Angelsächsische Royals Mysteriöse Prinzessin wurde im Bett begraben

Archäologen haben in Nordengland das Grab einer heidnischen Prinzessin gefunden. Sie war die letzte ihrer Art, bevor im 7. Jahrhundert das Christentum den alten Glauben auslöschte. Doch wer war die Edelfrau, die die Heilige Hilda persönlich kannte und internationale Beziehungen pflegte?


Eigentlich suchte Stephen Sherlock nach den Überresten einer eisenzeitlichen Siedlung. Eine Luftbildaufnahme von Wiesen nahe der Stadt Redcar in der Grafschaft North Yorkshire hatte ihn auf die Spur gebracht. Deutlich zeichneten sich unter dem grünen Gras Strukturen von Gebäuden ab. Doch als der Archäologe zu graben begann, fand er zwischen den Siedlungsresten aus der Eisenzeit plötzlich Gräber - Bestattungen aus dem 7. Jahrhundert.

Die Gräber enthielten reiche Beigaben: Gold. Da lagen Anhänger und Broschen in der Erde, wie sie sich um das Jahr 650 im wilden Norden Englands nur Könige leisten konnten. Sherlock war auf einen Friedhof der angelsächsischen Royals gestoßen - viel weiter nördlich, als man bislang einen vermutet hatte. "So etwas findet ein Archäologe nur einmal im Leben", schwärmt der Ausgräber.

Bislang sind es schon 109 Gräber, die Sherlock auf einer Fläche von der Größe etwa eines halben Fußballfeldes ausgegraben hat. Sie sind regelmäßig in vier Reihen angeordnet. In der Nähe des Eingangs zu dem Friedhof haben die Archäologen die Reste eines Grubenhauses ausgegraben. "Hier wurden die Toten wohl nach ihrem Tod aufgebahrt", sagt der Archäologe. "Wenn Mitglieder des Königshauses starben, reisten von weit her die Familie und Verbündete an, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen."

Auf dem Bett ins Jenseits

Hinter dem Grubenhaus lag der größte und schönste Hügel der Anlage. In ihm begraben war – eine Frau. Die Lady wurde nicht etwa in einem Sarg bestattet, sondern in ihrem Bett. Sie trug drei goldene Anhänger, einer davon reich mit Granaten besetzt. So feinen Schmuck trug man zu der Zeit gar nicht auf der Insel, sondern höchstens auf dem fernen Kontinent. Einer Analyse zufolge stammt das Gold wohl von den Merowingern. Die anderen Schmuckstücke haben dagegen Parallelen im weit südlich gelegenen Kent.

Gold war so kostbar zu jener Zeit, dass die Anhänger gar nicht aus reinem Gold gefertigt sind. Die meisten Schmuckstücke, die auf dem Friedhof gefunden wurden, haben einen Goldanteil von 60 bis 70 Prozent, der Granatanhänger besteht sogar nur zu 33 Prozent aus Gold. "Gold war nicht der Ausgangsstoff für dieses Schmuckstück", erklärt Sherlock. "Die haben Münzen eingeschmolzen und daraus den Anhänger gefertigt."

Wer aber war die Prinzessin mit internationalen Verbindungen, die dort oben im windigen Norden Englands ihre letzte Ruhe fand? Genau lässt es sich leider nicht bestimmen, da in der stark sauren Erde keine Knochen die Jahrhunderte überdauert haben. Die Wissenschaftler müssen ohne DNA-Analyse auskommen. Bleibt also die historische Vermutung.

Wildes 7. Jahrhundert

Es waren bewegte Zeiten im damaligen Königreich Northumbria. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts herrschte dort noch der heidnische Edwin, Gründer der Stadt Edinburgh ("Edwins Burg"). Er heiratete im Jahr 625 Prinzessin Ethelburga aus Kent, eine strenggläubige Christin. Ihr Vater hatte der Ehe nur zugestimmt, nachdem Edwin ihm versichert hatte, ebenfalls zum christlichen Glauben überzutreten. So reiste Ethelburga gen Norden, im Schlepptau ihren eigenen Bischof, Paulinus, eigens zum Zwecke der Christianisierung der heidnischen Angelsachsen aus Rom angereist.

