Antikes Schlachtfeld entdeckt Rache der Römer

Forscher haben die Spuren einer bisher unbekannten Schlacht entdeckt: Um 235 nach Christus führten die Römer offenbar einen Feldzug in Richtung Elbe - und lieferten sich ein blutiges Gemetzel mit den Germanen. National Geographic über das rätselhafte Gefecht am Harzhorn.

DPA

Von Ralf-Peter Märtin


Seit Sommer 2008 untersuchen Archäologen ein Geschehen, das ein völlig neues Licht wirft auf die Beziehung zwischen Römern und Germanen nach dem Vernichtungssieg von Arminius anno 9 in Kalkriese. Das Schlachtfeld des Harzhorns liegt mehr als 350 Marschkilometer von den einstigen römischen Stützpunkten an Rhein und Main entfernt, tief im Innern des "Freien Germanien". Kontrollierten die Römer den Norden stärker als bisher bekannt?

Nach allem, was die Forscher jetzt wissen, war hier im tiefsten Germanien eine für die damalige Zeit typische internationale Truppe unterwegs - rekrutiert aus allen Winkeln des Imperiums.

Oben auf dem Harzhorn breitet der niedersächsiche Landesarchäologe Henning Haßmann eine Karte aus: "Die Römer marschierten auf einer alten Trasse, die durchs Leinetal, die hessische Senke und die Wetterau ins Rhein-Main-Gebiet führte", erläutert er die Situation. "Heute verläuft hier die Autobahn 7." Bei Northeim schieben sich zwei Höhenzüge heran. Von Westen bilden das Harzhorn, von Osten die Ausläufer des Harzes eine natürliche Barriere. Die dazwischenliegende Enge misst kaum 300 Meter, ist teils sumpfig und war einst nur schwer passierbar. Ein 35 Meter hoher Steilhang begrenzt das Harzhorn nach Norden.

Genau hier lagen die Germanen im Hinterhalt.

Gewiss versuchten die Römer zunächst, frontal nach oben durchzubrechen. Dafür hatten sie ihre leichten Hilfstruppen. "Als der Angriff fehlschlug, beschossen sie die Germanen aus der Ferne", rekonstruiert der Archäologe Michael Geschwinde aus Braunschweig das Geschehen. Vor allem, um den Gegner abzulenken. Denn gleichzeitig eilte die Infanterie 400 Meter weiter nach Westen. Sie nahmen die Germanen in die Zange.

Bald wurde klar: Die Funde stammen aus römischer Zeit

Kurze Zeit später war das Harzhorn ein Ort des Todes. Germanen lagen in ihrem Blut, zerfetzt von furchtbaren Projektilen, Pfeilen und Lanzen.

Es waren zwei Heimatforscher, Rolf Peter Dix und Winfried Schütte, die am Harzhorn auf ein paar eiserne Objekte stießen, die sie zunächst für mittelalterlich hielten. Doch schon bald wurde klar: Die Speerspitzen und anderen Artefakte stammen aus römischer Zeit. Nach wenigen Monaten haben die Grabungen bereits mehr als 1500 vorwiegend militärische Funde zutage gefördert.

60 Kilometer südlich des Harzhorns liegt an der Werra Hedemünden, ein römisches Lager aus der Zeit um Christi Geburt. Es wäre naheliegend gewesen, eine militärische Auseinandersetzung aus dieser Zeit zu vermuten. Doch die Gegenstände und die Art ihrer Verzierung sprächen für das erste Drittel des 3. Jahrhunderts, meint Professor Moosbauer, der schon das Feld der Varusschlacht untersuchte. An Katapultbolzen und Lanzenspitzen fanden die Forscher zudem Holzreste, die durch naturwissenschaftliche Untersuchungen ebenfalls auf diese Zeit datiert wurden. Bestätigt wird dieser Befund durch gefundene Münzen mit den Porträts römischer Kaiser wie Commodus (180 bis 192) und Alexander Severus (222 bis 235).

Aber warum? Was wollten die Römer so tief in Germanien?

"Das Imperium war an seine Grenzen gestoßen."

Die Römer zogen Lehren aus ihrer Niederlage in der Varusschlacht. Von Norddeutschland, dessen Sümpfe, magere Böden und renitente Bewohner sie zur Genüge kennengelernt hatten, hielten sie sich fern. Dort aber, wo es wirtschaftlich interessant erschien, nahmen sie sich neues Land: das Neuwieder Becken bei Koblenz, das Maintal mit der Wetterau, die oberrheinische Tiefebene, das Neckartal, das Nördlinger Ries, den Odenwald und den Schwarzwald.

Der mehr als 500 Kilometer lange Obergermanisch-Raetische Limes verband Rhein und Main mit der Donau und wurde mit mehr als 60 Kastellen, Hunderten von Wachtürmen und einer drei Meter hohen Palisade aus Eichenbohlen gesichert. Für Egon Schallmayer, den Leiter des Römerkastells Saalburg, ist die Anlage ein Eingeständnis der Defensive. "Das Imperium war an seine Grenzen gestoßen."

