Christian Stöcker

Apokalypse-Immobilien Die Dummheit der Reichen

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Geld ist nicht immer smart, auch wenn Leute mit Geld das oft anders sehen. Es gibt ein globales Kartell der Untergangsgewinnler – mächtig, gierig und völlig irrational. Ein schönes Beispiel ist der Immobilienmarkt.
Foto: MivPiv / iStockphoto / Getty Images

»Alle sagen heutzutage, dass es einfacher ist, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Ich glaube das sagen deshalb alle, weil es offenkundig stimmt.«
Aus einem »Guardian« -Text des Schriftstellers Mark O’Connell  über superreiche Prepper (2018)

»Wealthy people like to live, live near the water
They pass their real estate down to their sons and their daughters.
Generations are happy just enjoying the view, but
When the water starts rising you know what they’re gonna do«
Song »The Rich Are Gonna Move to the High Ground«  von Geoff Berner (2007)

Sam Altman, Start-up-Förderer und Silicon-Valley Lichtgestalt, hat dem »New Yorker« einmal folgende Sätze gesagt : »Ich versuche, nicht zu viel daran zu denken. Aber ich habe Waffen, Gold, Jodtabletten, Antibiotika, Batterien, Gasmasken der israelischen Armee und ein großes Stück Land in Big Sur, zu dem ich hinfliegen kann.« Altman sprach über seine Angst vor dem globalen gesellschaftlich-ökonomischen Kollaps und was er dagegen tut.

Gegen die Angst, nicht gegen den Kollaps.

Wenn es richtig dick kommt, wird Altman aber nicht nach Big Sur fliegen, sondern nach Neuseeland, mit seinem noch weit reicheren Freund Peter Thiel. Der Peter Thiel, der schon mal Publikationen mit Millionensummen gezielt zerstört, weil ihm ihre Berichterstattung über ihn nicht gefällt, der das Wahlrecht für Frauen für einen Schritt in die falsche Richtung hält, der »nicht mehr glaubt, dass Freiheit und Demokratie kompatibel sind«, und der folgerichtig, als einzige prominente Figur aus dem Silicon Valley, Donald Trump unterstützt hat.

Thiel ist ähnlich besessen von der Apokalypse wie Altman. Er hat sich schon vor mehr als zehn Jahren mit einem Trick die Staatsbürgerschaft Neuseelands verschafft, wo er zu diesem Zeitpunkt erst zwölf Tage verbracht hatte. Anschließend kaufte er dort Land in der Größenordnung von halb Manhattan. Dort will er augenscheinlich eine apokalypsesichere Festung bauen, auch wenn das manchen der Einheimischen gar nicht gefällt.

Sylt, das Neuseeland Deutschlands

Neuseeland gilt als der beste unter den Orten, an denen eine Art Minimalzivilisation auch nach dem globalen Zusammenbruch noch möglich sein könnte. Gibt es genug landwirtschaftliche Kapazität, ein autonomes Stromnetz, genügend Know-how und Infrastruktur für eine nicht globalisierte Industrie? Vor allem aber: Lassen sich die Grenzen einfach sichern? Neuseeland ist deshalb bei den superreichen Preppern aus dem Silicon Valley extrem beliebt . Vermutlich auch, weil es gefühlt außerhalb der Reichweite eines nuklearen Schlagabtausches zwischen Supermächten liegt.

Das Neuseeland Deutschlands ist bekanntlich Sylt. Gut, mit Industrie und Landwirtschaft könnte es dort eventuell etwas schwierig werden, aber zumindest ist auch Sylt fast vollständig von Wasser umgeben, also mutmaßlich leichter gegen potenzielle Klimaflüchtlinge zu verteidigen. Außerdem kann man dort viele andere ebenfalls wohlhabende Menschen treffen. So viele, dass die Sylter selbst langsam in die Minderheit geraten.

