Mondlandung Liebe Leserin, lieber Leser,


vor 50 Jahren landeten erstmals Menschen auf dem Mond. Was bleibt von diesem historischen Ereignis? Wer dieser Frage nachgeht, landet früher oder später am Launchpad 39A, jener legendären Startrampe im Kennedy Space Center, von der aus einst das große Abenteuer begann.

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Heft 30/2019
Wie Boris Johnson seine Landsleute gegen Europa aufstachelt

Als ein riesiges Denkmal steht hier noch heute das Labyrinth aus Stahl und Beton inmitten eines sandigen Dünenareals an der Atlantikküste Floridas. Als bekennender Space-Geek war ich zuvor schon zu anderen Mekkas der Raumfahrtgeschichte gepilgert, hatte in der kasachischen Steppe in Baikonur das Donnern einer "Proton"-Rakete bestaunt, im südamerikanischen Regenwald von Kourou eine europäische "Ariane"-Rakete abheben sehen und drehte während eines Parabelflugs der Esa schwerelose Pirouetten.

Als ich unlängst für einen "Apollo"-Artikel im SPIEGEL nach Florida reiste, rechnete ich daher mit keiner außergewöhnlichen Erfahrung. Aber dann fesselte mich der Absprungort der Mondfahrer doch heftiger als erwartet.

Damals thronte hier die hochhaushohe "Saturn V"-Rakete, eine stählerne Kathedrale, gefüllt mit hochexplosivem Treibstoff. Bis heute ist ihre Schubkraft unübertroffen. Gebaut hatte sie das Team um den ehemaligen SS-Mann Wernher von Braun, der sich als "Kolumbus des Weltalls" feiern ließ.

Heute heben von hier aus die smarten Raketen des Elektroauto-Moguls Elon Musk und seiner Firma SpaceX ab. Die Starts werden an der "Space Coast" wie Volksfeste gefeiert, die lokale Vorwahl erinnert an einen Countdown: 321. Fasziniert starrte ich in den Osthimmel, als zwei Booster auf glühenden Bögen wieder aus dem All zurückkehrten und sanft landeten.

Die Starts von SpaceX sind neu, doch das Ziel ist das gleiche wie in der Anfangszeit der bemannten Raumfahrt: erst Menschen zum Mond bringen, dann zum Mars, so wie es der deutsche Raketenmann seit den Vierzigerjahren immer wieder proklamiert hatte. Weltraumhistoriker nennen diese Vision das "Von-Braun-Paradigma".

NASA

Doch gibt es wirklich lohnende Ziele draußen im Weltall, die Menschen in absehbarer Zeit ansteuern könnten? Schon die Mondreisenden berichteten nach ihren Flügen, wie lebensfeindlich sie die Staubwüste im Nichts empfanden. Das vielleicht stärkste Bild brachten die "Apollo"-Astronauten von der ersten Umrundung des Mondes zu Weihnachten 1968 mit: Hinter den Mondbergen, fahl wie ein Totenbett, geht die Erde auf, unendlich zart und verletzlich.

Nur: Brauchte es für dieses berühmte "Earthrise"-Foto wirklich leibhaftige Astronauten? Nein, schon die unbemannte Raumsonde "Lunar Orbiter 1" hatte zwei Jahre zuvor ein ähnliches Foto vom Erdaufgang geschossen.

Was also bleibt von "Apollo"? Mehr als 150 Milliarden hat das Projekt verschlungen, umgerechnet in heutige US-Dollar. Von diesem Geld hätte man mehrfach den Panamakanal bauen können, der nach der Fertigstellung als Weltwunder gefeiert wurde. Schon Alexander von Humboldt hatte vor rund 200 Jahren angeregt, eine solche Schiffsroute zu buddeln. Der legendäre Abenteurer gilt als zweiter Entdecker Amerikas, weil er im Gegensatz zu Kolumbus nicht von Gier, sondern von Neugier getrieben war, nicht von religiösem Wahn, sondern vom Wunsch, die Welt zu verstehen.

Die Startrampe 39A wirkt heute somit auch wie ein Fragezeichen: Warum sollen Menschen diesen einzigartig schönen Planeten verlassen? Ist es nicht vielleicht spannender, futuristische Flotten aus Sonden und Satelliten hochzuschicken, wie es die jungen Unternehmer der "New Space"-Bewegung planen, um das Leben hier unten zu verbessern durch genauere Klimamodelle, robustere Navigation, schnelleres Satelliteninternet? Der Kolumbus des Weltalls, das war vielleicht die Zukunft von gestern. Die nächsten 50 Jahre könnten den Humboldts des Himmels gehören. Was meinen Sie?

