung der Daten haben sie Anrufe, die nur in eine Richtung erfolgt sind, und sogenannte Hubs, also Anschlüsse mit mehr als 50 Kontakten, unter den Tisch fallen lassen. Diese zeige, so schreiben die Forscher, wie wichtig Hubs für den Verbund des Netzes seien.



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Newspeak, 21.05.2010
1. ...
Der Umstand, daß lange Entfernungen und kurze Redezeiten mit dem wirtschaftlichen Erfolg korrelieren, könnte man ad hoc damit erklären, daß erfolgreiche Akademiker wenig Zeit haben und Studienfreunde, zu denen noch Kontakt besteht, ziemlich weit verstreut leben. So geht es jedenfalls mir, wobei mein wirtschaftlicher Erfolg momentan leider noch auf sich warten lässt, aber die Studie gibt mir neue Hoffnung :-).
archie, 21.05.2010
2. H(i) = - Summe(j=1…k) pij log(pij)
Es ist immer wieder erheiternd zu sehen, was Spiege-Praktikanten verstehen, wenn sie wissenschaftliche Artikel lesen.
eikfier 21.05.2010
3. ...mehr Stroh
Zitat von sysopBeziehungen sind Gold wert - das beweist eine aufwendige Analyse von Anrufdaten in Großbritannien. Je besser Menschen telefonisch vernetzt sind, desto wohlhabender sind sie. Wer allerdings zu lange quasselt, gehört eher zu den Armen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,695489,00.html
...mag ja alles sein! Aber mit Statistik kann man doch wirklich fast alles beweisen. Erinnert mich ein bißchen daran, als vor ca. 1/2 Jahrhundert jemandem aufgestoßen war, daß das weibliche Gehirn durchschnittlich kleiner und ca.150g leichter ist als bei Männern. Ergebnis: Frauen sind dümmer! Korrektur: nach Zählung der Ganglienzellen wurde die Aussage korrigiert: Männer haben eher mehr "Stroh" im Kopf, weil etwa gleiche Anzahl der grauen Zellen.... Die "Wahrheit" wissen wir Menschen doch nie, höchstens Teilwahrheiten!
sonnenschein, 21.05.2010
4. Vokabeln...
Mit welchen Vokabeln hier hantiert wird, ist wirklich schrecklich. Arm, reich, schwarz, weiss, schlau, dumm... Was soll das denn Bitte? Pseudowissenschaftlicher Firlefanz. Arm ist der Artikel. Und arm ist, dass man ihn in den Headlines findet. Mit einem echt armen Titel. Arm... Und wer viel in Foren schreibt ist wahrscheinlich auch eher arm, weil er kann ja in der Zeit kein Geld verdienen, oder wie ist das? Diese arm/reich-Wertigkeit ist derartig relativ und das werden wir hoffentlich alle sehr bald noch genauer erfahren und dann müssen wir mal seeeeehr lange miteinander reden, statt nur die Kontakte zu sammeln und zu zählen. Ich kratz mir jetzt mein Bein. sonnenschein
wer es glaubt wird selig 21.05.2010
5. reden ist silber, schweigen ist gold
Zitat von sysopBeziehungen sind Gold wert - das beweist eine aufwendige Analyse von Anrufdaten in Großbritannien. Je besser Menschen telefonisch vernetzt sind, desto wohlhabender sind sie. Wer allerdings zu lange quasselt, gehört eher zu den Armen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,695489,00.html
[QUOTE=sysop;5545950]Beziehungen sind Gold wert - das beweist eine aufwendige Analyse von Anrufdaten in Großbritannien. Je besser Menschen telefonisch vernetzt sind, desto wohlhabender sind sie. Wer allerdings zu lange quasselt, gehört eher zu den Armen. Je mehr ein Mensch telefoniert, desto mehr ist er versklavt. Menschen die Ihr Handy an die Wand nageln, sind in der Regel arm aber dafuer besitzen sie unbezahlbare Ruhe und Freiheit.
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