Multiresistente Erreger Liebe Leserin, lieber Leser,


in einem Interview sagte mir der Mikrobiologe Markus Egert einen Satz, der mir noch immer kalte Schauer über den Rücken laufen lässt: "Mikroben waren die ersten Bewohner auf diesem Planeten, und sie werden auch die letzten sein." Ich frage mich, wie die Menschen in hundert Jahren auf unsere Bemühungen zurückblicken werden, mit der wachsenden Gefahr durch multiresistente Keime fertigzuwerden. Könnte es für diese Menschen dann bereits ein Todesurteil sein, wenn sie sich bei der Gartenarbeit an einer Rose stechen?

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Heft 42/2019
Das Attentat von Halle und der all­täg­li­che Judenhass in Deutsch­land

Dieses Szenario ist sehr real und könnte schon deutlich früher als in hundert Jahren eintreten. Die Fakten sind entmutigend: Immer mehr Keime von der fiesen Sorte sind gegen Antibiotika resistent. Weil die Entwicklung wirksamer Antibiotika sehr teuer ist, ihre Wirkdauer aber nur relativ kurz, ist die Pharmaindustrie aus diesem Markt beinahe völlig ausgestiegen. Nur eine Handvoll Reserveantibiotika trennt uns noch von Zuständen wie im Mittelalter - zumindest, was den Umgang mit tödlichen Keimen angeht.

picture alliance/ BSIP

Wir haben ja noch unsere Wissenschaftler, mag man hoffnungsvoll ausrufen. Doch wie viel Hoffnung können wir berechtigterweise in deren Arbeit setzen? In diesen Tagen sorgte eine Studie von Forschern der Universität Bonn für Aufsehen. Die Autoren der Studie rühmen sich, erstmals den Verbreitungsweg eines gefährlichen Keims in einem Kinderkrankenhaus über eine Waschmaschine nachgewiesen zu haben. Die Arbeit dieser Wissenschaftler ist aller Ehren wert. Bei genauerem Hinsehen offenbart sie allerdings auch ein beträchtliches Maß an Ratlosigkeit.

Dass Waschmaschinen ein angenehmes Habitat für Mikroben sein können (Wasser!), war längst bekannt. Zudem nutzten die Forscher für Tests ausgerechnet eine Waschmaschine in der Krankenhausküche. Wegen der Gefahr für Schwerkranke und Immungeschwächte wird inzwischen jedoch selbst in Provinzkrankenhäusern die Wäsche meist in Spezialmaschinen gewaschen oder mit chemothermischen Desinfektionsmitteln behandelt.

Vielleicht geht es Ihnen ja auch so, wenn Sie die Nachrichten einschalten: Man könnte fast den Eindruck bekommen, die Hälfte der Erdbevölkerung bestehe inzwischen aus Klimaaktivisten. (Die andere Hälfte sind die Leugner der Erderwärmung und jene, die die Luft verpesten.) Gegen Umweltverschmutzung zu rebellieren, ist sexy und moralisch einwandfrei. Der Einsatz gegen multiresistente Keime wirkt dagegen recht reizlos. Dabei ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht, für die Menschheit nicht minder groß.

Leider gibt es kein Forum, in dem man der Pharmaindustrie ein theatralisches "How dare you!" entgegenschleudern könnte. Vermutlich wäre das noch nicht mal angebracht. Und haben wir nicht eine Mitschuld an dem sich abzeichnenden Desaster? Jede nicht bis zur letzten Tablette eingenommene Packung eines Antibiotikums trägt dazu bei, dass Bakterien Resistenzen gegen die wichtigen Wirkstoffe entwickeln.

Die Stelle der Greta, die als Symbolfigur im Kampf gegen die Killerkeime voranschreitet, ist noch zu besetzen, liebe Leserinnen und Leser. Haben Sie womöglich Interesse?

Herzlich

Ihr Frank Thadeusz

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Wenn Sie zu jenen Rauchern gehören, die ihre Abstinenz vorerst auf den 01.01.2020 verschoben haben, dann spendet ihnen vielleicht diese Forschung ein wenig Trost - zumindest bis zum 31.12.2019.
  • Irre, oder? Inzwischen leben in Deutschland eine ganze Menge Menschen, die noch gar nicht auf der Welt waren, als sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 ereignete. Mit den Folgen des Reaktorunglücks müssen aber auch die Spätgeborenen bis heute leben - zumindest wenn sie auf Wildpilzsuche in Bayern gehen.
  • Nicht minder irre: Gut 33 Jahre nach der Atomkatastrophe sind erstmals Reisen in deren Epizentrum für Touristen möglich - in den legendär-berüchtigten Reaktor 4.
  • Das Verhalten der Weißen Haie ist für uns noch immer ein Mysterium. Umso spannender ist dieses Video, das von einer Kamera aufgenommen wurde, die am Kopf eines der großen Meeresräuber befestigt worden war. Es zeigt, wie ein Weißer Hai in eine große Seetangsiedlung, einen sogenannten Kelpwald, eindringt. Im Dickicht dieser Gewächse verstecken sich Seerobben, die dort dem Zugriff der Haie zu entkommen hoffen.
  • Im Katmai National Park in Alaska bereiten sich jedes Jahr mehr als 2000 Bären auf den Winterschlaf vor. Die Parkranger machen sich einen Spaß daraus, alljährlich eine Topliste jener Petze zu erstellen, die sich am rundlichsten in die Winterpause verabschieden. Dabei kommt sogar modernste Technik zum Einsatz.