Herzlich

Hilmar Schmundt

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Das Jahrhundertereignis zum Miterleben: vom Start über die dramatische Landung bis zur geplanten Rückkehr zum Mond im Jahr 2024.
  • Warum sind Astronauten eigentlich nicht schon längst auf dem Mars gelandet? Vielleicht, weil die Roboter dort oben einen ziemlich guten Job machen.
  • Falls Menschen zum Mond zurückkehren, werden sie Unterkünfte brauchen - vielleicht gedruckt mit Lasern aus Niedersachsen, berichtet mein Kollege Christoph Seidler.
  • Das Mondfieber ist weit älter als das "Apollo"-Programm, schreibt mein Kollege Jörg Römer: Die Beobachtung der Mondphasen könnte älter sein als die Erfindung der Schrift.
  • Pleiten, Pech und Pannen begleiteten das gesamte Mondlandungsprogramm. Das Geheimnis des Erfolgs? Eine vorbildliche Fehlerkultur. Wer einen Patzer meldete, bekam teils sogar eine Flasche Schampus geschenkt.
  • "Die Mondlandung war eine Zeit- und Geldverschwendung". US-Präsident Donald Trump will wieder Astronauten zum Mond schicken. Der amerikanische Soziologe Amitai Etzioni findet das absurd. Warum?
  • Apollo war ein Triumph, aber nach diesem "Moon Shot" braucht es nun "Earth Shots" zu Themen wie Krebs, Klima oder Plastikmüll, findet die Wissenschaftszeitschrift "Nature".
  • Die Reise zum Mond in Echtzeit, mit Original-Tonspuren, Fotos und Filmaufnahmen. Unbedingt auf Vollbildmodus schalten! 3, 2, 1, we have lift-off!
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Quiz*

  • Bevor Neil Armstrong am 20. Juli 1969 den Mond betrat, wollte sein Kollege Buzz Aldrin noch etwas erledigen. Was war das? Seine Mutter anrufen? Einen Gottesdienst feiern? Etwas Sonnencreme auftragen?
  • Welches Gerät durfte bei der Reise zum Mond von "Apollo 11" nicht fehlen? Ein Farbfernseher, um ein Baseballgame zu verfolgen? Ein Sextant, um die Position zu bestimmen? Ein Stabmixer für die Zubereitung des Nachtischs?
  • Auf der Reise zum Mond ging "Apollo 11" in den "Barbecue"-Modus. Was ist darunter zu verstehen? Die Positionierung des Raumschiffs, sodass das Steak nicht vom Teller rutscht? Das drehen um die eigene Achse wie bei einem Dönerspieß? Das Absaugen von fettigen Essensdünsten?

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Bild der Woche

Wie geisterhafte Schleier segeln "leuchtende Nachtwolken" über dem Hadrianswall im Norden Englands. Sie bestehen aus winzigen Eiskristallen, und weil sie in rund 80 Kilometer Höhe schweben, reflektieren sie auch dann noch das Sonnenlicht, wenn es am Boden längst dunkel ist. Die wunderschöne Himmelserscheinung tritt häufiger und südlicher auf als früher, vielleicht bedingt durch mehr Methan in der Atmosphäre.

Owen Humphreys/ empics/ DPA

Fußnote

42 bestätigte Polio-Fälle traten in diesem Jahr in Afghanistan und Pakistan durch die Wildvariante des Virus auf. Die Zahl der Erkrankungen hat sich demnach gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum verdreifacht - ein Alarmsignal. Gründe für die Zunahme sind Angstkampagnen gegen die Impfung und Impfverbote durch die Taliban. Dabei stand die Kinderlähmung dank einer weltweiten Kampagne schon kurz vor der Ausrottung.

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* Quiz-Antworten: Buzz Aldrin feierte nach der Landung auf dem Mond einen Gottesdienst, betete und trank dabei sogar etwas Wein. / Sextanten dienten als robustes Back-up, um die Position zu bestimmen. Der Astronaut Michael Collins bekam wegen seiner Beherrschung der altertümlichen Technik den Spitznamen "Magellan". / Die "Barbecue Mode Routine" bestand aus einer langsamen Rotation des Raumschiffs um die eigene Achse, damit die Sonnenseite sich nicht übermäßig aufheizt.

