Antikes Griechenland Sparta - ein Leben für den Krieg

8000 Spartaner, von Kindheit an militärisch gedrillt, bildeten eine gefürchtete Kriegmaschinerie im alten Griechenland. Selbst Athen zog gegen Sparta den Kürzeren. Trotz seiner Härte und Kulturverachtung hielt sich das Herrschaftssystem über Jahrhunderte.
Von Lars Abromeit

Auf den Gipfeln des Taygetos-Massivs glänzt noch der Schnee, als sich Poseidon, Herr über Meere und Erdreich, im Frühling des Jahres 464 v. Chr. erhebt und Lakonien in Stücke reißt. Donnernd steigt sein Groll aus der Tiefe empor, lässt Wälder, Olivenhaine, Weizenäcker und Viehweiden am Ufer des Eurotas erzittern, schneidet tiefe Klüfte in die Ebene, sprengt in den Bergen mächtige Steinblöcke ab.

Am verheerendsten wütet das Beben in Sparta, der Hauptstadt Lakoniens. Dem Schriftsteller Plutarch zufolge ist es das "schwerste seit Menschengedenken": "Bis auf fünf Häuser" wirft es die ganze Stadt nieder und begräbt die Bewohner, die verzweifelt versuchen, ihr Hab und Gut zu retten, zu Tausenden unter den Trümmern.

Was nur hat sich Sparta zuschulden kommen lassen, dass Poseidon so zürnt? Die Gerusia, der Ältestenrat der Stadt, deutet das Inferno als göttliche Strafe dafür, dass spartanische Soldaten vor kurzem Schutz suchende heilotes, die Staatssklaven Spartas, aus dem Tempel des Poseidon in Tainaron vertrieben, abgeführt und getötet haben - was als schwerer Verstoß gegen das Asylrecht in Heiligtümern gilt.

Die Heloten selbst verbinden mit Poseidons Wutausbruch allerdings wenig Genugtuung. Für sie ist der Vergeltungsschlag des Erdgottes vor allem ein Aufbruch - und Auftakt für eine noch weitaus schwerere Erschütterung von Spartas Macht. Etwa 200000 Heloten leben als unfreie Arbeiter im spartanischen Reich. Von der Armee der Spartiaten wurden sie einst in Eroberungszügen besiegt und unterworfen; nun müssen sie die kriegerische Elite des Landes ernähren. Die Angst vor den Waffen der Despoten hält sie zwar in Schach, doch schwelt der Hass in vielen von ihnen.

Und nun, da das Erdbeben viele Soldaten im Zentrum der Stadt erschlagen hat, flackert ihr Widerstand wieder auf: Die Heloten sehen jetzt die Chance für einen Aufstand. Sie wollen ihre zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den Spartiaten ausspielen - und das Joch der Unterdrückung abwerfen.

Seit Jahrhunderten schon beherrschen die Spartiaten das Land am lakonischen Golf und beuten die Ureinwohner, die Heloten, aus. Irgendwann im "Dunklen Zeitalter", zwischen 1050 und 800 v. Chr., sind die vom Volksstamm der Dorier abstammenden Eroberer, die sich jetzt "Lakedaimonier" nennen, bis in die fruchtbare, lang gestreckte Ebene des Eurotas vorgedrungen, haben vier Dörfer gegründet und diese später zu "Sparta" vereinigt - einer polis, die seither zu einer der Hegemonialmächte Griechenlands aufgestiegen ist.

Dabei wirkt die Stadt selbst - zumal im Vergleich zum pompösen Athen - nach wie vor eher wie eine Dorfgemeinde: Sie zählt etwa 8000 Vollbürger, viermal weniger als der attische Konkurrent. Nur einzelne, weit verstreut angelegte öffentliche Bauten und Tempel zieren das Stadtbild. Und seit Ende des 6. Jahrhunderts ist kein Dichter, kein Musiker, kein Künstler von Rang mehr aus Sparta hervorgegangen. Noch nicht einmal eine Stadtmauer umgibt die Häuser: Nur ein Massiv im Westen und ein Gebirge im Osten schirmen das Eurotas-Tal vor Feinden ab.

Erst jenseits dieser Barriere, hinter dem schroff gezackten Horizont, verbirgt sich der wahre Reichtum der Lakedaimonier: ein erobertes Reich, das den ge-samten südlichen Peloponnes umfasst, von Messenien, der für ihre fruchtbaren Äcker berühmten Landschaft im Westen, bis nach Kynuria an der Ostküste.