Doch Edwin zeigte sich zunächst wenig begeistert von den fremdländischen Riten. Erst ein Attentat auf sein Leben trieb ihn in die Arme des Herrn, Paulinus durfte ihn Ostern 627 taufen. Dafür machte Edwin Paulinus zum Bischof von York, und Papst Bonifatius V. sandte im Gegenzug Geschenke an die brave Ethelburga und ihren bekehrten Mann.

Am Hof von Edwin und Ethelburga lebte außerdem ein junges Mädchen, das die Predigten des Paulinus und die Reden ihrer frommen Königin begeistert aufsog. Hilda war Edwins Großnichte und sollte wie ihre Großtante Ethelburga eine bedeutende Frau für Northumbria werden. Die frühen Jahre an dem christlichen Hof prägten sie so sehr, dass sie den Rest ihres Lebens damit verbrachte, ihrer heidnischen Heimat das Christentum nahezubringen. 657 gründete sie das Kloster Whitby, nur 16 Kilometer vom Fundort des Friedhofs entfernt, das schnell zum spirituellen Zentrum Northumbrias aufstieg. Die als sehr energisch beschriebene Hilda förderte aber auch die Alphabetisierung und die Künste im rauen Königreich. Noch heute gilt die Heilige Hilda als Schutzpatronin des Lernens und der Dichtkunst.

Wer ist die tote Prinzessin?

Könnte eine der beiden Frauen die Prinzessin auf dem Bett in Steve Sherlocks Friedhof sein? "So schön das wäre - leider nicht", gibt Sherlock im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu. Die Toten auf dem Friedhof waren noch nicht zum Christentum bekehrt. Davon zeugen unter anderem die reichen Grabbeigaben und die Waffen, mit denen viele bestattet wurden. Häufig sind kleine Messer aus Eisen, auch eine Seax fanden die Archäologen, ein angelsächsisches Schwert. "Außerdem wollten alle Christen im fraglichen Zeitraum im nahen Whitby bei Hilda begraben werden", sagt Sherlock. "Die Mitglieder eines königlichen Haushaltes hätten sich das nicht nehmen lassen."

Weder die Überreste Ethelburgas noch die von Hilda liegen heute in Northumbria. Ethelburga musste nach dem Tod Edwins zurück zu ihrer Familie nach Kent fliehen. Ihr Bruder schenkte ihr eine baufällige römische Villa in Lyminge, wo sie ein Kloster gründete, starb und begraben wurde. Hilda fand nach ihrem Tod natürlich in Whitby ihre letzte Ruhestätte. Später, im 10. Jahrhundert, wurden ihre Knochen nach Glastonbury überführt.

"Wir können mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass die auf dem Bett bestattete Prinzessin zum Hof der northumbrischen Könige gehörte", sagt Sherlock. "Und fast mit Sicherheit kannte sie Hilda. Wenn sie nicht sogar Blutsverwandte waren, trafen sie sich oft zu allen möglichen Anlässen." Denn Hilda war zu Lebzeiten eine angesehene Beraterin am Hof, sowohl in religiösen als auch in weltlichen Fragen.

Im nächsten Jahr soll es weitergehen mit der Ausgrabung. "Wir wollen noch die Siedlung finden, die zu dem Friedhof gehört", meint Sherlock. Denn bislang liege der Friedhof "mitten im Nichts". Zumindest ein größeres Gehöft müsse sich aber in der Nähe befinden. Denn der Königshof zu Zeiten Edwins und Ethelburgas hatte keinen festen Sitz. Der Herrscher zog von Villa zu Villa, um überall im Land seine Macht zu demonstrieren.

Auf jeden Fall lässt sich an den Grabungsergebnissen ablesen, dass Hilda mit ihrer Mission äußerst erfolgreich war. Der heidnische Friedhof wurde schon bald nach dem Tod der angelsächsischen Prinzessin aufgegeben. Ganz voll wurde er nie. Es waren keine Heiden mehr übrig in Northumbria, die dort hätten begraben werden wollen.



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