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insgesamt 31 Beiträge
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thomas_linz 20.07.2019
1. Hilmar Schmundt
Danke für Ihre Kolumne. Ich kann es auch kurz machen. Nein, ich finde nicht, dass wir hier auf der Erde versauern sollten. Vielleicht ist es gerade die Erfahrung im All, die uns Menschen lehrt, sorgsamer mit unserer Heimat und mit unseren Ressourcen umzugehen. Solange wir Menschen 2 Billionen Dollar Jahr fuer Jahr in Waffen und Rüstung vergeuden, braucht mir niemand was von 'haben wir nicht dringendere Probleme' hier auf der Erde zu loesen' kommen. Der weltweite Jahresetat fuer die Raumfahrt beträgt keine 50 Milliarden Dollar, der Anteil für die zivile Raumfahrt davon ist mickrig. Der Nutzen hingegen gigantisch. Das inzwischen private Entrepreneurs den Weg in die Raumfahrt gefunden haben, die Ihr Geld statt in Luxus in die Raumfahrt stecken, macht die Frage, bemannte Raumfahrt, ja oder nein, sowieso obsolet. Imho, solange keine ethischen und moralischen Grenzen ueberschritten werden, stellt sich diese Frage gar nicht. Der Wissensdrang liegt in der Natur des Menschen, warum sollen wir hier abbrechen?
jean-baptiste-perrier 20.07.2019
2. Mars Ende der Fahnenstange!
Zitat aus dem Artikel: "Die nächsten 50 Jahre könnten den Humboldts des Himmels gehören. Was meinen Sie? Doch gibt es wirklich lohnende Ziele draußen im Weltall, die Menschen in absehbarer Zeit ansteuern könnten?" - - - - - Zitat Ende - - - - - Nein. Die Lebensspanne des Menschen mit maximal 100 Jahren ist der begrenzende Faktor. Mars-Missionen mit Astronauten machen noch gerade Sinn. Das ist aber dann auch schon das Ende der Fahnenstange. Die Dimensionen sind einfach zu gigantisch. Stellen Sie sich vor Humboldt hätte sich in zehn Jahren nur einen Mikrometer fortbewegen können, um seine Entdeckungsfahrten zu machen. Wieviel auf der Erde hätte er entdecken können? Bemannte Raumfahrt macht keinen Sinn. Zumindest nicht mit der heutigen Antriebstechnolgie. Die Vorstellung einer Kolonisierung des Weltalls ist naiv und geht vollkommen an den Realitäten vorbei. Wir sind hier auf unserem kleinen blauen Planeten gestrandet. Wir müssen hier überleben. Es gibt keine Option jenseits der Erde. Selbst ein utopisches Terraforming des Mars wäre sinnlos, da der Mars viel zu klein ist um eine größere Anzahl von Menschen aufzunehmen. Erde Durchmesser ca. 12700 km. Mars Durchmesser ca. 6700 km! Noch winziger als Mutter Erde!
thomas_linz 20.07.2019
3. Jbp
Als Columbus ueber den Atlantik segelte, wusste auch niemand, ob er zurückkommt. Wir fangen gerade erst mit der Raumfahrt an. Heute werden die Grundlagen dafür gelegt. Vorausgesetzt, wir rotten uns nicht selber aus, werden spaetestens in 500 Jahren, oder vielleicht sogar aber früher, Menschen die erste interstellare Reise in Angriff nehmen und nein, sie werden nie wieder kommen.
aheidel 20.07.2019
4. Richtig
Treffender Artikel. Es geht nicht darum, die materiellen, personellen und finanziellen Mittel, die in den vergangenen Jahrzehnten für Wissenschaft - und speziell für die Raumfahrt - ausgegeben worden sind, für andere Zwecke zu verwenden. Sondern es geht darum, diese Mittel sinnvoll einzusetzen. In Abwandlung eines alten Sprichwortes: "Raumfahrt tut not!" Aber der wahre Gewinner des Raumfahrtzeitalters ist die Unbemannte Raumfahrt. Sie hat nicht nur unmittelbaren (und heute nicht mehr wegzudenkenden) Nutzen für die Menschheit erbracht in Form von Erdbeobachtungs-, Wetter-, Navigations-, Kommunikations- und Aufklärungssatelliten, sondern sie hat auch wissenschaftliche Erkenntnisse ohnegleichen geliefert: Raumsonden haben alle Planeten und die meisten Monde des Sonnensystems erkundet, haben Kometen und Asteroiden erforscht; einige Sonden sind auf ihnen gelandet. Weltraumteleskope haben über die gesamte Breite des elektromagnetischen Spektrums den Kosmos bis fast zu dessen Grenze ausgelotet und aufgenommen. Und diese Sonden und Teleskope sind unsere verlängerten Sinnesorgane, so daß wir insofern auch tatsächlich vor Ort im All sind und nicht erst selbst dorthin fliegen und physisch anwesend sein müssen. Auch die Unbemannte Raumfahrt ist in diesem Sinne Bemannte Raumfahrt, zumal sich die Satelliten, Raumsonden und Weltraumteleskope nicht von selbst planen, projektieren, entwerfen, bauen, testen, ins All schießen und betreiben.
ichliebeeuchdochalle 20.07.2019
5.
Es ist nutzloses Wissen. Keine einzige "Erkenntnis" bringt den Menschen weiter, daß er überhaupt überlebt. Eine Verzögerung des Untergangs der Menschheit wäre gegeben, wenn es die demnächst fehlenden Rohstoffe auf der Erde auf anderen erreichbaren Planeten geben sollte und die hierher bringbar wären.
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