Angst vor Mikrowellen Mammutstudie bringt keine Hinweise auf Krebsgefahr durch Handys

Löst Handystrahlung Hirnkrebs aus? Die weltweit größte Studie sollte endlich Antworten liefern, zehn Jahre lang haben Forscher Hunderttausende Menschen in 13 Ländern untersucht. Klare Anzeichen für ein erhöhtes Tumorrisiko fanden sie nicht. Doch Raum für Spekulationen bleibt.
Handystrahlung (Grafik): Keine eindeutigen Zeichen für erhöhtes Krebsrisiko

Handystrahlung (Grafik): Keine eindeutigen Zeichen für erhöhtes Krebsrisiko

Foto: Pong Research

Sie ist der Rolls-Royce unter den Untersuchungen zum Thema Handy und Hirnkrebs, und sie sollte die nagenden Zweifel endlich besiegen. Die Interphone-Studie hat Wissenschaftler in 13 Ländern zehn Jahre lang beschäftigt. Hunderttausende Menschen in ganz Europa wurden befragt und untersucht, mehrere Teilstudien wurden seit 2000 in Fachblättern veröffentlicht. Jetzt liegt das mit Spannung erwartete Endergebnis vor.

Es lautet: Rational betrachtet muss sich niemand vor Handys und Mobilfunk-Sendemasten fürchten. Wer aber weiterhin Angst haben möchte, wird nach wie vor seine Gründe finden.

"Ein erhöhtes Risiko von Hirnkrebs ist aus den Interphone-Daten nicht ablesbar", sagte Christopher Wild, Direktor der International Agency for Research on Cancer (IARC), jener Abteilung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die für das Mammutprojekt verantwortlich zeichnet.

Die Mainzer Statistikprofessorin Maria Blettner sieht nunmehr den Zeitpunkt für eine weitgehende Entwarnung gekommen: Handys würden mit großer Wahrscheinlichkeit keine Hirntumoren auslösen. "Ich würde momentan kein Geld mehr ausgeben, um dieser Frage weiter nachzugehen", sagte Blettner, Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik an der Universität Mainz und Mitautorin der Interphone-Studie. "Es gibt wichtigere Probleme."

Zwar sei die Frage nach einer extrem langfristigen Wirkung der Handy-Nutzung noch "ein Stück weit offen". "Aber selbst falls es einen Effekt geben sollte, dürfte er so minimal sein, dass auch weitere Studien vermutlich keine neuen Erkenntnisse bringen würden", sagt Blettner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Leiser Verdacht, aber keine eindeutigen Hinweise

Die Endfassung der Interphone-Studie , die am Dienstag im "International Journal of Epidemiology" veröffentlicht wird, deckt sich mit den Resultaten der bereits vorliegenden Teilstudien. Insgesamt kamen unter den Hunderttausenden Menschen, deren Daten in das Projekt eingeflossen sind, 2708 sogenannte Gliome  und 2409 Meningeome  vor. Einen handfesten, statistisch belastbaren Zusammenhang zwischen der Entstehung dieser Hirntumoren und der Handy-Nutzung konnten die Wissenschaftler jedoch nicht entdecken.

Nur ein kleines Teilergebnis erregte leisen Verdacht: Unter den zehn Prozent der Studienteilnehmer mit der intensivsten Handy-Nutzung (mehr als 1640 Stunden bis zum Zeitpunkt der Befragung) stieg die Gefahr von Gliomen um 40 Prozent und die von Meningeomen um 15 Prozent.

Doch die Daten sind so wackelig, dass sie nach Angaben der Forscher nicht genügen, um einen kausalen Zusammenhang zwischen der Handy-Nutzung und der Entstehung der Tumoren zu begründen. Die errechnete Risikosteigerung basiert auf Daten, die der Erinnerung der Befragten entstammen - und die kann trügerisch sein. So wollen sich etwa Tumorpatienten - nachdem sie von ihrer Erkrankung erfahren haben - häufig daran erinnern, ihr Handy hauptsächlich an die vom Tumor befallene Kopfseite gehalten zu haben.

Der deutsche Krebsforscher Joachim Schüz, der ebenfalls an der Interphone-Studie beteiligt war, sieht hier die Gefahr einer Verzerrung der Daten. Zwar mache es "nachdenklich", dass insbesondere die Zahl der Tumoren im Schläfenbereich anscheinend gewachsen sei - so wie man es durch die Handy-Nutzung erwarten würde. Doch es könne sich genauso gut um ein statistisches Artefakt handeln.

Wie unsicher die Daten sein können, beweist ein weiteres Ergebnis der Interphone-Studie: Bei jenen 90 Prozent der Handynutzer, die nicht zur Gruppe der Vieltelefonierer gehörten, sank das Krebsrisiko. Bei der Betrachtung der Gesamtzahl der Anrufe - also unabhängig von der Zahl der Stunden - fanden die Forscher den bizarren Effekt sogar bei allen Nutzergruppen: Sie hatten ein geringeres Tumorrisiko als jene Menschen, die nie ein Handy benutzt hatten.

Bizarre Statistikartefakte - Handys schützen Mäßigtelefonierer vor Hirnkrebs

Schützen Handys also am Ende vor Krebs? Wohl kaum. Schüz führt auch dieses Phänomen auf statistische Effekte zurück. Einer davon sei die teils fehlerhafte Einschätzung des persönlichen Handy-Gebrauchs. "Die Angaben der Teilnehmer wurden mit Daten der Mobilfunk-Anbieter abgeglichen", sagt Schüz. "Dabei zeigte sich, dass manche Menschen teils heftig daneben liegen." So hätten manche Teilnehmer angegeben, im Tagesdurchschnitt vier bis fünf Stunden mobil telefoniert zu haben. Das, meint Schüz, sei schon anhand der horrenden Mobilfunkkosten in den neunziger Jahren unplausibel.

