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Wiege der Menschheit: Knochenfunde aus Südosteuropa

Foto: Wolfgang Gerber/ Universität Tübingen/ DPA

Neue Theorie Forscher verlegen Wiege der Menschheit von Afrika nach Europa

Afrika ist die Wiege der Menschheit - so steht es im Lehrbuch. Zwei Knochenfunde wecken Zweifel an der Theorie: Der älteste Vormensch könnte aus Südosteuropa stammen.

Es ist eine Grundlehre der Anthropologie: In Afrika trennten sich die Wege von Menschen und Menschenaffen. Einer neuen Studie zufolge könnte es aber anders gewesen sein. Womöglich ist der Balkan die Wiege der Menschheit.

Die Abstammungslinien von Menschen und Menschenaffen teilten sich womöglich einige Hunderttausend Jahre früher als bisher angenommen - in Europa und nicht wie nach der gängigen Theorie vermutet in Afrika.

Diese Idee stellt ein Forscherteam um Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Paleoenvironment (HEP) in Tübingen im Fachmagazin "PLOS One" vor. Die Wissenschaftler hatten zwei Fossilfunde neu untersucht und die damaligen Umweltbedingungen an den Fundorten rekonstruiert.

Funde in Bulgarien und Griechenland

Wann und wo sich die ersten Vormenschen entwickelten, ist bislang nicht abschließend geklärt. Der Schimpanse ist heute der nächste Verwandte des Menschen. Viele Experten gehen davon aus, dass sich die Entwicklungslinien der Schimpansenvorfahren und der menschlichen Linie vor etwa fünf bis sieben Millionen Jahren in Afrika trennten.

Das Team um Böhme untersuchte nun die beiden einzigen Funde des Hominiden Graecopithecus freybergi. Zu den Hominiden gehören der Mensch samt seiner ausgestorbenen Verwandten und die Menschenaffen. Es handelt sich bei den Fossilien um einen in Griechenland gefundenen Unterkiefer und einen Zahn aus Bulgarien.

Detaillierte Untersuchungen lassen die Forscher vermuten, dass es sich bei Graecopithecus um eine bislang unbekannte Vormenschenart handelt. So seien die Zahnwurzeln weitgehend verschmolzen gewesen - ein charakteristisches Merkmal des Menschen und seiner ausgestorbenen Verwandten. Bei Menschenaffen liegen die Zahnwurzeln üblicherweise getrennt vor.

"Wir waren von unseren Ergebnissen selbst überrascht, denn bislang waren Vormenschen ausschließlich aus Afrika südlich der Sahara bekannt", sagt Jochen Fuss, einer der beteiligten Wissenschaftler.

"Ich erwarte viel Widerspruch"

Über Analysen der Sedimente, aus denen die Fossilien geborgen worden waren, datierten die Forscher den Unterkiefer auf ein Alter von 7,175 Millionen Jahren, den Zahn auf 7,24 Millionen Jahre.

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Wiege der Menschheit: Knochenfunde aus Südosteuropa

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Die Funde seien damit älter als der bisher älteste aus Afrika bekannte Vormensch Sahelanthropus mit einem Alter von sechs bis sieben Millionen Jahren. Daraus folgern die Forscher, dass die Abspaltung der Entwicklungslinien von Vormenschen und Schimpansen womöglich früher und nicht in Afrika, sondern im östlichen Mittelmeerraum stattfand.

Die "East Side Story", wonach der Vormensch in Ostafrika entstanden ist, werde nun durch die europäische "North Side Story" in Frage gestellt, sagt Böhme. "Ich erwarte heftige Reaktionen, ich erwarte viel Widerspruch."

Schlechte Indizienlage

Ihre These will sie weiter untermauern und kündigt Analysen zur Ernährung von "El Graeco" an. Außerdem wolle sie weitere Hinweise auf die Entstehung des Vormenschen außerhalb Afrikas in Iran, Irak und möglicherweise im Libanon suchen.

"Die Aufspaltung der Hominiden-Vorfahren des Menschen und der Menschenaffen ist schlecht dokumentiert", sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung Human Evolution am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und nicht an der Studie beteiligt. Es sei nicht das erste Mal, dass Forscher angesichts der vielen Fossilienfunde in Südeuropa die ersten Menschen dort verorteten.

Die Forscher um Böhme nehmen an, dass drastische Umweltveränderungen die Abspaltung angestoßen haben. In den Sedimenten der Fundorte fanden die Wissenschaftler zum einen rote, feinkörnige Schluffe, die für Wüstenstaub charakteristisch sind. Sie vermuten den Ursprung in Nordafrika.

Sahara weit im Norden

Zum anderen fanden sie einen hohen Gehalt unterschiedlicher Salze. "Diese Daten könnten erstmalig eine Sahara belegen, die sich vor 7,2 Millionen Jahren ausbreitete und deren Wüstenstürme rote, salzhaltige Stäube bis an die Nordküste des damaligen Mittelmeeres bliesen", erläutert Böhme.

Auch in Europa hätten Klimaveränderungen zur Ausbreitung einer Savannenlandschaft geführt, so die Forscher weiter. Sie fanden Spuren von dafür typischen Pflanzen in den Sedimenten und Hinweise auf regelmäßige Brände.

"Zusammengenommen lässt sich das Bild einer Savanne zeichnen. Dazu passt, dass gemeinsam mit Graecopithecus Fossilien von Vorfahren der heutigen Giraffen, Gazellen, Antilopen und Nashörner gefunden wurden", sagt Mitautor Nikolai Spassov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften.

Wie die Vormenschen ausgesehen haben und ob sie bereits aufrecht gegangen sind, wisse man nicht, erklärt Böhme. Anhand der Kiefergröße sei davon auszugehen, dass "El Graeco" etwa 40 Kilo gewogen habe und so groß gewesen sei wie ein heutiges Schimpansenweibchen.

Von Anja Garms und Lena Müssigmann, dpa/boj
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