Anthropologie Soziales Gewissen entstand früher als gedacht

Bereits vor 200.000 Jahren haben sich die frühen Menschen offenbar um ihre Artgenossen gekümmert. Neue Funde deuten auf eine Form der familiären Pflege hin.

Das soziale Mitgefühl hat sich nicht erst mit den Neandertalern entwickelt. Schön weitaus früher hatten die Vormenschen ein Auge für den Nächsten. Das zumindest glaubt der Anthropologe Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri.

Trinkaus hat, so das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" in seiner Onlineausgabe, in Frankreich einen Kieferknochen entdeckt, der seine These zu stützen scheint. Das zwischen 175.000 und 200.000 Jahre alte Fossil deutet darauf hin, dass sein Träger im Alter an einer schlimmen Zahnfleischerkrankung litt und in deren Folge alle Zähne verlor. Doch auch ohne Gebiss habe der Prä-Neandertaler laut Trinkaus "mindestens noch einige Monate" überlebt.

"Dem Individuum wurden wahrscheinlich die weichen Teile der Nahrung überlassen - oder ihm wurde anderweitig geholfen", sagt der Anthropologe. Handfeste Beweise für eine derartige Hypothese fehlen allerdings. Sicher scheint zumindest, dass er ohne Hilfe nicht lange überlebt hätte: Die Vorfahren der Neandertaler waren, das zeigen in der Nähe gefundene Zähne, bei der Nahrungsaufnahme vor allem auf ihre Kauwerkzeuge angewiesen. Steinwerkzeuge und andere Technologien gab es noch nicht, das Fleisch musste mühsam vom Knochen genagt werden.

Bis vor kurzem waren Forscher davon ausgegangen, erst die direkten Vorfahren der heutigen Menschen hätten ein soziales Bewusstsein entwickelt. Untersuchungen an Neandertalern hatten dann gezeigt, dass die Cousins der modernen Menschen vor rund 50.000 Jahren begannen, sich um kranke oder behinderte Stammesmitglieder zu kümmern. Affen dagegen, das scheint gesichert, verfügen nicht über derartige Fähigkeiten. Die Primaten sterben, so Trinkaus, nachdem sie ihre Zähne verlieren.

Dass sich ein soziales Gewissen bereits deutlich vor den Neandertalern entwickelt haben könnte, hat Wissenschaftler überrascht. "Das legt nahe, dass die Prä-Neandertaler bereits über signifikante Elemente des menschlichen Verhaltens verfügten", so Chris Stringer vom Londoner Natural History Museum gegenüber "Nature Science Update". Wann die Sorge für die Artgenossen das erste Mal auftauchte, können allerdings auch die neuen Erkenntnisse nicht klären.

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