Angkor Forscher entdecken Ruinen riesiger Dschungel-Metropole

Die Siedlung um die berühmte Tempelanlage Angkor Wat war offenbar viel größer als bisher bekannt. Forscher haben die Region in Kambodscha zu Fuß, per Flugzeug und Satellit erfasst - und eine versunkene Anlage von den Ausmaßen New Yorks entdeckt: die wohl größte vorindustrielle Stadt der Welt.

Wer Angkor sagt und nicht zufällig Archäologe ist, meint in der Regel Angkor Wat - jene berühmte Tempelanlage, welche die Khmer vermutlich vor knapp 900 Jahren in den Dschungel Kambodschas gebaut haben. Doch in der Region Angkor gibt es mehr. Viel mehr, als selbst Experten bisher vermutet haben.

"Seit mehr als 100 Jahren hat sich die Wissenschaft auf die gewaltigen Sandstein-Tempelanlagen und ihre Inschriften konzentriert", sagt Damian Evans von der University of Sydney in Australien. "Wo und wie die Menschen dort gelebt haben, wollte niemand herausfinden - oder konnte es nicht wegen der vielen Jahre der Gewalt."

Riesenstadt des Reisüberflusses

Erst seit dem Ende des Schreckensregimes der Roten Khmer in den neunziger Jahren ist die systematische Erforschung von Angkor halbwegs sicher, und Evans hat die Zeit gemeinsam mit seinem Team genutzt. Denn was die Forscher jetzt im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichen, ist ein atemberaubendes Zeugnis einer längst vergangenen Zeit. Ihrer neuen Karte zufolge haben sich in der Gegend von Angkor Wat keineswegs nur verstreute Tempel befunden - sondern eine gewaltige hydraulische Stadt mit einer Fläche von mehr als 1000 Quadratkilometern. Zum Vergleich: New York City ist rund 1200, ohne seine Wasserflächen weniger als 800 Quadratkilometer groß. Berlin hat eine Fläche von knapp 900 Quadratkilometern.

Damit ist "Groß-Angkor" die mit Abstand gewaltigste vorindustrielle Siedlung der Welt, schreiben Evans und seine Kollegen. Selbst die riesigen Städte der Maya nehmen sich dagegen winzig aus: Tikal, die größte bisher genau vermessene unter ihnen, bringt es auf höchstens 150 Quadratkilometer.

Das "Greater Angkor Project" (GAP) mit Experten aus Australien, Kambodscha und Frankreich hat laut Evans nun auch die alte Annahme bestätigt, dass Angkor zwischen dem 9. und 16. Jahrhundert eine hydraulische Stadt war. Der französische Forscher Bernard-Philippe Groslier hat Angkor seit den fünfziger Jahren erforscht und die Theorie eines riesigen Siedlungskomplexes aufgestellt, der dank eines komplizierten Bewässerungssystems mehr als eine Million Menschen beherbergt habe. Dieses System habe die Riesenstadt, die sich auf mehrere Zentren verteilte, ernährt, definiert - und schließlich auch untergehen lassen.

Das ausgedehnte Bewässerungsnetz aus Flüssen, Kanälen und Stauseen hat die mittelalterlichen Khmer der neuen Studie zufolge in die Lage versetzt, mehrmals im Jahr Reis zu ernten. Das verschaffte den Bewohnern Angkors nicht nur volle Teller, sondern auch komfortable Überschüsse, die zu einem enormen Reichtum führten. Das Khmer-Reich konnte seine Macht ausweiten, insbesondere während der Regierungszeit Königs Suryavarman II., dem auch der Bau der Tempelanlage Angkor Wat zugeschrieben wird.

Die GAP-Forscher haben nun anhand von Bodenvermessungen, mit Hilfe von Ultraleichtflugzeugen und Radarsatelliten der US-Raumfahrtbehörde Nasa mehr als 1000 künstlich angelegte Seen und mindestens 74 bisher unbekannte Tempel entdeckt. "Unsere neue Karte zeigt erstmals, dass Angkor keine Ansammlung verstreuter Tempel war", erklärt Evans gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Es war ein durchgehendes, verflochtenes städtisches Netzwerk, das etwa zehnmal so groß ist wie alles, was bisher aus der antiken Welt gefunden wurde."

Rücksichtslose Ausbeutung - hohe Anfälligkeit gegenüber Kriegen und Naturkatastrophen

Die Karte zeige auch, dass die Größe vormoderner Siedlungen nicht wie allgemein angenommen einfach anhand ihrer Stadtmauern definiert werden könne. Angkor Wat und die angrenzende ummauerte Stadt Angkor Thom seien zwar besonders dicht besiedelt gewesen. "Aber wir sehen auch, dass Angkor nicht an den Stadtmauern endete, sondern ein riesiges Geflecht aus landwirtschaftlichen und besiedelten Flächen war und sich praktisch ohne Unterbrechung über mindestens 1000 Quadratkilometer erstreckte", sagt Evans. Auf dieser Fläche gebe es kaum einen Quadratkilometer, der nicht verändert und genutzt worden sei.

Die neuen Daten widerlegen laut Evans auch die Annahme, dass das Bewässerungsnetz nicht dazu geeignet war, den Reisanbau zu intensivieren. "Alle großen Stauseen haben Zu- und Abflüsse, es gibt Verteilerkanäle, und jede einzelne Wasserquelle der Region wurde intensiv und rücksichtslos ausgebeutet."

"Immer komplexer und unkontrollierbarer"

Das habe vermutlich auch zum Untergang Angkors geführt. "Die Reiswirtschaft in Angkor hatte einen extremen Wasserbedarf", sagt Evans. Große Waldflächen seien gerodet worden, um die bewässerten Felder anzulegen. Das System habe derartige Ausmaße besessen, dass es mit der Zeit wahrscheinlich zu massiven Problemen führte - wie etwa zum Auslaugen des Oberbodens, zu Erosion und Überbevölkerung. Das empfindliche und komplexe System dürfte außerdem äußerst empfindlich auf Naturkatastrophen und Kriege reagiert haben.

Insbesondere im neu erfassten Norden Angkors habe man Spuren von hektischen Anpassungsmaßnahmen, Deichbrüchen und einem Versagen des Systems gefunden, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Fachartikel. "Das legt nahe, dass das System über eine Zeit von mehreren Jahrhunderten immer komplexer und unkontrollierbarer wurde."

Genaueres wisse man aber nicht. Evans kündigt an: "Wir werden Ausgrabungen und Pollen-Analysen durchführen." Jetzt, da man die Siedlungsfläche beziffern könne, seien bald auch bessere Annahmen über die Bevölkerungszahl im mittelalterlichen Angkor möglich - "anstatt wilder Vermutungen über eine Million Menschen". Die neue Karte verrate "zumindest, wo wir nach Antworten suchen sollten".

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