Andamanen-Inseln Uralt-Sprache Bo ist ausgestorben

Rund 65.000 Jahre lang wurde die Sprache Bo auf den asiatischen Andamanen-Inseln benutzt. Jetzt ist die letzte Sprecherin gestorben. Viele Geheimnisse ihrer Kultur nahm sie mit ins Grab.

Boa Sr: Sie war die letzte bekannte Bo-Sprecherin
AFP

Boa Sr: Sie war die letzte bekannte Bo-Sprecherin


Die letzte Sprecherin der Sprache Bo, eine etwa 85-jährige Frau namens Boa Sr, ist auf einer Insel der indischen Andamanen gestorben. Damit sei die Sprache einer der ältesten Kulturen ausgestorben, berichtet die Organisation Survival International.

Das Verschwinden der Sprache sei ein schwerer Verlust, sagt Martin Haspelmath, Sprachforscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, zu SPIEGEL ONLINE: "Die nordandamanische Sprache ist ausgestorben, bevor sie auch nur halbwegs gründlich dokumentiert und beschrieben werden konnte." Damit sei ein Teil menschlicher Kultur unwiederbringlich verschwunden.

Die Bo lebten vermutlich seit rund 65.000 Jahren auf den Andamanen im Indischen Ozean. Ab 1858 kolonisierten die Briten und später die Inder die Inselgruppe. "Die Ureinwohner waren zu wenige, sie hatten keine Chance zur Selbstbehauptung", sagt Haspelmath. Heute leben noch etwa 500 Ureinwohner auf den Andamanen.

Über die Sprachen auf den Inseln ist wenig bekannt. Die südandamanischen Sprachen ähnelten teilweise den Sprachen der Ureinwohner anderer Inseln Südostasiens und Taiwans, sagt Haspelmath. Auch diese Idiome seien vom Aussterben bedroht, warnt Survival International. Das Überleben der Ureinwohner hänge wesentlich von Nahrungslieferungen der indischen Regierung ab. Zudem gefährde eine ungesunde Lebensweise die Ureinwohner; Alkoholmissbrauch sei verbreitet.

Ein schwerer Schlag waren die Tsunamis an Weihnachten 2004. "Wir waren alle geblieben, wo wir waren", hatte Boa Sr berichtet. "Die Älteren hatten uns geraten, nicht zu flüchten, weil die Erde aufreißen würde." Viele sind aber den Riesenwellen zum Opfer gefallen.

Auch Sprachen, die von größeren Gruppen gesprochen werden, sind laut Haspelmath bedroht: Durch bessere Verkehrswege und die moderne Kommunikationstechnologie verlören sie im Alltag an Wert. Der Verlust sei immens: Sprachen seien nicht nur als Teil des Kulturerbes der Menschheit wertvoll, sondern erlaubten auch Erkenntnisse über die Vorgeschichte menschlicher Bevölkerungsgruppen: "Kein Teil der Kultur ändert sich so langsam wie die Sprache", sagt der Linguist. "Deutsche Wörter wie Ohr, Zahn, Wasser oder Feuer klingen heute noch ungefähr so wie vor 4000 Jahren."

Bei ihrer Arbeit stünden Wissenschaftler jedoch auf verlorenem Posten: "Sprachen sterben viel schneller aus, als wir sie beschreiben können", sagt Haspelmath. So blieben oft nicht einmal Dokumentationen für die Nachwelt erhalten. Viele Geheimnisse der Bo nahm Boa Sr nun mit ins Grab.

boj/AFP



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