Plastik, Gebäude, Maschinen Künstlich hergestellte Produkte haben wohl erstmals mehr Masse als alle Lebewesen

Es ist ein welthistorischer Moment: Die vom Menschen hergestellten Dinge könnten in diesem Jahr erstmals mehr wiegen als die gesamte Biomasse der Erde. Forscher sprechen von »schockierenden Zahlen«.
Autobahnkreuz in Shanghai: Biomasse nimmt ab, Menschengemachtes nimmt zu

Autobahnkreuz in Shanghai: Biomasse nimmt ab, Menschengemachtes nimmt zu

Foto: Li He / dpa

Die Masse der weltweit von Menschen hergestellten und gebauten Dinge könnte einer Schätzung zufolge in diesem Jahr erstmals die Masse aller Lebewesen der Erde übertreffen, heißt es in einer im Fachjournal »Nature«  veröffentlichten Studie israelischer Forscher.

Die Masse von Menschenhand hergestellter Objekte habe sich in den vergangenen 100 Jahren alle 20 Jahre verdoppelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug sie demnach nur etwa drei Prozent der Biomasse. »Diese Ergebnisse veranschaulichen den wachsenden Einfluss der Menschen auf die Erde«, hieß es in einer Mitteilung zur Studie.

Beispiele für von Menschen hergestellte Dinge sind Plastik, Gebäude, Straßen und Maschinen. Als Biomasse habe man »alles, was lebt« definiert, auch Pilze und Bakterien, sagte Ron Milo vom israelischen Weizmann-Institut. Mit seinem Team hat er die globalen Veränderungen der Biomasse als Trockengewicht, also ohne das enthaltene Wasser, und der von Menschen produzierten Masse von 1900 bis zur Gegenwart abgeschätzt.

Pflanzliche Biomasse hat extrem abgenommen

Während die Biomasse schrumpfe, wachse die »anthropogene Masse« immer schneller an, so das Ergebnis. Gegenwärtig werde sie in einem Umfang von mehr als 30 Gigatonnen (30.000.000.000 Tonnen) im Jahr produziert. Dies bedeute, dass für jeden Menschen auf der Welt in einer Woche Objekte geschaffen werden, die etwa seinem Gewicht entsprechen.

Setze sich der gegenwärtige Trend fort, werde die Masse der von Menschen hergestellten Objekte im Jahre 2040 rund zwei bis drei Teratonnen betragen. Die Zahlen sprechen dafür, dass wir uns bereits im Anthropozän befinden, dem »Zeitalter des Menschen«. Geologen diskutieren allerdings noch, ob dies tatsächlich der Fall ist (mehr dazu lesen Sie hier).

Gleichzeitig hätten Menschen die pflanzliche Biomasse seit der ersten landwirtschaftlichen Revolution von rund zwei Teratonnen (2.000.000.000.000 Tonnen) auf gegenwärtig rund eine Teratonne reduziert. Gründe seien etwa die landwirtschaftliche Nutzung von Böden und die Entwaldung. Pflanzen machen rund 90 Prozent der weltweiten Biomasse aus, gefolgt von Bakterien und Pilzen. Menschen haben nur einen Anteil von rund 0,01 Prozent.

»Artenzahl« der Technosphäre größer als die der Natur

Die wachsende Produktion und Anhäufung von Objekten habe zu einer »Verschiebung des Gleichgewichts zwischen der lebenden und der von Menschen geschaffenen Masse« geführt, so die Forscher. »Wir befinden uns genau an einem Kreuzungspunkt. Um das Jahr 2020 wird die anthropogene Masse die gesamte weltweit lebende Biomasse übertreffen.«

Allerdings räumen sie ein, dass es sehr schwer sei, den exakten Zeitpunkt, an dem die von Menschen produzierter Masse die Biomasse übersteigt, genau festzulegen. Ihre Prognose hat eine Unsicherheit von plus oder minus sechs Jahren.

Eine andere Studie war 2016 zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Vielfalt technologischer Dinge – vom Bleistift bis zum Atomkraftwerk – inzwischen vermutlich die Zahl der Arten von Lebewesen auf der Erde übersteigt. Die Arbeitsgruppe um Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester schätzte die »Artenzahl« der Technosphäre auf mehr als eine Milliarde – mehr als lebende Organismen-Arten auf der Erde.

»Unsere Studie zeigt, wie viel größer als unsere eigentliche Schuhgröße unser globaler Fußabdruck ist«, sagte Milo. »Wir hoffen, dass wir als Spezies Verantwortung übernehmen können, wenn wir diese ziemlich schockierenden Zahlen vor Augen haben.«

jme/dpa
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