Noch weit über dieses Territorium hinaus sichert zudem der "Peloponnesische Bund" Spartas Macht - ein Gefüge aus Einzelabkommen, die zahlreiche Stadtstaaten wie Korinth, Megara, Elis zu ewiger Treue verpflichten. Immer wieder mischt Sparta sich in die inneren Angelegenheiten dieser und anderer poleis Griechenlands ein und setzt nach Belieben Tyrannen ab; sogar in Athen versuchen spartanische Könige die Stadtpolitik zu lenken.

Spartas Ruf als Streitmacht hallt derweil durch den Mittelmeerraum: Bis nach Sizilien im Westen, nach Persien im Osten, nach Ägypten im Süden reicht er im 5. Jahrhundert, als das Erdbeben die Stadt erschüttert.

Das Geheimnis, das diese Polis zur Hegemonie geführt hat, liegt in deren einzigartigem Staatsaufbau: Wie nirgendwo sonst ist die Welt der Lakedaimonier auf den Krieg zugeschnitten - und ordnet das Wohl jedes Bürgers dem des Staates unter. Es gibt keine Aristokratie und kaum privaten Reichtum. Fremden gegenüber schottet Sparta sich ab und besinnt sich, stärker als viele andere hellenische Städte, auf Traditionen und Orakel, Götter und Heroen.

Es ist die erste streng totalitäre, militaristische Verfassung der Weltgeschichte, die hier in Lakonien aufblüht, ein zu seiner Zeit gleichermaßen bewundertes wie gefürchtetes singuläres Staatsmodell im antiken Griechenland - und ein Mythos, der bis in die Neuzeit hinein Herrscher, Dichter und Philosophen inspirieren wird.

Der Ursprung der spartanischen Staatsordnung reicht zurück ins Reich der Legende: Lykurg, ein bloß schemenhaft aus der lakedaimonischen Mythologie hervortretender Vermittler zwischen Menschen und Göttern, soll einst vom Orakel in Delphi die Regeln für die eunomia ("Wohlordnung") der Stadt empfangen haben. Dieses Grundgesetz, "Große Rhetra" genannt, bindet alle staatlichen Institutionen seither in ein von den Göttern legitimiertes Normenkorsett ein.

Die Volksversammlung etwa darf danach zwar über öffentliche Belange abstimmen, jedoch nicht - wie in Athen - eigene Initiativen vorbringen. Ihre Mitglieder haben nicht einmal ein Rederecht, und ihr Urteil kann vom Ältestenrat revidiert werden. Zwei Könige befehlen das Heer; aber sie unterstehen der Kontrolle der fünf ephoroi - hoher Staatsbeamten, die ihrerseits jedes Jahr ausgewechselt werden.

So ist der eigentliche Herrscher in Sparta die Rhetra selbst. Eng verflochten mit Traditionen und Kulten, durchdringt sie das Leben der Bürger in allen Bereichen. Das Gesetz verpflichtet die Elite der Spartiaten, die sich homoioi, "Gleichgestellte" nennen, ihre Kriegskunst ständig zu perfektionieren. Zwingt sie zur Heirat, verbietet Reisen ins Ausland, kontrolliert die Anhäufung von Privatvermögen und dirigiert die Erziehung der Kinder - vor allem der Jungen.

Wie junge Spartaner bereits im Alter von sieben Jahren militärisch gedrillt werden

Lesen Sie in Teil zwei:

Schon im Alter von sieben Jahren werden die Jungen - soweit sie nicht gleich nach der Geburt von einer Ältestenkommission als zu schwach befunden und in den Bergen ausgesetzt worden sind - von den Eltern getrennt und in Internaten erzogen. Hier lernen sie Lesen, Schreiben, Staatskunde und lakonische Redekunst und werden militärisch geschult. Sie müssen klaglos Kälte und Schmerz, Hunger und Durst ertragen; sie hausen in "Herden", überwacht von älteren Schülern, die Fehltritte mit Peitschenhieben bestrafen.

Während ihrer Ausbildung schlafen die angehenden Soldaten auf dünnen Schilfmatten, laufen stets barfuß, dürfen nicht mehr als einen Mantel pro Jahr tragen und schärfen in Wettkämpfen und Initiationsriten Ausdauer, Wagemut und Ehrgeiz.