Es wird jetzt dauernd »besonders schlimm«

Jedenfalls steigen dort gerade die ohnehin schon hohen Immobilienpreise dramatisch. Die Leute merken langsam, dass das mit der Klimakrise wirklich passiert, und im hohen Norden ist es ja auch im Sommer meist noch halbwegs erträglich. Außerdem gibt es das Meer, in dem man sich zur Not abkühlen kann. Auf Sylt sind die Immobilienpreise innerhalb eines Jahres um fast 22 Prozent gestiegen. Die Sylter selbst können sich Sylt schon längst nicht mehr leisten. Manche der reichen Käufer sollen unterdessen sogar schon eine Immobilie »im Hinterland« der Insel in Erwägung ziehen statt am Strand, man stelle sich vor.

Dass wohlhabende Menschen angesichts globaler Verwerfungen, zunehmend sichtbaren Auswirkungen einer bereits in vollem Gang befindlichen Klimakatastrophe und anderen Fährnissen nach einem friedlichen, sicheren, kühlen Plätzchen für sich und die ihren suchen, ist irgendwie verständlich. Dass sie das aber ausgerechnet auf Sylt tun, einer Insel, die auch jetzt schon nur mit Millionenaufwand davor bewahrt werden kann, vom Meer weggeknabbert zu werden, ist schon bemerkenswert.

Künftigen Superorkanen schutzlos ausgeliefert

Teile Sylts versuchen ständig, sich unter Wasser zu verkrümeln. Ständig muss neuer Sand »aufgespült« werden, damit die Insel nicht immer kleiner wird. Etwa 55 Millionen Kubikmeter seit 1972. In den Küstenschutz werden Millionensummen investiert, ständig.

Der Klimawandel sorgt bekanntlich dafür, dass der Meeresspiegel ansteigt, und zwar im Verhältnis zur globalen Durchschnittstemperatur, exponentiell. Wenn man sich eine den Meeresspiegelanstieg prognostizierende Karte wie die von »Climate Central«  ansieht, wird sehr schnell klar: Wenn es einmal eine »moderate« Überflutung gibt, stünden nach heutigen Projektionen schon 2050 weite Teile der östlichen und südlichen Inselteile unter Wasser. Eine flache Insel wie Sylt wird außerdem den Superorkanen der Klimakrisenzukunft schutzlos ausgeliefert sein.

Etwas für Leute, die ihre Kinder nicht mögen?

Im Januar berichtete der NDR, dass das »sturmerprobte« Sylt dieses Jahr »besonders schlimm«  unter den Winden des Winters gelitten habe. Das Dumme ist: Es wird ab jetzt immer wieder »besonders schlimm«. Das ist das Wesen der Klimakrise, die immer wieder vermeintliche Jahrhundertereignisse zum neuen Regelfall macht.

Eine Immobilie auf Sylt zu erwerben, ist also eher etwas für Leute, denen Geld sowieso egal ist. Oder Leute, die ihre Kinder nicht leiden können und ihnen deshalb lieber ein Erbe mit, buchstäblich, Verfallsdatum hinterlassen wollen.

Donald Trump residiert übrigens im Welthauptquartier des klimabedingten Immobilien-Aberwitzes , an Floridas Ostküste .

Schon jetzt kann man sich im Internet regelmäßig Fotos und Videos von einst teuren Häusern ansehen , die dem Meer zum Opfer fallen. Das hört jetzt nicht mehr auf. Ein Haus am Meer ist auf Sand gebaut, buchstäblich.

Tatsächlich aber ist der Sylter Immobilienboom leider eher ein Symptom: Für die erstaunliche Dummheit vieler reicher Menschen nämlich. Das Gleiche trifft auch auf Peter Thiel zu, wenn auch auf höherem Niveau.

Selbstzerstörerischer Gier-Wahnsinn

Lassen Sie mich das kurz erklären. Im Moment steuert die Menschheit praktisch ungebremst auf zwei globale Katastrophen gleichzeitig zu, genauer: Wir stecken schon mittendrin. Gemeint sind natürlich Klimakrise und Artensterben. Wir könnten beide, vor allem aber die Klimakrise, noch deutlich abmildern, wenn wir endlich konzertiert und entschlossen handeln würden.

