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15. Mai 2007, 19:00 Uhr

Angst vor Anschlag

Israel testete Anthrax-Impfstoff an Hunderten Soldaten

Aus Angst vor einem irakischen Biowaffen-Angriff hat Israel ein Mittel gegen den Milzbrand-Erreger entwickelt - und an Soldaten getestet, enthüllt ein Fernsehmagazin. Dutzende Probanden erlitten offenbar bleibende Schäden.

Der Vorwurf wiegt schwer, vor allem in einem Land, in dem Angehörige der Streitkräfte und Veteranen ein hohes Ansehen genießen. Die israelische Armee soll die Teilnehmer eines geheimen Impfstoffes mit dessen gesundheitlichen Folgen alleine gelassen haben.

Milzbrand-Erreger: Als mögliche Bio-Waffe gefürchtet
AP

Milzbrand-Erreger: Als mögliche Bio-Waffe gefürchtet

Von Hauttumoren, Lungenentzündungen, Migräne, Bronchitis und Epilepsie-Symptomen berichtet das TV-Magazin Uvda des israelischen Fernsehsenders Channel 2. Das Verteidigungsministerium dementierte daraufhin nicht, dass es Tests für die Entwicklung eines Milzbrand-Impfstoffs gegeben hat. Beobachter werten dies als Eingeständnis. So sorgt auch weniger die Existenz des geheimen Programms in Israel für Schlagzeilen als Vorwürfe im Zusammenhang mit gesundheitlichen Folgen für die Probanden.

Dutzende Soldaten hätten Nebenwirkungen erlitten, wegen einer strikten Geheimhaltung aber weder darüber noch über das Experiment im Allgemeinen sprechen dürfen. Der Fernsehsender berichtet, die Streitkräfte und das Verteidigungsministerium hätten keine Verantwortung für die medizinische Behandlung der Versehrten übernommen. Sie würden in zivilen Einrichtungen behandelt.

Channel 2 ist ein privater TV-Sender mit hohem Nachrichtenanteil. Die Sendung Uvda genießt einen guten Ruf für ihre investigativen Beiträge. Als die Vorwürfe aus der Uvda-Sendung bekannt wurden, sagte der ehemalige Brigadegeneral Giora Martinovich, vormals ranghöchster Mediziner der Streitkräfte: Das Programm sei aus Furcht vor Anthrax-Attacken des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein ins Leben gerufen worden, und weil keine ausländischen Impfstoffe verfügbar gewesen seien. Das meldet die Tageszeitung "Haaretz" unter Berufung auf "Israel Radio ".

Furcht vor Saddams Milzbrand-Angriff

"Es schien uns klar, dass die Iraker es (Anthrax) gegen uns einsetzen würden", sagte Martinovich. "Es ist unmöglich, im Ausland große Mengen eines Impfstoffs zu kaufen, den es nur in den USA und England gibt. Also musste der Staat Israel seinen eigenen Impfstoff entwickeln."

Ein Soldat, der an den Versuchen teilgenommen hatte, schilderte "Uvda", was ihm und seinen Kameraden gesagt worden sei: "Sie sagten, eine Gruppe würde den amerikanischen Impfstoff erhalten und eine den experimentellen israelischen." Man habe den Teilnehmern erklärt, dass es sich nicht um ein Präparat mit lebenden oder toten Erregern handele. Der Soldat sagte ferner, ihm sei mitgeteilt worden, "sie würden uns verändertes Erbgut des Virus spritzen". Dies ist insofern inkonsistent, als der Milzbrand gar nicht von einem Virus, sondern von einem Bakterium, dem Bacillus anthracis, verursacht wird.

Das Verteidigungsministerium teilte mit, die von den zuständigen Stellen genehmigten Versuche hätten dazu gedient, "den Schutz der israelischen Bevölkerung vor strategischen Bedrohungen zu verbessern" und seien auf freiwilliger Basis erfolgt. "Die Soldaten, die daran teilnahmen, haben genaue Erklärungen über den Versuch erhalten und hatten jederzeit die Möglichkeit, auszusteigen." Das Experiment sei unter Beachtung der Regeln des Helsinki Committee for Human Experimentation durchgeführt worden. Dabei handelt es sich um Reihe ethischer Richtlinien für medizinische Experimente mit Menschen, welche die World Medical Association 1964 in der finnischen Hauptstadt verabschiedet hat.

Ex-General Martinovich bestätigte, "dass es Fälle dauerhafter, körperlicher Phänomene" gegeben habe, "einschließlich des Soldaten, der in dem Fernseh-Beitrag auftauchte". Er widersprach "Uvda" allerdings dahingehend, dass der betroffene Soldat vom Verteidigungsministerium durchaus entschädigt werde.

Der israelische Rundfunk meldete, das Programm habe von 1998 bis ins vergangene Jahr gedauert, rund 700 Versuchspersonen involviert und sei "mit großem Erfolg zu Ende gegangen". Dies wollte Martinovich nicht bestätigen. "Ich glaube, dass der Staat Israel über einen sehr guten Schutzschirm gegen eine solche Bedrohung verfügt", sagte er nur. "Es war eine ehrenhafte Angelegenheit. Aber wie bei allem gab es auch hier vorhersehbare Nebenwirkungen."

stx/dpa/rtr

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