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Römer vs. Germanen: Wie Forscher einen Feldzug rekonstruieren

Foto: Stefan Puchner/ picture-alliance/ dpa

Antikes Schlachtfeld entdeckt Rache der Römer

Forscher haben die Spuren einer bisher unbekannten Schlacht entdeckt: Um 235 nach Christus führten die Römer offenbar einen Feldzug in Richtung Elbe - und lieferten sich ein blutiges Gemetzel mit den Germanen. National Geographic über das rätselhafte Gefecht am Harzhorn.
Von Ralf-Peter Märtin

Seit Sommer 2008 untersuchen Archäologen ein Geschehen, das ein völlig neues Licht wirft auf die Beziehung zwischen Römern und Germanen nach dem Vernichtungssieg von Arminius anno 9 in Kalkriese. Das Schlachtfeld des Harzhorns liegt mehr als 350 Marschkilometer von den einstigen römischen Stützpunkten an Rhein und Main entfernt, tief im Innern des "Freien Germanien". Kontrollierten die Römer den Norden stärker als bisher bekannt?

Nach allem, was die Forscher jetzt wissen, war hier im tiefsten Germanien eine für die damalige Zeit typische internationale Truppe unterwegs - rekrutiert aus allen Winkeln des Imperiums.

Oben auf dem Harzhorn breitet der niedersächsiche Landesarchäologe Henning Haßmann eine Karte aus: "Die Römer marschierten auf einer alten Trasse, die durchs Leinetal, die hessische Senke und die Wetterau ins Rhein-Main-Gebiet führte", erläutert er die Situation. "Heute verläuft hier die Autobahn 7." Bei Northeim schieben sich zwei Höhenzüge heran. Von Westen bilden das Harzhorn, von Osten die Ausläufer des Harzes eine natürliche Barriere. Die dazwischenliegende Enge misst kaum 300 Meter, ist teils sumpfig und war einst nur schwer passierbar. Ein 35 Meter hoher Steilhang begrenzt das Harzhorn nach Norden.

Genau hier lagen die Germanen im Hinterhalt.

Gewiss versuchten die Römer zunächst, frontal nach oben durchzubrechen. Dafür hatten sie ihre leichten Hilfstruppen. "Als der Angriff fehlschlug, beschossen sie die Germanen aus der Ferne", rekonstruiert der Archäologe Michael Geschwinde aus Braunschweig das Geschehen. Vor allem, um den Gegner abzulenken. Denn gleichzeitig eilte die Infanterie 400 Meter weiter nach Westen. Sie nahmen die Germanen in die Zange.

Bald wurde klar: Die Funde stammen aus römischer Zeit

Kurze Zeit später war das Harzhorn ein Ort des Todes. Germanen lagen in ihrem Blut, zerfetzt von furchtbaren Projektilen, Pfeilen und Lanzen.

Es waren zwei Heimatforscher, Rolf Peter Dix und Winfried Schütte, die am Harzhorn auf ein paar eiserne Objekte stießen, die sie zunächst für mittelalterlich hielten. Doch schon bald wurde klar: Die Speerspitzen und anderen Artefakte stammen aus römischer Zeit. Nach wenigen Monaten haben die Grabungen bereits mehr als 1500 vorwiegend militärische Funde zutage gefördert.

60 Kilometer südlich des Harzhorns liegt an der Werra Hedemünden, ein römisches Lager aus der Zeit um Christi Geburt. Es wäre naheliegend gewesen, eine militärische Auseinandersetzung aus dieser Zeit zu vermuten. Doch die Gegenstände und die Art ihrer Verzierung sprächen für das erste Drittel des 3. Jahrhunderts, meint Professor Moosbauer, der schon das Feld der Varusschlacht untersuchte. An Katapultbolzen und Lanzenspitzen fanden die Forscher zudem Holzreste, die durch naturwissenschaftliche Untersuchungen ebenfalls auf diese Zeit datiert wurden. Bestätigt wird dieser Befund durch gefundene Münzen mit den Porträts römischer Kaiser wie Commodus (180 bis 192) und Alexander Severus (222 bis 235).

Aber warum? Was wollten die Römer so tief in Germanien?

"Das Imperium war an seine Grenzen gestoßen."

Varusschlacht

Die Römer zogen Lehren aus ihrer Niederlage in der . Von Norddeutschland, dessen Sümpfe, magere Böden und renitente Bewohner sie zur Genüge kennengelernt hatten, hielten sie sich fern. Dort aber, wo es wirtschaftlich interessant erschien, nahmen sie sich neues Land: das Neuwieder Becken bei Koblenz, das Maintal mit der Wetterau, die oberrheinische Tiefebene, das Neckartal, das Nördlinger Ries, den Odenwald und den Schwarzwald.

Der mehr als 500 Kilometer lange Obergermanisch-Raetische Limes verband Rhein und Main mit der Donau und wurde mit mehr als 60 Kastellen, Hunderten von Wachtürmen und einer drei Meter hohen Palisade aus Eichenbohlen gesichert. Für Egon Schallmayer, den Leiter des Römerkastells Saalburg, ist die Anlage ein Eingeständnis der Defensive. "Das Imperium war an seine Grenzen gestoßen."

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts kam plötzlich Bewegung in die germanischen Gesellschaften jenseits von Rhein und Donau. Stämme wie die Markomannen, Quaden und Sarmaten, später die Alamannen und Goten griffen die römischen Grenzen an. Plündernde Germanen stießen bis zur Adria vor.