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts kam plötzlich Bewegung in die germanischen Gesellschaften jenseits von Rhein und Donau. Stämme wie die Markomannen, Quaden und Sarmaten, später die Alamannen und Goten griffen die römischen Grenzen an. Plündernde Germanen stießen bis zur Adria vor.

Marc Aurel (161 bis 180) war der erste Kaiser, der sich mit der neuen Lage konfrontiert sah. Das war die neue Doktrin: Selbstverteidigung durch Angriff.



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Seite 1
Zwergnase, 28.06.2010
1. .
Zitat von sysopForscher haben die Spuren einer bisher unbekannten Schlacht entdeckt: Um 235 nach Christus führten die Römer offenbar einen Feldzug in Richtung Elbe - und lieferten sich eine blutiges Gemetzel mit den Germanen. National Geographic über das rätselhafte Gefecht am Harzhorn. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,698690,00.html
Lassen sich da nicht noch Wiedergutmachungen rausschlagen, ein paar Milliönchen für die Hinterbliebenen ?
flummiflu 28.06.2010
2. Gladiator
Zitat von sysopForscher haben die Spuren einer bisher unbekannten Schlacht entdeckt: Um 235 nach Christus führten die Römer offenbar einen Feldzug in Richtung Elbe - und lieferten sich eine blutiges Gemetzel mit den Germanen. National Geographic über das rätselhafte Gefecht am Harzhorn. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,698690,00.html
Der "Gladiator" lässt grüßen, nur das er nicht "der Spanier", sondern "der Thraker" genannt wurde.
frank_lloyd_right 28.06.2010
3. Man sollte das mal klarmachen...
Zitat von ZwergnaseLassen sich da nicht noch Wiedergutmachungen rausschlagen, ein paar Milliönchen für die Hinterbliebenen ?
...auf jeden Fall, Italien als rechtlicher Nachfolger des römischen Imperiums (oder isses die Katholenkirche ?) muß zahlen, denn schon Caesar, 300 Jahre vorher, war ja vor dem Senat wegen Völkermoredes an Germanenstämmen im Gespräch... jetzt muß man nur noch plausible direkte Nachfahren herbeizaubern. "Die Historiker hielten es kaum für möglich, dass sich die Römer im 3. Jahrhundert so weit von ihren Stützpunkten am Rhein weggewagt hätten". Das ist auch wieder typisch. Historiker sind ja auch keine Typen wie römische Legionäre, die mit 30 Kilo Gepäck ebensoviele Kilometer am Tag marschieren und dann ein Feldlager bauen, oder auch mal mehrere Stunden in der ersten bis dritten Schlachtlinie abhängen, um Barbaren abzustechen (das geht echt in die Knochen und den anderen in den Halsbereich oder die Eingeweide). Heute sind wir ja insgesamt eher müde Krieger gewöhnt... ohne Hubschrauber und LKW kommen die nicht weit, und das ist wohl auch ganz gut so.
solarfighter, 28.06.2010
4. Ein bischen viel Aufwand für Sümpfe und magere Böden
Da strahlt einen mal wieder die fehlende Bildung des Autors an. Nach der Varusschlacht hatte es noch einige, mehr oder weniger erfolgreiche, Strafexpeditionen ins freie Germanien gegeben. Dieser Feldzug war auch nichts anderes. Bei diesen Feldzügen war es aber nie das Ziel gewesen, den Landstrich dauerhaft zu besetzen. Das freie Germanien wäre von den Römern nicht nur aus landwirtschaftlichen Erwägungen interessant gewesen und bestand mit Nichten nur aus Sümpfen und mageren Böden. (Sonst hätte es auch in der Varus-Zeit und danach eine so massive Truppenpräsenz der Römer gegeben.) Das Problem war einfach, dass Bewohnerstruktur, -mentalität und Gegend einfach nicht für das römische Herrschaftsmodell geeignet waren. Hier konnte man nicht einfach einen Hauptort besetzen oder niederbrennen, um die Bevölkerung zu unterwerfen. Ebenfalls reichte es nicht aus, eine kleine Oberschicht zu kontrollieren. Der Gegner war sehr flexibel und dadurch quasi nicht dauerhaft zu besiegen. Die Römer hatten es daher in Kauf genommen, lieber mit der Niederlage zu leben und eine viel längere Grenze zu befestigen, als es mit einer Eroberung von Germanien notwendig gewesen wäre.
Rübezahl 28.06.2010
5. ...zogen sie nach Norden.
Zitat von sysopForscher haben die Spuren einer bisher unbekannten Schlacht entdeckt: Um 235 nach Christus führten die Römer offenbar einen Feldzug in Richtung Elbe - und lieferten sich eine blutiges Gemetzel mit den Germanen. National Geographic über das rätselhafte Gefecht am Harzhorn. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,698690,00.html
heißt es da nicht schon in einem Lied : Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Norden.
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