Auch nach Abschluss dieser Erziehung bestimmt der Staat den Alltag der Spartiaten. Jeder Vollbürger ist verpflichtet, sich einem syssition anzuschließen, einer täglich zusammenkommenden "Speisegemeinschaft", die zugleich eine Einheit im Heer bildet.

Sie ist das Fundament der Gesellschaft. Jeden Monat haben alle jeweils mindestens 15 Tischgenossen einen festgesetzten Beitrag an Gerstenmehl, Käse, Feigen und Geld für zusätzliche Kost zu entrichten. Wer sich um den Staat besonders verdient gemacht hat, erhält einen Ehrenplatz und bekommt Extraportionen etwa der in ganz Griechenland berühmten spartanischen Blutsuppe serviert. Wer seinen Beitrag nicht mehr erbringen kann, muss das Syssition verlassen und verliert seine Bürgerrechte.

Die Mädchen werden ähnlich wie die Jungen im Ringkampf, Wettlauf, Diskus- und Speerwurf trainiert. Als Erwachsene haben sie den Haushalt zu führen - und sind damit verantwortlich für die Erwirtschaftung der Abgaben, die an die Syssitien fließen.

Getragen wird die Berufsarmee, die sich Sparta als einzige griechische Polis leistet, von den unteren Gesellschaftsschichten. Rund 120000 zwar freie, aber nicht als Vollbürger anerkannte perioikoi ("Umherwohnende") besiedeln als Händler, Handwerker und Bauern die Ortschaften Lakoniens außerhalb der Hauptstadt. Und rund 200000 Heloten bestellen als Staatssklaven die Felder. Einen Großteil der Ernte müssen diese Unfreien an ihre spartanischen Herren abgeben, Rechte haben sie kaum, nur im Krieg können sie sich als leicht bewaffnetes Fußvolk die Freiheit verdienen.

Vor allem das Helotensystem ermöglicht überhaupt erst das strikt auf Krieg ausgerichtete Dasein der Spartiaten - und erzwingt es zugleich. Denn die Vollbürger leben in dauernder Furcht vor einem Massenaufstand der Unfreien. Und mit jedem der blutigen Feldzüge verringert sich die Zahl der wehrfähigen Spartiaten, während der Hass der Heloten wächst.

Jahr für Jahr erklärt Sparta seinen Unfreien daher förmlich den Krieg - um sie so legal töten zu können, notfalls mit Unterstützung ihrer griechischen Bündnispartner. Fast scheint es, als hätte Sparta den Peloponnesischen Bund nur aufgebaut, um den Feind im eigenen Land klein zu halten.

Am meisten müssen sich die Spartiaten vor den Heloten Messeniens fürchten. Zwar hat die Eroberung dieser Landschaft im Ersten Messenischen Krieg (735-715 v. Chr.) Spartas Herrschaftsgebiet fast verdoppelt und so die Gründung von Kolonien im weiteren Mittelmeerraum weitgehend entbehrlich gemacht. Zugleich aber droht diese Machtausdehnung Sparta zu zerreißen: Denn seit Generationen sinnen die Messenier darauf, ihr Land zurückzugewinnen.

Schon mehrfach haben die Spartiaten hier Aufstände niederringen müssen und dabei herbe Verluste erlitten. Die bislang verheerendste Revolte - als Zweiter Messenischer Krieg in den Annalen verzeichnet - konnten sie gegen Ende des 7. Jahrhunderts gar erst nach Jahrzehnten unter Kontrolle bringen.

Die Verfassung des Lykurg ist Spartas Antwort auf diese existenzbedrohende Zwangslage. Um die Heloten niederzuhalten, haben die Lakedaimonier ihre Welt immer mehr auf Krieg ausgerichtet. Noch im 7. Jahrhundert war die Polis wegen ihrer Dichter und Komponisten berühmt, besuchten Händler und Gesandte aus dem gesamten Mittelmeerraum die Stadt.

Nach dem Zweiten Messenischen Krieg aber schottet Sparta sich ab und konzentriert sich ganz und gar auf seine innere Sicherheit.

Seit den Perserkriegen im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. ist es ruhig gewesen im Reich. Nun aber weckt das Erdbeben erneut den Geist der Rebellion. Vom Eurotas-Tal bis in die entferntesten Winkel Messeniens rüsten sich die Heloten zum Aufstand. Und dieses Mal sichern ihnen auch zwei Periöken-Gemeinden Unterstützung zu.

