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01. Juli 2007, 12:09 Uhr

Arbeitspsychologie

Schön der Reihe nach statt Multitasking

Von Katrin Blawat

Alles gleichzeitig, lautet an vielen Arbeitsplätzen das Gebot der Stunde: Telefon, viele Computerprogramme und ein Handy streiten zeitgleich um die Aufmerksamkeit. Wer sich aber so vereinnahmen lässt und alles auf einmal tun will, macht mehr Fehler, verschwendet Zeit - und verlernt das Denken.

Als vor ihm die roten Bremslichter aufleuchten, reagiert der 45-Jährige einige Zehntelsekunden zu spät. Die Stoßstange seines Fahrzeugs berührt das vor ihm fahrende Auto, am Armaturenbrett leuchtet die Anzeige "Crash" auf. Damit ist der Versuch am psychologischen Institut der Utah-University in Salt Lake City beendet; der Proband darf aus dem Fahrsimulator steigen.

Multitasking: Wer alles zugleich tut, macht mehr Fehler
DDP

Multitasking: Wer alles zugleich tut, macht mehr Fehler

Virtuelle Unfälle wie diesen hat Versuchsleiter David Strayer schon viele erlebt. Der Grund für die simulierten Zusammenstöße ist fast immer derselbe: Die Probanden sind abgelenkt, weil sie während des Fahrens telefonieren. Dass die Versuchspersonen eine Freisprechanlage benutzen, ändert nichts an der hohen Unfallquote. Wer während des Autofahrens telefoniert, egal mit welcher Technik, hat ein viermal so hohes Unfallrisiko. Selbst das Geschehen in seinem Blickfeld nimmt er oft nicht bewusst wahr und seine Reaktionsfähigkeit entspricht der eines Angetrunkenen mit 0,8 Promille Blutalkohol.

Der Mensch ist nicht in der Lage, erfolgreich mehrere Dinge auf einmal zu tun. Das bestätigen Wissenschaftler in neuen Untersuchungen. Zwar beharren viele Unternehmer und Betriebsberater auf der Ansicht, verschiedene Aufgaben zugleich zu erledigen, sei das Patentrezept gegen Dauerstress, gegen zu viel und zu langsam erledigte Arbeit. Multitasking nennen sie dieses Rezept. Doch Psychologen, Neurowissenschaftler und Ökonomen widersprechen mittlerweile einhellig: Der Mensch mache bei solchem Vorgehen haufenweise Fehler, sein Gehirn sei der Doppelbelastung nicht gewachsen. Er verplempere sogar Zeit, und zwar mehr als ein Viertel, weil er Fehler wieder ausbügeln und sich an die jeweils nächste Aufgabe erinnern müsse. "Im Alltag merken wir das nur deshalb nicht, weil nicht dauernd jemand mit der Stoppuhr neben uns steht", sagt der Psychologe Iring Koch von der Technischen Hochschule in Aachen. Multitasking widerspricht damit nicht nur der Arbeitsweise des Gehirns, sondern auch dem ökonomischen Denken. Der Gleichzeitigkeitswahn verschwendet wertvolle Arbeitszeit.

Im Kernspintomografen messen Wissenschaftler, wie gut das Gehirn damit klarkommt, wenn es mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen soll. Marcel Just von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh las seinen Probanden zunächst einfache Sätze vor, die Versuchspersonen sollten nur zuhören. Die für die Spracherkennung zuständigen Gehirnareale waren erwartungsgemäß höchst aktiv. Dann sahen die Probanden zusätzlich Bilder von zwei komplizierten dreidimensionalen Objekten, die sie miteinander vergleichen sollten. Das gelang den Studienteilnehmern zwar in neun von zehn Fällen, doch ihr Gehirn kam mit der Doppelbelastung nicht zurecht. Die Spracherkennungsareale waren in der Multitasking-Aufgabe nicht mal mehr halb so aktiv wie zuvor. Der Preis für das vermeintliche Multitasking besteht darin, dass zumindest eine der Aufgaben nur mit halber Kraft bearbeitet wird. Ein Autofahrer, der sich auf den Gegenverkehr und sein Telefongespräch zu konzentrieren versucht, hat deshalb keine Kapazitäten mehr frei, um auf den Fußgänger am Fahrbahnrand zu reagieren.

Dabei können Menschen durchaus mehrere Eindrücke parallel wahrnehmen. Am leichtesten fällt das, wenn es darum geht, andere Menschen einzuschätzen. "Lernen wir zum Beispiel auf einer Party jemanden kennen, setzt das Gehirn in Windeseile aus einzelnen Komponenten einen Gesamteindruck zusammen: Wie bewegt er sich, wie sieht sein Gesicht aus, was sagt er und wie hört sich die Stimme an? Weil alle diese Informationen zu einem Ganzen zusammengefügt werden, sehen wir den Menschen selbstverständlich als Einheit", erklärt der Münchener Hirnforscher Ernst Pöppel. "Paradoxerweise versagen wir gerade deswegen im bewussten Multitasking, weil wir es nahezu ununterbrochen auf der unbewussten Ebene schon tun."

