Antikes Buch 2500 Jahre alte Schriftrolle entziffert

Sie war verkohlt und vergraben - trotzdem haben Wissenschaftler eine der ältesten Schriften Europas nun entziffert. Aus dem 2500 Jahre alten Derveni-Papyrus erfahren sie auch, wie sich Menschen in der Antike das Jenseits vorgestellt haben.

Athen/Thessaloniki - Der Text des ältesten Buchs Europas galt als nicht entzifferbar. Doch nun kann man tatsächlich in dem Werk lesen: Dank moderner Technik ist der mindestens 2500 Jahre alte Derveni-Papyrus größtenteils entziffert worden, eine der ältesten bekannten literarischen Schriften Europas. Das teilte der griechische Archäologe Kyriakos Tsantsanoglou von der Universität Thessaloniki mit. Jetzt kann man nachlesen, wie die Menschen sich in Zeiten der Antike das Jenseits vorgestellt haben und was es mit der Sagenfigur Orpheus auf sich hat.

Schon 1962 war die Schriftrolle im Norden Griechenlands nahe Thessaloniki entdeckt worden - im antiken Grab eines mazedonischen Edelmanns. Der Text auf der Schriftrolle soll um 340 v. Chr. geschrieben worden sein, also während der Herrschaft von Philipp II. von Mazedonien, dem Vater Alexanders des Großen. Der griechische Philosoph Apostolos Pierris glaubt hingegen, dass die Schriftrolle ein Jahrhundert älter sei. Unumstritten, weil nicht zu übersehen sind indes die Brandspuren: verkohlte Kanten und schwarze Flecken aus Asche. Der Papyrus ist nach Ansicht der Wissenschaftler nach dem Tod seines Besitzers zusammen mit ihm verbrannt und anschließend dem Grab beigefügt worden.

Mit modernen Bildbearbeitungs- und Scan-Methoden konnten griechische und US-amerikanische Forscher nun auch die am stärksten verkohlten Teile lesen - "sogar die Stücke, die komplett schwarz sind und wo man mit dem Auge gar nicht erkennen kann, ob darauf Text vorhanden ist oder nicht", sagte Polyxeni Veleni, Direktor des Archäologischen Museums von Thessaloniki schon zu Beginn der Untersuchungen.

Sagengestalt Opheus und das Reich der Toten

Vor vier Monaten hatten Papyrologen angefangen, die schwarzen Textstellen zu scannen und zu entziffern. Nun ist nach Ansicht von Philologen und Archäologen klar: Der Text war und ist sehr wichtig für unser Verständnis von der Jenseitsvorstellung in der Antike. "Darin kann man erkennen, welche Ansichten die Menschen damals hatten, was nach dem Tod folgt", sagte Giorgos Karamanolis, Professor für antike Philosophie an der Universität Kreta. Der Papyrus enthalte mystische und technische Informationen über Zeremonien der damaligen Zeit.

Auch habe sich der – bislang unbekannte - Verfasser mit überlieferten Erfahrungen der Sagengestalt Orpheus auseinandergesetzt: Dem König Orpheus soll es der griechischen Mythologie nach gelungen sein, in die Unterwelt, den Hades, hinabzusteigen, um seine tote Geliebte Eurydike zurückzufordern. Der Papyrus-Schreiber habe dazu auch ein komplexes System über das Reich der Toten entworfen. Aus den neuen Hades-Erkenntnissen war damals ein sektenartiger mystischer Kult entstanden, der unter dem Namen Orphismus bekannt ist - und sich unter anderem mit Seelenwanderung beschäftigte.

fba/dpa/AP