Antike Kotreste Diagnose 2000 Jahre nach dem Tod

An antiken Beckenknochen konnten Archäologen Kotreste nachweisen - die Ablagerungen weisen auf Krankheiten, die der antike Arzt Hippokrates beschrieben hatte.
Antike Toilette im heutigen Nordlibyen

Antike Toilette im heutigen Nordlibyen

Foto: imago

In jahrtausendealten menschlichen Kotresten haben Forscher Wurmeier aufgespürt. Anhand der Funde auf der griechischen Insel Kea konnte das Team um Evilena Anastasiou von der University of Cambridge (Großbritannien) einige der Krankheiten identifizieren, die der berühmte griechische Arzt Hippokrates vor mehr als 2000 Jahren beschrieben hat.

Die Wissenschaftler stellen ihre Ergebnisse im "Journal of Archaeological Science: Reports" vor.

Hippokrates lebte im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus auf der griechischen Insel Kos und gilt als Begründer einer wissenschaftlich orientierten Medizin. Er entwickelte die sogenannte Viersäftelehre, nach der Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle zurückgehen.

In einer "Corpus Hippocraticum" genannten Textsammlung sind die Grundzüge seiner Krankheitslehre umschrieben. Es finden sich Beschreibungen zahlreicher Erkrankungen darin, deren moderne Entsprechung Wissenschaftler bis heute zu enträtseln versuchen.

Das Forscherteam um Anastasiou konzentrierte sich darauf herauszufinden, welche Wurmerkrankungen Hippokrates beschrieben hat. Zu den Symptomen, die dazu in den Texten erwähnt sind, gehören das Erbrechen von Würmern, Durchfall, Fieber und das Anschwellen des Bauches.

25 untersuchte Gräber

Die Wissenschaftler untersuchten Sedimentproben, die sie von Kreuz- und Darmbein-Knochen aus dem Becken längst verstorbener Menschen abgekratzt hatten. Die Annahme der Forscher war, dass es sich dabei teilweise um Kotreste handelt, die im Laufe der Jahrtausende zwar in Erde umgewandelt wurden, in der aber dennoch Wurmeier erhalten geblieben waren.

Die Knochen stammten von Menschen, die über einen Zeitraum von mehr als 4000 Jahren auf der Insel Kea gelebt hatten - von etwa 4000 vor Christus bis zum 4. Jahrhundert nach Christus - und umfassten damit auch den Lebenszeitraum von Hippokrates. Die Inseln Kos und Kea liegen beide im Ägäischen Meer.

An den Überresten aus vier von insgesamt 25 untersuchten Gräbern fanden die Wissenschaftler tatsächlich Wurmeier unter dem Lichtmikroskop. Aufgrund der Form und einiger weiterer Merkmale nehmen sie an, dass es sich um Eier des Peitschenwurms (Trichuris trichiura) und des Spulwurms handelt (Ascaris lumbricoides).

Peitschenwurm und Spulwurm

Der Peitschenwurm war bereits in sehr alten Gräbern aus dem 4. Jahrtausend vor Christus nachweisbar, der Spulwurm tauchte erst in der späten Bronzezeit etwa ab 1600 vor Christus auf.

Hippokrates hatte Letzteren als "Helmins strongyle" beschrieben, mit "Ascaris" sei vermutlich der Peitschenwurm, möglicherweise auch der Madenwurm gemeint. Dessen Eier fanden die Wissenschaftler zwar nicht, sie seien aber sehr empfindlich und deshalb womöglich einfach nicht erhalten geblieben.

"Bis jetzt hatten wir nur Vermutungen von Historikern darüber, welche Arten von Parasiten in den alten griechischen Medizintexten beschrieben sind", erläutert Studienleiter Piers Mitchell von der University of Cambridge.

"Unsere Untersuchung bestätigt einige der Annahmen der Historiker, liefert aber auch neue Informationen, die Historiker nicht erwartet haben, etwa dass der Peitschenwurm vorhanden war."

Von Anja Garms, dpa/boj