Einige Rebellen wagen es angeblich sogar, die zerstörte Hauptstadt direkt anzugreifen - scheitern jedoch, als sich ihnen Spartas König Archidamos entgegenstellt, der die drohende Gefahr erkannt und sein Heer um sich geschart hat. Die schwersten Gefechte toben wieder in Messenien.

Zwei höchst ungleiche Gegner prallen dort, in der Ebene von Stenyklaros, in den Wochen und Monaten nach dem Erdbeben aufeinander: Die Rebellen sind größtenteils nur leicht bewaffnet, tragen Schleudern und einfache Speere und schützen sich statt mit Schilden nur mit Ziegen- und Schaffellen oder Lederhäuten.

Tollkühn überfallen sie die Hopliten, die aus Sparta heraufziehen: langhaarige, in blutrote Gewänder gekleidete Krieger, schwer gerüstet mit bronzenen Helmen und kräftigen Schilden, Brustpanzern, Beinschienen. Sie kämpfen in der Phalanx, in geschlossener Formation, mit langen Lanzen und scharfen, dolchartigen Schwertern. Der tiefe Klang der spartanischen Flöten treibt sie voran, während die Anführer mit Trompeten-signalen ihre streng hierarchisch sortierten Truppen dirigieren.

Die Aufständischen mögen den Spartiaten zahlenmäßig zwar weit überlegen sein, doch auf offenem Feld, das wissen sie, ist der Kampf gegen dieses Heer sinnlos. Spätestens seit der Schlacht am Thermopylenpass während der Perserkriege im Jahre 480 v. Chr. ist die Kampfmoral der spartanischen Truppen in ganz Griechenland bekannt: 300 Hopliten sollen dort, obschon in völlig auswegloser Lage, bis zum letzten Mann gegen eine riesige Übermacht gekämpft haben, "wie das Gesetz es befahl".

Vom Kampf abhalten kann dieser Mythos vom niemals weichenden Sparta die Rebellen diesmal nicht: Immer wieder preschen sie aus ihren Verstecken hervor und kapseln einzelne Schlachtreihen der Spartiaten vom Heer ab. In einem einzigen Gefecht töten sie so 300 Hopliten aus den Reihen des Feldherrn Arimnestos. Nach und nach aber müssen sie doch der Heeresmacht Spartas weichen - und suchen zu etwa 2000 Mann den Schutz des Zeus auf dem Berg Ithome im Zentrum Messeniens.

Vier, sechs, vielleicht zehn Jahre lang dauert hier der Stellungskrieg zwischen den Heeren an. Verzweifelt rufen die Spartiaten sogar ihre Bündnispartner zu Hilfe: Aigina, Platäa, Mantineia und (zum ersten und letzten Mal) den großen Nachbarn Athen, dessen Truppen für ihr Geschick im Belagerungskrieg berühmt sind.

Mit einer gewaltigen Streitmacht von 4000 Kriegern marschiert Athens Feldherr Kimon in Spartas Reich ein. Doch als auch diese Verstärkung die Festung der Heloten nicht sofort zu sprengen vermag, schwindet das Vertrauen der Lakedaimonier in den Verbündeten: Sie schicken Kimon heim und leiten so eine neue Epoche ein, in der die beiden, bereits in den Perserkriegen alliierten Stadtstaaten innerhalb weniger Jahrzehnte zu schärfsten Rivalen im griechischen Kosmos werden.

Bekommt Sparta plötzlich Angst vor der modernen, kosmopolitischen Art der Athener? Fürchten die Lakedaimonier gar, Kimons Heer könnte sich mit den Heloten verbünden und gegen sie wenden? Oder führt lediglich ein innenpolitischer Zwist zwischen Spartas Königen und den Ephoren zum Bruch mit Athen?

Die spärlichen Quellen berichten wenig Verlässliches. Fest steht nur: Am Fuße des Ithome brechen deutlich die Widersprüche auf zwischen den beiden Systemen, die sich 30 Jahre später im Peloponnesischen Krieg hasserfüllt gegenüberstehen werden. Hier trennen sich die Wege zwischen dem demokratischen, an Geist und Handel reichen, für Reformen offenen Athen und dem konservativen, militaristischen Sparta.