Marc Aurel (161 bis 180) war der erste Kaiser, der sich mit der neuen Lage konfrontiert sah. Das war die neue Doktrin: Selbstverteidigung durch Angriff.

Warum der Feldzug gegen die Germanen erfolgreich war

Nach dem blutigen Ende der Markomannenkriege kehrte eine mehr als 30 Jahre dauernde Friedhofsruhe ein. Bis die Alamannen, ein größerer germanischer Verband, wieder aufbegehrten. Kaiser Caracalla (211 bis 217) wartete nicht ab, bis sie an der römischen Grenze erschienen, sondern überschritt am 7. August 213 bei Aalen den Limes und stellte die Feinde am Main. Wie Marc Aurel fand er es offenbar völlig normal, in Germanien Krieg zu führen.

20 Jahre später hieß der neue Kaiser Alexander Severus. Die Hiobsbotschaft vom Zusammenbruch der Limesverteidigung erreichte den 25-Jährigen in Antiochia, der Hauptstadt der Provinz Syrien. Man schrieb das Jahr 233, und der Kaiser war gerade von einem Feldzug gegen die Sassaniden zurückgekehrt.

Den Berichten zufolge hatten alamannische Krieger einen groß angelegten Angriff unternommen, das ganze rechtsrheinische Gebiet überrannt und waren tief nach Gallien (Frankreich) und nach Rätien (Süddeutschland) vorgestoßen. Viele der Limeskastelle und der unbefestigten Städte lagen in Schutt und Asche. Der Kaiser schloss eilends Frieden im Nahen Osten und brach zum neuen Kriegsschauplatz auf.

Alexander Severus reiste im Spätwinter 235 in das Feldlager. Die Haltung des Kaisers, nicht gegen die Alamannen zu kämpfen, sondern zu verhandeln und ihnen Gold für Frieden zu bieten, stieß auf entschiedenen Widerspruch. Die Soldaten brannten darauf, den Germanen zu zeigen, dass man die Römer nicht ungestraft herausfordert.

Der Feldzug gegen die Germanen wurde ein Erfolg

Anders als Severus galt Maximinus als ganzer Kerl. Sein Beiname Thrax, der Thraker, wurde ihm erst später vom römischen Senat als Schimpfname zugedacht, um ihn als Barbaren zu schmähen - die Senatoren hielten ihn als Kaiser für ungeeignet. Ob er selber die Fäden zog oder nur die Stunde günstig war: Im März 235 wurde Severus ermordet und Maximinus von den Soldaten zum Kaiser erhoben: als erster Berufssoldat auf dem Thron und erster römischer Herrscher aus dem Ritterstand; bis dahin war das höchste Amt im Staat stets ein Privileg der mächtigen Senatoren gewesen.

Der Feldzug gegen die Germanen wurde ein voller Erfolg. Um den Nachschub zu sichern, ließ Maximinus Thrax eine weitere Brücke über den Rhein schlagen und Straßen anlegen. Dann baute er die niedergebrannten Limeskastelle wieder auf. Schließlich griff er die Alamannen direkt in ihren Siedlungsgebieten an und schlug sie entscheidend. Der Brief, den er wohl 236 an den Senat schickte, strotzt vor Selbstbewusstsein: "Wir können nicht so viele Worte machen, versammelte Väter, wie wir Taten verrichtet haben. Auf einer Strecke von 400 bis 500 Meilen (eine römische Meile entspricht 1480 Metern, Anm. d. Red.) haben wir die Dörfer der Germanen niedergebrannt, die Getreidefelder verheert, die Herden weggeführt, Bewaffnete niedergemacht und eine Schlacht im Sumpf geschlagen. Die Zahl der Gefangenen ist so hoch, dass das Reichsgebiet sie kaum zu fassen vermag."

Wo wurde diese "Schlacht im Sumpf" geschlagen, und welchen Weg nahmen die Römer? Bislang galt eine Lesart als wahrscheinlich, die nur 40 bis 50 Meilen annimmt - und nicht bis zu 500 Meilen. Die Historiker hielten es kaum für möglich, dass sich die Römer im 3. Jahrhundert so weit von ihren Stützpunkten am Rhein weggewagt hätten.

Maximinus Thrax wollte Germanien zur römischen Provinz machen

Das neu entdeckte Schlachtfeld am Harzhorn erzählt eine andere Geschichte. Weshalb sollte man die "Schlacht im Sumpf" nicht in dieser Landschaft vermuten? Die Moore sind erst in der Neuzeit trockengelegt worden.

Den Winter 236/237 verbrachte Maximinus Thrax im heutigen Serbien. Er reorganisierte das Heer für einen abschließenden Feldzug, mit dem er das Germanenproblem ein für alle Mal aus der Welt schaffen wollte. Ganz im Stile Marc Aurels war es für ihn unausweichlich, Germanien zur römischen Provinz zu machen.

Doch bevor der Kaiser losschlagen konnte, verhinderte im Frühjahr 237 ein Angriff der Goten an der unteren Donau den Vorstoß. Im Jahr darauf starb Maximinus Thrax durch die Schwerter seiner germanischen Leibwache.

Archäologen

Wann also wurde die "Schlacht im Sumpf" genau geschlagen? Die Forscher am Harzhorn halten den Herbst 235 für wahrscheinlich. Der "Historia Augusta" zufolge unternahm Maximinus Thrax in jenem Jahr einen Vorstoß weit nach Norden. Die erstaunlichen Überreste retten die nun im südlichen Niedersachsen für die Nachwelt.


Gekürzte Fassung aus NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND, Ausgabe 6/2010