Unglücklicherweise gibt es auf diesem Planeten starke Kräfte selbstzerstörerischen Gier-Wahnsinns, notdürftig verkleidet als »Rationalität des Marktes«. Der »Guardian« lieferte dafür diese Woche ein besonders plastisches Beispiel : Eine aufwendige Investigativrecherche ergab, »dass [Öl- und Gaskonzerne] in den nächsten etwa sieben Jahren vermutlich weitere Projekte beginnen werden, die am Ende 192 Milliarden Barrel Öl abwerfen werden, das Äquivalent eines Jahrzehnts der heutigen Emissionen Chinas«. Wir müssen aber aufhören mit fossilen Brennstoffen, nicht noch mehr suchen.

Kartell der Untergangsgewinnler

Die größten Sünder sitzen in Katar, Russland (Gazprom), Saudi-Arabien (Saudi-Aramco) – und den USA (Exxon). Aus den USA ist auch noch Chevron dabei, aber auch die aus Europa stammenden Konzerne Shell (das Royal Dutch fällt ja oft weg, was angesichts der Lage der Niederlande besonders bizarr wirkt), Total und BP.

Konzerne aus den USA, Europa, Russland, den arabischen Autokratien und Turkmenistan tragen mit dazu bei, den Planeten zu ruinieren. Denken Sie daran, wenn in einer Klimadiskussion mal wieder jemand mit »aber China!« kommt.

Die Menschen, die solche Firmen leiten, gehören natürlich zu den Reichen dieser Welt, noch mehr die Menschen, die in großem Stil mit ihren Aktien handeln, und die Banker, die beiden Kredite geben. Ebenso wie Politiker wie Donald Trump oder der abtrünnige US-Demokrat Joe Manchin, die jede Gesetzgebung zu verhindern wissen, die uns auf einen anderen, nicht suizidalen Kurs bringen könnte. Und eben Leute wie Peter Thiel, die den Trumps dieser Welt die Tür aufhalten, weil sie verlässlich Politik für sie selbst und für die anderen Reichen machen. Es ist ein Kartell der Untergangsgewinnler.

Prepping the Planet oder Prepping for Doom?

Die etwas weniger Dummen unter ihnen kaufen keine Häuser möglichst nah am unaufhaltsam steigenden Meer, sondern investieren in Neuseeland oder kaufen sich in Luxus-Preppersiedlungen ein. In Österreich entsteht gerade so eine , auf 1200 Metern Höhe, mit eigener Wasserversorgung und einem Wochenmarkt vor der Haustür.

Wie schön wäre es, wenn all die Energie und all die großen Summen, die in die individuellen Vorbereitungen auf die Katastrophe fließen, stattdessen in deren Verhinderung gesteckt würden! Prepping the Planet statt Prepping for Doom, gewissermaßen. Klar ist nämlich: Die globale Klima- und Biodiversitätskatastrophe, die wir gerade herbeiführen, wird auch die Reichsten nicht verschonen. Das Leben wird auch für die Thiels und Altmans dieser Welt weniger angenehm, wenn es für weite Teile der Weltbevölkerung höllisch wird. Die beiden haben keine Kinder, aber wer sich so auf die Apokalypse vorbereitet, erwartet ja eigentlich schon, sie noch selbst mitzuerleben.

Die Vorstellung, dass man sich vor Hunderten Millionen Klimaflüchtlingen in einer Festung auf Neuseeland oder, noch abwegiger, in den österreichischen Alpen wird verstecken können, ist fast schon rührend absurd. Übrigens auch die Vorstellung, dass man als Reicher in so einer Post-Crash-Welt auch weiterhin reich ist. Warum sollte das eigene Sicherheitspersonal einen noch beschützen, wenn Geld nichts mehr wert ist und es ums nackte Überleben geht?

Die Vorstellung, dass man eine globale Katastrophe nicht am besten verhindert, sondern eine Position anstrebt, in der sie einen nicht so hart trifft wie die anderen, ist so egozentrisch wie dämlich. Aber auch eine absolut folgerichtige, apokalyptische Fortschreibung neoliberaler Ideologie. Ich, ich, ich, bis das Licht ausgeht.

Die Reichen der Welt täten gut daran, lieber an der Rettung der Menschheit mitzuarbeiten – in ihrem eigenen Interesse.