Antikes Liebespaar Selbst der Tod konnte sie nicht scheiden

Im italienischen Modena haben Archäologen ein Paar gefunden, das sich bereits seit eineinhalb Jahrtausenden die Hände hält. So reich sie offenbar an Liebe im Leben gewesen waren, so arm waren sie vermutlich an Geld.

Ministry of Cultural Heritage and Activities

Modena - Da liegen sie nebeneinander und halten die Finger zärtlich verschränkt. Die Frau hat ihren Kopf dem Mann zugewandt, ihr Kinn ruht auf seiner Schulter. Er schmiegt sich an sie, Hüfte an Hüfte. So liegen sie seit 1500 Jahren. Seit man die beiden gemeinsam im 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus in einem Vorort der norditalienischen Stadt Mutina begrub.

Aus Mutina wurde im Laufe der Zeit die heutige Stadt Modena, in der die zwei Skelette nun bei gewöhnlichen Bauarbeiten gefunden wurden. Sie lagen in rund drei Metern Tiefe auf einem kleinen Friedhof. Archäologen entdeckten dort noch zehn weitere Gräber. Keines davon war besonders ausgestattet, die Toten lagen in einfachen Kuhlen. So reich sie an Liebe im Leben gewesen zu sein scheinen, so arm waren sie vermutlich an Geld. "Eventuell handelt es sich bei den beiden um Bauern von einem nahe gelegenen Hof", spekuliert Donato Labate von der Archäologischen Aufsichtsbehörde der Region Emilia-Romagna, der Leiter der Grabung.

Kopf nach der Bestattung zur Seite gerollt

Die Frau trägt an der Hand einen Bronzering und hat den Kopf so gedreht, dass sie den Mann direkt anschaut. Der Schädel des Mannes neigt sich zur entgegengesetzten Seite. "Wir glauben aber, dass sie ursprünglich mit den Gesichtern zueinander gewandt bestattet wurden", sagt Donato. "Die Position der Halswirbel des Mannes legt nahe, dass der Kopf erst einige Zeit nach dem Tod zur anderen Seite gerollt ist."

Das Areal wird regelmäßig überflutet, wenn der nahe Fluß Tiepido über die Ufer tritt. Bei einer solchen Überflutung könnte das Grab aufgespült worden und der Schädel des Mannes verrutscht sein. Im 7. Jahrhundert gab es eine Überschwemmung, die sogar so schlimm war, dass Modena sechs Kilometer nordwestlich der ursprünglichen Siedlung neu gegründet wurde. Erst gegen Ende des 9. Jahrhunderts wurden die alten Ruinen wieder besiedelt.

In der Antike und im Mittelalter war es nicht ungewöhnlich, dass eine Seuche mehrere Familienmitglieder gleichzeitig dahinraffte. Der Anthropologe Giorgio Gruppioni von der Universität Bologna will nun herausfinden, woran das Paar starb und wie alt die beiden Liebenden waren, als ihr gemeinsames Leben ein jähes Ende fand.

Offenbar scheinen die Menschen in Italien schon immer einen besonderen Sinn für Romantik besessen zu haben. Erst vor vier Jahren machten Archäologen südlich von Verona - wo Shakespeare seine Liebesgeschichte von Romeo und Julia spielen ließ - einen ähnlichen Fund. Sie entdeckten ein Paar, das im Neolithikum, vor 5000 bis 6000 Jahren starb. Auch sie lagen mit den Gesichtern einander liebevoll zugewandt. "Diese beiden Pärchen trennen fünf Jahrtausende - aber beide strahlen eine ungewöhnliche Zärtlichkeit aus. Ich habe schon viele Ausgrabungen erlebt, aber noch keine hat mich so berührt", gibt Donato Labate zu.

insgesamt 9 Beiträge
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ariovist1966 31.10.2011
1. Dauerhaft
Was letztlich bleibt, wenn mam Glück hat, ist die Liebe zu einem anderen Menschen. Geld vergeht eh.
Monark™ 31.10.2011
2. Bei solchen Meldungen ...
... frage ich mich immer: Was ist eigentlich mit der Totenruhe?
hongkongfui1970 31.10.2011
3. wer weiß...
Vorsicht vor voreiligen Interpretationen: Woher will man wissen, wie die beiden zueinander standen? Vielleicht haben sie sich gehasst wie die Pest und wurden nach dem Tod nur so "platziert" bzw. "zurechtgelegt"...
Gani, 31.10.2011
4. Spielt keine Rolle
Zitat von Monark™... frage ich mich immer: Was ist eigentlich mit der Totenruhe?
Wenn etwas lange genug her ist, spielt das keine Rolle mehr. Es spielt ja auch keine Rolle, dass die chinesische Mauer oder die Pyramiden zehntausende Zwangsarbeiter das Leben gekostet hat, heute bestaunt man vielmehr die "Leistung" des "Erbauers" und bewundert ihn/sie noch für den Architektonischen Massenmord. Die Zeit relativiert eben alles. Ohne Ausnahme.
Maya2003 31.10.2011
5. ....
Zitat von sysopIm italienischen Modena haben Archäologen ein Paar gefunden, das sich bereits seit eineinhalb Jahrtausenden die Hände hält. So reich sie offenbar an Liebe im Leben gewesen waren, so arm waren sie vermutlich an Geld. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,794914,00.html
Kein Wunder. Wir sind im Land von "amore" - wir lieben Italien !
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