Mondlandung Liebe Leserin, lieber Leser,

vor 50 Jahren landeten erstmals Menschen auf dem Mond. Was bleibt von diesem historischen Ereignis? Wer dieser Frage nachgeht, landet früher oder später am Launchpad 39A, jener legendären Startrampe im Kennedy Space Center, von der aus einst das große Abenteuer begann.

Als ein riesiges Denkmal steht hier noch heute das Labyrinth aus Stahl und Beton inmitten eines sandigen Dünenareals an der Atlantikküste Floridas. Als bekennender Space-Geek war ich zuvor schon zu anderen Mekkas der Raumfahrtgeschichte gepilgert, hatte in der kasachischen Steppe in Baikonur das Donnern einer "Proton"-Rakete bestaunt, im südamerikanischen Regenwald von Kourou eine europäische "Ariane"-Rakete abheben sehen und drehte während eines Parabelflugs der Esa schwerelose Pirouetten.

Als ich unlängst für einen "Apollo"-Artikel im SPIEGEL nach Florida reiste, rechnete ich daher mit keiner außergewöhnlichen Erfahrung. Aber dann fesselte mich der Absprungort der Mondfahrer doch heftiger als erwartet.

Damals thronte hier die hochhaushohe "Saturn V"-Rakete, eine stählerne Kathedrale, gefüllt mit hochexplosivem Treibstoff. Bis heute ist ihre Schubkraft unübertroffen. Gebaut hatte sie das Team um den ehemaligen SS-Mann Wernher von Braun, der sich als "Kolumbus des Weltalls" feiern ließ.

Heute heben von hier aus die smarten Raketen des Elektroauto-Moguls Elon Musk und seiner Firma SpaceX ab. Die Starts werden an der "Space Coast" wie Volksfeste gefeiert, die lokale Vorwahl erinnert an einen Countdown: 321. Fasziniert starrte ich in den Osthimmel, als zwei Booster auf glühenden Bögen wieder aus dem All zurückkehrten und sanft landeten.

Die Starts von SpaceX sind neu, doch das Ziel ist das gleiche wie in der Anfangszeit der bemannten Raumfahrt: erst Menschen zum Mond bringen, dann zum Mars, so wie es der deutsche Raketenmann seit den Vierzigerjahren immer wieder proklamiert hatte. Weltraumhistoriker nennen diese Vision das "Von-Braun-Paradigma".

Foto: NASA

Doch gibt es wirklich lohnende Ziele draußen im Weltall, die Menschen in absehbarer Zeit ansteuern könnten? Schon die Mondreisenden berichteten nach ihren Flügen, wie lebensfeindlich sie die Staubwüste im Nichts empfanden. Das vielleicht stärkste Bild brachten die "Apollo"-Astronauten von der ersten Umrundung des Mondes zu Weihnachten 1968 mit: Hinter den Mondbergen, fahl wie ein Totenbett, geht die Erde auf, unendlich zart und verletzlich.

Nur: Brauchte es für dieses berühmte "Earthrise"-Foto wirklich leibhaftige Astronauten? Nein, schon die unbemannte Raumsonde "Lunar Orbiter 1" hatte zwei Jahre zuvor ein ähnliches Foto vom Erdaufgang geschossen.

Was also bleibt von "Apollo"? Mehr als 150 Milliarden hat das Projekt verschlungen, umgerechnet in heutige US-Dollar. Von diesem Geld hätte man mehrfach den Panamakanal bauen können, der nach der Fertigstellung als Weltwunder gefeiert wurde. Schon Alexander von Humboldt hatte vor rund 200 Jahren angeregt, eine solche Schiffsroute zu buddeln. Der legendäre Abenteurer gilt als zweiter Entdecker Amerikas, weil er im Gegensatz zu Kolumbus nicht von Gier, sondern von Neugier getrieben war, nicht von religiösem Wahn, sondern vom Wunsch, die Welt zu verstehen.

Die Startrampe 39A wirkt heute somit auch wie ein Fragezeichen: Warum sollen Menschen diesen einzigartig schönen Planeten verlassen? Ist es nicht vielleicht spannender, futuristische Flotten aus Sonden und Satelliten hochzuschicken, wie es die jungen Unternehmer der "New Space"-Bewegung planen, um das Leben hier unten zu verbessern durch genauere Klimamodelle, robustere Navigation, schnelleres Satelliteninternet? Der Kolumbus des Weltalls, das war vielleicht die Zukunft von gestern. Die nächsten 50 Jahre könnten den Humboldts des Himmels gehören. Was meinen Sie?