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  • Wie viele Websites kann das Internet in Nordkorea erreichen?
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Bild der Woche

Adrià López Baucells/ 2019 Royal Society of Biology Photography Competition

Säuger im Anflug: Für ihren Fotowettbewerb hat die Royal Society of Biology in London in diesem Jahr ein besonders lebhaftes Thema gewählt: Erbeten wurden Schnappschüsse von Tieren in Bewegung. Mitbewerber um den Hauptpreis ist diese Aufnahme einer im brasilianischen Manaus beheimateten Zwergbeutelratte, die in Körperhaltung und Flugbahn frappierende Ähnlichkeit zu einem Frosch in der Hüpfbewegung aufweist.

Fußnote

200 bis 600 Hertz ist der Frequenzbereich, in dem Haie besonders gut auf Geräusche reagieren. Diese Frequenzen erreichen auch viele Rockmusiker - ein Umstand, der die amerikanische Hardrockband Kiss zu einem bizarren Feldversuch veranlasst: Am 18. November wollen die stark geschminkten Musiker vor der Südküste Australiens ein Konzert geben, das über Lautsprecher auch unter Wasser zu hören sein soll. Die Künstler hoffen, mit ihren Songs möglichst viele Meeresräuber anzulocken.


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  • Umwelt: Woran das Recyceln von Lithium-Ionen-Akkus scheitert
  • Mobilität: Der neue Kult um alte Fahrräder - die historische Rundfahrt Eroica durch die Toskana

* Quiz-Antworten: Der Zugang zum Internet wird in Nordkorea stark reglementiert. Jene Glücklichen, die surfen dürfen, können auf bis zu 5500 Websites zugreifen. Zum Vergleich: In Deutschland haben Internetnutzer Zugriff auf nahezu zwei Billionen Homepages. / Eine bis 1977 unbekannte australische Wespenart, die der Insektenkundler Arnold Menke aus Scherz so benannt hat. Angeblich sagte Menke, nachdem er das Insekt erstmalig erblickte hatte: "Aha, eine neue Gattung!" Woraufhin ein Kollege erwiderte: "Ha!" So war der Name des schwarz-gelben Getiers geboren. / Entgegen seiner zierlichen Erscheinung bringt der Mondfisch bei gut drei Meter Länge mehr als zwei Tonnen Gewicht auf die Waage. Im Verhältnis zu seiner Größe ist das mehr Masse, als etwa ein Blauwal aufweist.

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insgesamt 94 Beiträge
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hubwood 12.10.2019
1. Greta kämpft doch auch dagegen.
Sie ist Veganerin. Das effektivste Mittel gegen multiresistente Keime durch die Vermeidung von idiotischem Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht. Der Fleischkonsum der westlichen Welt wird uns in absehbarer Zeit zu einem Verhängnis biblischen Ausmaßes. Prost Mahlzeit.
jetztmalehrlich2000 12.10.2019
2. Hubwood hat absolut Recht..
es ist der weltweit ausufernde und übermäßige Fleischverzehr der uns in diese Apokalypse steuert. Nichts anderes! Ich bin immer wieder erstaunt wie Autoren solcher Artikel diese Zusammenhänge nicht von sich aus erkennen können und die Klimabewegung zwar als irgendwo notwendig akzeptiert aber zeitgleich durch aussagen wie "Umweltschutz sei sexy und moralisch einwandfrei" diskreditiert.
ray8 12.10.2019
3. Tatsächlich unfassbar
Schon jetzt sterben jährlich zehntausende Menschen in D an diesen Keimen. Ich hab im Sommer live erlebt wie heillos überfordert unsere KH damit sind. Die fehlende Reaktion von Bürgern, Politik und Medizinern ist mir unerklärlich. Wir werden wieder im Mittelalter landen, wo jede kleine Wunde ein Todesurteil sein konnte. Erster Schritt wäre das komplette Verbot von Antibiotika in der Tiermast. Ein Huhn, das nur 35 Tage lebt, braucht keine Behandlung.
rjb26 12.10.2019
4. ziemlich
schwacher Artikel. dir Ausbreitung der Keime hat mit der ungehemmten Ausbreitung des Menschen zu tun. Genau wie die Klimaprobleme. ein weiteres Element die Zahl der Menschen zu reduzieren. die Erde ist nicht blöd!
rockwater 12.10.2019
5. Spiesser-Spiegel
Wo ist der Spiegel, der überhaupt für irgendwas kämft? Außer Globalisierung, Digitalisierung und Genderisierung habt ihr doch Null in der Pipeline.
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