Antiker Fluch Älteste alphabetische Inschrift übersetzt

Ein Mainzer Forscher hat nach eigenen Angaben die älteste bekannte alphabetische Inschrift der Welt erstmals vollständig übersetzt. Freundlich ist deren Inhalt nicht: Es handelt sich um einen 3000 Jahre alten Fluch gegen Grabschänder.


Ahirom-Sarkophag: Finstere Drohung an Grabschänder
Reinhard Lehmann

Ahirom-Sarkophag: Finstere Drohung an Grabschänder

Niemand, nicht einmal ein machtvoller Eroberer, sollte die ewige Ruhe König Ahiroms stören. Inschriften auf dem Deckel und der Wanne des Sarkophags verfluchen jeden, der es wagen sollte, die letzte Ruhestätte des toten Herrschers zu stören. "Und wenn ein König unter Königen und ein Statthalter unter Statthaltern oder ein Heerlagerkommandant Byblos überfällt und diesen Sarg aufdeckt, dann sei entblättert der Stab seiner Gerichtsmacht, sei umgestürzt der Thron seines Königtums und die Ruhe fliehe von Byblos."

Als Urheber der rund 3000 Jahren alten Drohung outet sich Ahiroms Sohn: "Zum Sarkophag machte dies Ittobaal, Sohn Ahiroms, König von Byblos, für seinen Vater Ahirom. Er setzte ihn so ins Verborgene", heißt es auf dem Steinsarg, der 1923 entdeckt wurde und heute im libanesischen Nationalmuseum in Beirut steht.

Die Inschrift ist eines der ältesten alphabetischen Schriftzeugnisse überhaupt. "Sie ist in einem alten nordphönizischen Dialekt geschrieben und kann als das älteste zusammenhängend lesbare Zeugnis der bis heute verwendeten Alphabetschrift gelten", erklärt Reinhard Lehmann, Sprachwissenschaftler an der Uni Mainz. Alphabetische Schriftzeichen bilden - im Unterschied etwa zu Hieroglyphen, japanischen oder chinesischen Schriftzeichen - einzelne Laute ab.

Lehmann ist es nach eigenen Angaben nun erstmals gelungen, die Inschrift vollständig zu entziffern und zu übersetzen. Zwar sei der Text bereits 1927 durch den französischen Sprachforscher René Dussaud korrekt interpretiert worden, doch das letzte Wort habe Dussaud für unübersetzbar erklärt.

Erste vier Buchstaben der Inschrift auf der Sarkopagwanne: 82 Jahre nach der Entdeckung vollständig entziffert
Reinhard Lehmann

Erste vier Buchstaben der Inschrift auf der Sarkopagwanne: 82 Jahre nach der Entdeckung vollständig entziffert

Den Grund hat Lehmann durch einen Zufall entdeckt. "Das Wort wurde erst vor knapp zehn Jahren in hethitisch-luwischen Texten aus Anatolien gefunden", sagte Lehmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es könne mit Trankopfer übersetzt werden. Die Phönizier gaben ihren Toten unter anderem Getränke mit ins Grab, um die Versorgung im Jenseits sicherzustellen. "Bis vor zehn Jahren war es unmöglich zu wissen, dass die Phönizier ein luwisches Fremdwort benutzt hatten", erklärt der Mainzer Forscher.

Deshalb sei erst jetzt die ganze Bedeutung des Textes am unteren Rand der Sarkophagwanne klar. Sie betrifft den potentiellen Eroberer des antiken Byblos, der heutigen libanesischen Stadt Jbeil. Sollte er den Sarg von König Ahirom öffnen, so droht ihm Ungemach: "Man lösche seinen Eintrag für das Trankopfer".

Diese Warnung hatte es in sich. Lehmann: "Tote, die in der Unterwelt nicht versorgt wurden, kamen dem damaligen Glauben zufolge zu den Lebenden zurück und verbreiteten Unheil."

Markus Becker



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