Anarchismus Zurück in die Hütte

Neoprimitivisten sehen menschliche Zivilisation wie die Natur vom Untergang bedroht und wollen wieder wie Jäger und Sammler leben. Doch ihre Botschaften verbreiten sie über das Internet.

Von Hubertus Breuer


Das Unglück nahm vor 12.000 Jahren seinen Lauf: mit der Ursünde der Sesshaftigkeit, mit Viehzucht und Ackerbau. Damals verzichteten die edlen Wilden auf die Wonnen des herrschaftsfreien Nomadentums im Einklang mit der Natur. Die einstigen Jäger und Sammler ergaben sich der arbeitsteiligen, vom Ressourcenraubbau lebenden Gesellschaft. Sie verabschiedeten sich von der Gleichberechtigung von Frau und Mann, von viel, viel Müßiggang und einem Leben frei von organisierter Gewalt.

An dieses entschwundene Eden glaubt zumindest der amerikanische Schriftsteller John Zerzan, 65, im Universitätsstädtchen Eugene, US-Bundesstaat Oregon. "Die Leute sagen, dass ich wieder wie ein Höhlenbewohner leben wolle", sinniert der Autor der Werke "Future Primitive" und "Against Civilization", eine Leitfigur der amerikanischen Anarchisten. "Und das ist wahrscheinlich gar nicht so falsch."

Den Glauben an die selbst verschuldete Vertreibung aus dem Paradies teilen etliche in der Welt versprengte anarchische Grüppchen, die sich zur Bewegung des grünen Primitivismus zählen. Darunter sind Ökorebellen, die in Oregon Geländewagen, Baubuden und Ferienhäuser abfackelten, ehe sie gefasst und ins Gefängnis verfrachtet wurden. Und da ist Zerzans Brieffreund Theodore Kaczynski, 66, der "Unabomber", der von 1978 bis 1995 mit Briefbomben drei Menschen getötet und 23 verletzt hat. Vor seiner Verhaftung hatte der frühere Mathematikprofessor ein Manifest veröffentlicht, in dem er unsere technikbasierte Zivilisation als dem Untergang geweiht anklagt. Als Zerzan ihn in einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado besuchte, entdeckte er in ihm eine verwandte Seele. In diesen Dunstkreis gehören auch andere Maschinenstürmer, allen voran schwarz vermummte Kämpfer, die seit den Straßenschlachten in Seattle 1999 bei jedem Treffen der Welthandelsorganisationen (WTO) Rabatz machen, sei es in Genua (2001) oder Heiligendamm (2007).

Diese Neoprimitivisten sehen die menschliche Zivilisation wie die Natur vom Untergang bedroht – und die Wurzeln des Übels sind für sie Kapitalismus, Globalisierung, Technik. Anders als warnende Komplexitätstheoretiker wollen sie jedoch das System nicht stärken, sondern: zerstören. Der Fortschritt sei Teil und nicht Lösung des Problems. Zerzan empfiehlt Menschen deshalb als Ausweg, in die Natur zurückzukehren – am besten in kleinen Nomadengruppen. Das Problem, sechs Milliarden Menschen aus ihren Häusern in die Pampas zu jagen, stellt sich für ihn nicht ernsthaft. Denn vorher komme es voraussichtlich ohnehin zum Kollaps. Und Zerzan ahnt, ähnlich wie einst der Apokalyptiker Johannes: "Es wird schrecklich."

Die unfrohe Botschaft verbreitet der grüne Anarchist in Vorträgen, in Interviews, Zeitschriften, ironischerweise auch über Radio und Internet, in dem viele seiner Schriften abrufbar sind. Die von ihm mitherausgegebene Zeitschrift Green Anarchy ist ebenfalls online vertreten. Dabei ist er nicht der Einzige, der die digitalen Kanäle nutzt. Auch die autonomen Protestgruppen bei der WTO-Tagung in Seattle waren nicht zuletzt deshalb so präsent, weil sie sich übers Netz organisierten. Zerzan gibt sich angesichts der technologischen Fesseln resigniert: "Ich benutze E-Mail nur mit äußerstem Widerwillen. Aber ohne geht es offensichtlich nicht. Das ist die Wirklichkeit, in der wir leben."



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