Doch selbst wenn man derartige Verzerrungen erkennt, bleibt die Frage, wie man statistisch damit umgeht: Lässt man die offensichtlich falschen Antworten gänzlich unbeachtet? Korrigiert man sie? Falls ja, nach welchem Muster? Selbst der Abgleich mit den unbestechlichen Verbindungsdaten der Mobilfunk-Provider habe nicht geklärt, ob die Steigerung des Krebsrisikos bei den Vieltelefonierern nur in den Zahlenkolonnen existiere oder real sei, sagt Schüz. "Am Ende hatten wir mehr neue Fragen als Antworten."

Vergebliche Suche nach dem Wirkmechanismus

Hinter allem steht noch ein weiteres, grundsätzliches Problem: Niemand weiß, wie Handys überhaupt Hirntumoren auslösen könnten. Ein Mobiltelefon erzeugt Mikrowellen und kann menschliches Gewebe erwärmen. Aber das Feld gilt als zu schwach, um Veränderungen in Zellen oder im Erbgut zu verursachen - und es nimmt an Stärke ab, je tiefer es ins Gewebe eindringt. Das EMF-Portal der RWTH Aachen  listet fast 14.000 Studien zur Wirkung elektromagnetischer Felder auf. Doch in keiner wurde ein Wirkmechanismus identifiziert, der erklären könnte, wie Handys Krebs verursachen sollten. "Das wirft die Frage, ob die Anzeichen für Risikosteigerungen lediglich statistische Artefakte sind, umso stärker auf", meint Schüz.

Auch herkömmliche Krebsstatistiken blieben ohne Befund. Erst im Dezember 2009 wurde eine Studie darüber veröffentlicht, wie sich die Häufigkeit von Hirntumoren in nordeuropäischen Ländern entwickelt hat. Das Ergebnis: Seit dem Beginn der Handy-Ära ist sie gleichgeblieben.

Die Interphone-Studie ruft auch Kritiker auf den Plan. Sie wurde zum Teil mit Geldern der Mobilfunkindustrie finanziert. Allerdings stammen nach Angaben der IARC lediglich 500.000 Euro - was 2,5 Prozent des Gesamtetats von 19,5 Millionen Euro entspricht - direkt von Mobilfunk-Unternehmen, in diesem Fall aus Kanada und Frankreich.

Mehrfach wurde bemängelt, dass die Untersuchung bereits im Jahr 2000 begonnen hat - als die Handy-Nutzung deutlich geringer war als heute. So kamen selbst die Vieltelefonierer in der Interphone-Studie im Schnitt nur auf eine halbe Stunde am Tag, was nach aktuellen Maßstäben nicht allzu viel wäre. Allerdings ist in den vergangenen zehn Jahren die Strahlungsintensität der Mobiltelefone stark gesunken (siehe Kasten in der Spalte links), und auch Headsets werden weit öfter eingesetzt als früher.

Der frühe Beginn der Interphone-Studie hat auch einen Vorteil: Damals kam ein nennenswerter Teil der Menschen noch gänzlich ohne Handy aus. Inzwischen wäre eine epidemiologische Studie wie Interphone überhaupt nicht mehr durchführbar, sagt die Mainzer Statistikerin Blettner - weil es in den Industriestaaten kaum noch jemanden gebe, der ganz auf Mobilfunk verzichte. "Eine solche Kontrollgruppe wäre aber notwendig, um einen eventuellen Effekt der Strahlung innerhalb der exponierten Gruppe sauber nachzuweisen", sagt Blettner.

"Handynutzung wird kein zweites Rauchen"

Es bleibt also weiterhin Raum für Spekulationen - und für die gebetsmühlenartig vorgetragene Forderung nach weiteren Studien. Dahinter steht nicht nur die Tatsache, dass sich um das Thema Mobilfunk und Krebs inzwischen eine veritable Forschungsindustrie etabliert hat, sondern auch das verbreitete Missverständnis, dass eine Studie ein Risiko gänzlich ausschließen könnte.

"Handy-Studie enttäuscht", schreibt etwa die "Süddeutsche Zeitung". Der "Sydney Morning Herald" titelte über die Interphone-Studie: "Untersuchung unfähig, Zusammenhang zwischen Handys und Hirnkrebs-Risiko auszuschließen". Als ob das jemals das Ziel gewesen wäre. Einen letztgültigen Risikoausschluss leisten medizinische und epidemiologische Studien grundsätzlich nicht - weil kein seriöser Forscher vorherzusagen wagte, ob nicht vielleicht doch irgendwann unter bestimmten Umständen ein Restrisiko gefunden wird.

Auch bei der Handy-Nutzung schließt deshalb niemand aus, dass das Krebsrisiko erst nach 20, 30 oder noch mehr Jahren steigen könnte. "Aber das ist eine extrem theoretische Diskussion", sagt Schüz. Denn zum einen wachsen Hirntumoren üblicherweise schnell. Zum anderen spreche die bisherige Abwesenheit eines klaren Zusammenhangs zwischen Handynutzung und Krebs eher gegen das plötzliche Einsetzen eines Langzeitrisikos. "Eines scheint bereits jetzt klar zu sein", meint Schüz. "Die Handynutzung wird kein zweites Rauchen werden."

Geforscht wird natürlich weiterhin. Im April startete in Großbritannien eine neue Großstudie mit 250.000 Teilnehmern. Bis zu den Ergebnissen ist allerdings ein wenig Geduld nötig: Die Untersuchung soll 20 bis 30 Jahre dauern.