Herzlich

Hilmar Schmundt

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Das Jahrhundertereignis zum Miterleben: vom Start über die dramatische Landung bis zur geplanten Rückkehr zum Mond im Jahr 2024.
  • Warum sind Astronauten eigentlich nicht schon längst auf dem Mars gelandet? Vielleicht, weil die Roboter dort oben einen ziemlich guten Job machen.
  • Falls Menschen zum Mond zurückkehren, werden sie Unterkünfte brauchen - vielleicht gedruckt mit Lasern aus Niedersachsen, berichtet mein Kollege Christoph Seidler.
  • Das Mondfieber ist weit älter als das "Apollo"-Programm, schreibt mein Kollege Jörg Römer: Die Beobachtung der Mondphasen könnte älter sein als die Erfindung der Schrift.
  • Pleiten, Pech und Pannen begleiteten das gesamte Mondlandungsprogramm . Das Geheimnis des Erfolgs? Eine vorbildliche Fehlerkultur. Wer einen Patzer meldete, bekam teils sogar eine Flasche Schampus geschenkt.
  • "Die Mondlandung war eine Zeit- und Geldverschwendung". US-Präsident Donald Trump will wieder Astronauten zum Mond schicken. Der amerikanische Soziologe Amitai Etzioni findet das absurd . Warum?
  • Apollo war ein Triumph, aber nach diesem "Moon Shot" braucht es nun "Earth Shots"  zu Themen wie Krebs, Klima oder Plastikmüll, findet die Wissenschaftszeitschrift "Nature".
  • Die Reise zum Mond in Echtzeit , mit Original-Tonspuren, Fotos und Filmaufnahmen. Unbedingt auf Vollbildmodus schalten! 3, 2, 1, we have lift-off!

Quiz*

  • Bevor Neil Armstrong am 20. Juli 1969 den Mond betrat, wollte sein Kollege Buzz Aldrin noch etwas erledigen. Was war das? Seine Mutter anrufen? Einen Gottesdienst feiern? Etwas Sonnencreme auftragen?
  • Welches Gerät durfte bei der Reise zum Mond von "Apollo 11" nicht fehlen? Ein Farbfernseher, um ein Baseballgame zu verfolgen? Ein Sextant, um die Position zu bestimmen? Ein Stabmixer für die Zubereitung des Nachtischs?
  • Auf der Reise zum Mond ging "Apollo 11" in den "Barbecue"-Modus. Was ist darunter zu verstehen? Die Positionierung des Raumschiffs, sodass das Steak nicht vom Teller rutscht? Das drehen um die eigene Achse wie bei einem Dönerspieß? Das Absaugen von fettigen Essensdünsten?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

Wie geisterhafte Schleier segeln "leuchtende Nachtwolken" über dem Hadrianswall im Norden Englands. Sie bestehen aus winzigen Eiskristallen, und weil sie in rund 80 Kilometer Höhe schweben, reflektieren sie auch dann noch das Sonnenlicht, wenn es am Boden längst dunkel ist. Die wunderschöne Himmelserscheinung tritt häufiger und südlicher auf als früher, vielleicht bedingt durch mehr Methan in der Atmosphäre.

Foto: Owen Humphreys/ empics/ DPA

Fußnote

42 bestätigte Polio-Fälle traten in diesem Jahr in Afghanistan und Pakistan durch die Wildvariante des Virus auf. Die Zahl der Erkrankungen hat sich demnach gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum verdreifacht - ein Alarmsignal. Gründe für die Zunahme sind Angstkampagnen gegen die Impfung und Impfverbote durch die Taliban. Dabei stand die Kinderlähmung dank einer weltweiten Kampagne schon kurz vor der Ausrottung.

SPIEGEL+-Empfehlungsliste Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Buzz Aldrin feierte nach der Landung auf dem Mond einen Gottesdienst, betete und trank dabei sogar etwas Wein. / Sextanten dienten als robustes Back-up, um die Position zu bestimmen. Der Astronaut Michael Collins bekam wegen seiner Beherrschung der altertümlichen Technik den Spitznamen "Magellan". / Die "Barbecue Mode Routine" bestand aus einer langsamen Rotation des Raumschiffs um die eigene Achse, damit die Sonnenseite sich nicht übermäßig aufheizt.