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02. Januar 2014, 16:03 Uhr

Evakuierung in der Antarktis

Wer bezahlt die Millionenrettung?

Eine Woche lang saß die "Shokalskiy" im Eis fest. Die Expeditionsteilnehmer unterhielten die Welt derweil mit ihren Gute-Laune-Videos. Doch für die Besatzung der zu Hilfe geeilten Eisbrecher war der Einsatz kein Spaß. Und zudem war er teuer.

Sydney - Aufgekratzt wie Kinder auf Klassenfahrt gingen die Teilnehmer der Antarktis-Expedition am Donnerstag von Bord zum Helikopter. Nach neun Tagen im Eis konnten sie das eingeschlossene Forschungsschiff MV "Akademik Shokalskiy" nicht schnell genug verlassen. Die Hubschrauberaktion zur Rettung war heikel, das Aufatmen groß, als alles wie am Schnürchen lief. Jetzt kommen die Fragen: Wer zahlt für die Rettung? War der Ausflug nötig? War er gar fahrlässig?

Australische Medien schätzen den Preis für die Rettungsaktion der Wissenschaftler und Touristen auf mehrere Millionen Dollar. Kosten für Such- und Rettungsaktionen werden laut Statut der australischen Seesicherheitsbehörde (Amsa) zwar getragen. Das dürfte allerdings nicht mögliche Forderungen der Eigner der zu Hilfe herbeigeeilten Eisbrecher einschließen.

"Man hilft sich in der Antarktis"

Das Internationale Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See (Solas) verpflichtet Schiffe auf hoher See, auf Notrufe umgehend zu reagieren. Auch Heinrich Miller, Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, kennt diesen Grundsatz aus vielen eigenen Expeditionen in die Antarktis: "Man hilft sich in der Antarktis. Aber nationale Forschungsprogramme haben natürlich einen voll ausgebuchten Zeitplan", sagte der Polarforscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das gilt auch für die drei Eisbrecher, die seit Heiligabend ihren Kurs geändert hatten, um der MV "Akademik Shokalskiy" zu Hilfe zu eilen. Das französische Schiff drehte nach drei Tagen wegen der aussichtslosen Lage ab und wurde aus der Helferpflicht entlassen, aber die Eisbrecher "Snow Dragon" aus China und die "Aurora Australis" aus Australien mussten ihre eigentliche Arbeit tagelang unterbrechen. Allein die "Aurora" schlägt nach Medienberichten in Australien mit fast 40.000 Euro Kosten zu Buche - pro Tag.

Die Schiffe waren zudem auf wichtigen Arbeitseinsätzen unterwegs. Die "Aurora" war etwa dabei, Nachschub und wissenschaftliche Geräte an der australischen Antarktis-Station Casey auszuladen, als der Notruf kam. Sie brach die Entladung ab und eilte innerhalb von Stunden zum Noteinsatz, wie einer der Wissenschaftler an der Station, Joe McConnell, dem "New York Times"-Reporter Andrew Revkin schrieb.

Verrechnung von Hilfeleistung ist Grauzone

"Die kurz- und langfristigen Folgen für das australische Forschungsprogramm sind enorm, und das dürfte für das französische und chinesische Programm auch gelten, weil ihre Eisbrecher umgeleitet wurden", schrieb er. "Viele Leute können ihre Forschungsprojekte, die sie teils jahrelang vorbereitet haben, nicht fortsetzen, weil ihr Material immer noch an Bord der 'Aurora' ist."

Wegen der extremen Wetterverhältnisse können Eisbrecher die Forschungsstationen nur im kurzen antarktischen Sommer anfahren. Dabei zählt jeder Tag.

Werden die Eigner der Eisbrecher daraus finanzielle Forderungen gegenüber der "Shokalskiy" ableiten? "Das ist eine Grauzone", sagt Heinrich Miller. "Wie dort die Hilfeleistung verrechnet wird, lässt sich schwer abschätzen." Theoretisch kann der Eigner des in Not geratenen Schiffes später zur Kasse gebeten werden. Die "Shokalskiy" fährt unter russischer Flagge - die Australasiatische Antarktis-Expedition 2013/14 hat sie gechartert. Im Chartervertrag müsste die Haftpflicht für Rettungsaktionen näher geregelt sein.

Schnell verwandelt sich Meereis in Presseis

Allerdings war die "Shokalskiy" selbst auf wissenschaftlicher Mission unterwegs. Expeditionsleiter Chris Turney ist Klimaforscher. Er wollte Eisveränderungen in der Antarktis über einen langen Zeitraum dokumentieren. Dazu folgte er der Route des Polarforschers Douglas Mawson, der die Region vor 100 Jahren erkundete.

Die "Shokalskiy" wurde einst als Polarforschungsschiff gebaut, ist für den Einsatz in der Antarktis also bestens ausgestattet. Dass neben den Wissenschaftlern auch zahlende Touristen an Bord waren, ändert nichts daran, dass die Expedition für alle Eventualitäten gewappnet war. "Die Wetterverhältnisse sind eben unberechenbar", twitterte Turney.

Das bestätigt auch Polarforscher Heinrich Miller: "Eigentlich ist das Meereis sehr dünn, aber durch Wind, Strömung und Gezeiten kann sehr schnell Presseis entstehen." Man müsse daher immer damit rechnen, mit dem Schiff steckenzubleiben, auch Miller ist das schon zweimal passiert. Trotzdem fährt er weiter ins ewige Eis - die nächste Expedition startet am Sonntag.

che/Christane Oelrich, dpa

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