Nach außen hin scheinen es zwar zunächst die Lakedaimonier zu sein, die sich in den kommenden Jahrzehnten durchsetzen. Der Aufstand in Messenien endet jedoch in einem Kompromiss, in dem sie den Heloten freies Geleit ins Exil bei Naupaktos, nördlich des Peloponnes, gewähren müssen. Und auch die ersten Schlachten im Peloponnesischen Krieg übersteht Sparta nur knapp. Dann aber wendet sich das Kriegsglück, und nach dem finalen Sieg über Athen im Jahr 404 v. Chr. übernimmt Sparta sogar die Führung in ganz Griechenland. Üppige Beute und Tributzahlungen fließen in der Folgezeit nach Lakonien. Sparta wirkt unverwundbar.

Lesen Sie in Teil drei:

Doch der Schein trügt: Es rumort in dem Militärstaat. Und auch auf dem Schlachtfeld musste Sparta bald seine erste große Niederlage einstecken

Im Innern des Staates allerdings gärt da bereits der Verfall: Das Erdbeben und der Helotenaufstand von 464 v. Chr. haben das Heer der Lakedaimonier geschwächt, und in den folgenden Kriegen nimmt die Zahl der Vollbürger immer weiter ab (sodass Sparta im Jahr 425 v. Chr., während des Peloponnesischen Krieges, kurzzeitig sogar zu kapitulieren bereit ist, um das Leben von nur 120 Spartiaten zu schonen).

Reformversuche mit dem Ziel, die starre soziale Ordnung Spartas aufzubrechen und so den demographischen Niedergang aufzuhalten, scheitern. Und im Zuge der Expansion beginnt innerhalb der Herrschaftsschicht auch das Prinzip der "Gleichgestellten" zu wanken: Die in den Kriegen erworbenen Reichtümer verschärfen die sozialen Unterschiede - und wecken neue Begehrlichkeiten, die das Ideal vom einfachen Leben nach und nach aufweichen.

Als sich dann im Jahre 395 v. Chr. Athen, Theben, Korinth, Argos und andere Städte verbünden, um Spartas Vorherrschaft über Griechenland zu brechen, haben die Lakedaimonier dieser Allianz wenig entgegenzusetzen. Bei Leuktra fügt ihnen der Thebaner Epaminondas 371 v. Chr. die erste totale Niederlage in einer Feldschlacht zu: Der Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit ist dahin.

König Kleombrotos, 400 Vollbürger und 1000 Periöken bleiben auf dem Schlachtfeld, Spartas Bürgerverband schrumpft auf 1500 Männer. Der Peloponnesische Bund zerbricht, und Spartas Kornkammer Messenien erlangt, wofür die Rebellen des Erdbebenaufstandes ein Jahrhundert zuvor noch vergebens gekämpft hatten: seine Freiheit.

Sparta indessen verblasst - und wird zu einer hellenischen Stadt unter vielen. Einmal noch, im 3. Jahrhundert, versuchen die Könige Agis IV. und Kleomenes III., die lykurgische Ordnung wiederzubeleben und Sparta zu alter Größe zu führen: Sie bringen einen Schuldenerlass und eine Bodenreform auf den Weg, um die Gleichheit der Spartiaten wieder herzustellen, richten die Syssitien wieder ein sowie das spartanische Erziehungsmodell und ermöglichen schließlich sogar den Heloten, sich freizukaufen.

Aber Sparta unterliegt 222 v. Chr. bei Selassia einer von Makedonien dominierten griechischen Konföderation und wird zum ersten Mal in seiner Geschichte von einer fremden Armee besetzt. Als schließlich im zweiten vorchristlichen Jahrhundert Rom die griechische Welt zu beherrschen beginnt, ist Sparta nur noch ein Schatten seiner einstigen Macht und allenfalls eine Attraktion für römische Touristen.

Vom lykurgischen Staatsmodell bleibt nur der Mythos: In Rom loben die Politiker Cato und Cicero die spartanische Verfassung als Vorbild für eine Herrschaft der "Besten". Später, im 18. Jahrhundert, fordert der französische Aufklärer Jean- Jacques Rousseau, der Souverän solle sich "rechtmäßiger Weise der Güter aller bemächtigen - wie das zu Sparta geschah". Und die Nationalsozialisten glauben in Sparta gar den Beweis dafür zu erkennen, dass einer elitären, überlegenen Rasse die Herrschaft über ihre Nachbarn zustehe.

Ideologien jeder Couleur haben sich des Systems Sparta bedient: Republikaner, Monarchisten, Sozialisten, Faschisten. Kaum eine andere Stadt der Antike ist von der Nachwelt glühender verehrt und schroffer abgelehnt worden - und wurde bis zur heutigen Zeit so durch Legenden verklärt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.