Wenn das Gehirn nicht mehr nur wahrnehmen, sondern auch reagieren muss, scheitert jeder Versuch von Gleichzeitigkeit. Daher befreit eine Freisprechanlage im Auto nicht von den Nachteilen des Multitaskings. "Das Problem ist nicht, dass man nur eine Hand am Lenkrad hat, sondern dass man sich für die richtige Reaktion entscheiden muss - sowohl im Straßenverkehr wie beim Gespräch am Handy", sagt Torsten Schubert von der Berliner Humboldt-Universität.

Zeitfalle Multittasking - aufgrund einer Illusion verschwenden Menschen täglich wertvolle Arbeitszeit und eine Menge Geld auch

Diese Entscheidungen brauchen Zeit, und zwar mindestens eine Sekunde, wie eine Untersuchung des Psychologen René Marois von der Vanderbilt University in Nashville kürzlich gezeigt hat. Marois präsentierte seinen Probanden Bilder geometrischer Figuren und dann, nach unterschiedlich langen Zeitintervallen, einen Ton. Zu jedem der acht verschiedenen Bilder und Töne gehörte eine bestimmte Taste, die die Probanden so schnell wie möglich betätigen sollten. Wenn Marois Bild und Ton in einem zeitlichen Abstand von 300 Millisekunden oder weniger darbot, verzögerte sich die Reaktion der Studienteilnehmer um eine Sekunde. Nur wenn sie Bild und Ton um mindestens eine Sekunde versetzt wahrnahmen, konnten sie unmittelbar und korrekt auf beide Reize reagieren.

"Multitasking fördert einen schizoiden Denkstil und lässt das Gedächtnis verkümmern"

Zu viele Aufgaben, die in zu kurzer Zeit auf das Gehirn einstürmen, verursachten einen Entscheidungsstau, erklärt Marois die Ergebnisse. Mindestens zwei Regionen im präfrontalen Cortex, die für die Auswahl der passenden Reaktionen zuständig sind, funktionieren demnach wie eine Art Flaschenhals: Handlungsanweisungen gelangen nur langsam und der Reihe nach hindurch.

Die neuronalen Beschränkungen ändern nichts dran, dass sich der Mensch ständig im Multitasking versucht und dabei meistens erfolgreich wähnt. Wie kommt es zu dieser Selbsttäuschung? "Was wir als Multitasking erleben, ist nur ein schneller Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben", erklärt der amerikanische Psychologe Jordan Grafman. "Dabei verwechseln wir Schnelligkeit mit Intelligenz", sagt Ernst Pöppel. "Wer schnell ist, gilt immer auch als schlau."

Dank dieser Illusion verschwenden Menschen täglich Ressourcen: Intellekt, wertvolle Arbeitszeit - und eine Menge Geld. Jonathan Spira, Geschäftsführer der New Yorker Beratungsfirma Basex, befragte amerikanische Manager nach ihren Arbeitsgewohnheiten. 28 Milliarden Arbeitsstunden, so rechnete Spira danach aus, nehmen pro Jahr allein Unterbrechungen in Anspruch, die durch das ständige Wechseln der Tätigkeit entstehen. "Das ist ähnlich wie bei einem Computer, der ein neues Programm hochfährt und dafür das alte schließen muss", erklärt Torsten Schubert den großen Zeitverlust. Spira errechnete bei einem angenommenen Stundenlohn von 21 Dollar einen gigantischen Verlust: Der sinnlose Versuch, im Job mittels Multitasking produktiver zu werden, koste die amerikanische Wirtschaft jedes Jahr 588 Milliarden Dollar.

Vielleicht ist diese Schätzung sogar noch zu optimistisch. Denn Spira hat nicht die Spätfolgen berücksichtigt, die der Glaube ans Multitasken mit sich bringen kann. Ernst Pöppel prophezeit "Konzentrationsstörungen und den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses". Daraus resultiere ein "unzusammenhängender, schizoider Denkstil", so der Hirnforscher. "Wir können keinen Kontext mehr verinnerlichen. Alles wird sofort wieder gelöscht, nichts bleibt dauerhaft im Gedächtnis."

Viele Wissenschaftler sehen diese Gefahr besonders für jüngere Menschen. Sie wachsen mit so viel Unterhaltungselektronik auf, dass Multitasking als logische Folge des medialen Überangebots erscheint. Claudia Koonz, Professorin für Geschichte an der Duke University in North Carolina, erzählt, sie habe jüngst ihre Studenten gebeten, ein Buch von 350 Seiten durchzuarbeiten. Ein Student antwortete: "Wir lesen keine ganzen Bücher mehr." Jetzt versucht sie, den Studenten wieder etwas Ruhe beizubringen. "Ich ermuntere sie, sich ohne Buch, Laptop und Handy in eine Ecke des Campus zu setzen und einfach nachzudenken." Ähnliches schlägt auch Pöppel vor: "Wenn jeder Mensch in Deutschland eine Stunde am Tag ohne Unterbrechung durcharbeiten würde, bekämen wir den größten Innovationsschub aller Zeiten."

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