Guatemala Beschrifteter Knochen in Maya-Grab gefunden

In der Mayastadt Holmul haben Archäologen in einem Grab einen beschrifteten Knochen gefunden - vermutlich von einem Menschen. Die Forscher rätseln: Stammt er von einem König oder einem Gefangenen?

F. Estrada-Belli

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Die Ruinen von Holmul gehören bisher nicht gerade zum Maya-Pflichtprogramm: Wer als Tourist auf Guatemala-Reise auf den Spuren der rätselhaften Zivilisation im Departamento Petén unterwegs ist, den zieht es eher ins nahe Tikal, eine der bekanntesten Ruinenstädte der Maya-Kultur - und jährlich das Ziel Tausender Reisender.

Doch es mehren sich Anzeichen, dass auch die Tempelstrukturen von Holmul etwas mehr als 30 Kilometer von Tikal entfernt einen Besuch wert seinen könnten. Bereits vor einigen Jahren hat der Archäologe Francisco Estrada-Belli in dem Ort einen acht mal zwei Meter großen Stuckfries an einem Tempel entdeckt, dessen kunstvoll gefertigtes Relief auf besonders hoch entwickelte Handwerkskunst schließen lässt.

Und nun fand Estrada-Belli zwei Bestattungen, von der eine ebenfalls sehr bemerkenswert ist: In einer Grabkammer unterhalb eines Tempels entdeckten die Forscher während der Grabungssaison 2015 neben einem Toten einen weiteren Knochen. Das Besondere an der Grabbeilage: Darauf befanden sich Inschriften - offenbar hatte einst ein Mayaschreiber einige Hieroglyphen in die Gebeine gemeißelt.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich um ein menschliches Schienbein handelt. Funde dieser Art sind zwar für die Mayakultur belegt, aber sie sind äußerst selten.

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Ein ähnlicher Fund ist laut der Archäologin Rosemary Joyce in Tikal gemacht worden. Darauf sei der Name eines Gefangenen und sein Abbild eingraviert gewesen, sagte sie dem "Guardian". Joyce, die nicht an der Grabung beteiligt war, merkte aber an, dass erst noch ein Anthropologe den menschlichen Ursprung des Knochens bestätigen müsste. Der Oberschenkelknochen eines Menschen etwa könne einem Hirschknochen stark gleichen, wenn man die Gelenkköpfe jeweils abschneiden würde, wie es auch bei dem bearbeiteten Knochen in Holmul der Fall ist.

Der Knochen könnte von einem wichtigen Gefangenen stammen, glaubt Estrada-Belli. Auch könnte es sich um Überreste eines Vorfahren handeln. Das Motiv dahinter findet sich immer wieder in der komplizierten Glyphenschrift der Maya: Könige beziehen sich häufig auf ihren Dynastiegründer, um so ihren Herrschaftsanspruch, der mit erheblichen Privilegien verbunden war, zu rechtfertigen.

Aber noch ist die Inschrift auf dem Knochen nicht entziffert. "Leider liegt in dem Text die Antwort zur Gefangenen- oder zur Ahnen-These", ist sich Estrada-Belli sicher. Der Text besteht aus einer Reihe mit sechs Glyphen, "Vielleicht könnte es auf dem Knochen aber noch eine weitere Glyphensäule gegeben haben, genau wissen wir das nicht. Die Struktur ist an der Stelle stark erodiert", sagt Estrada-Belli.

Er hofft, dass ein Schriftspeziallist mit einem hochauflösenden Scanner zumindest die erste Glyphenreihe wieder erkennbar machen könnte. "Aber wenn wir Pech haben, werden wir die Zeichen nie erkennen und den Text nie lesen können", sagt er.

Jade-Inlays im Gebiss

In der Kammer wurde das stark verwitterte Skelett eines mittelalten Erwachsenen gefunden - möglicherweise war die Person königlichen Geschlechts. Darauf deuten etwa die Jade-Inlays im Gebiss des Toten. Zudem entdeckten die Forscher typische Grabbeigaben wie Keramiken, Obisdian- und Jadeartefakte.

Die Forscher datieren das Grab in die sogenannte klassische Periode auf etwa 650 bis 700 nach Christus. Also aus jener Blütezeit der Mayakultur, in der Bautätigkeit, Schriftkultur und handwerkliches Geschick an den Königshöfen der vielen einzelnen Stadtstaaten eine besonders schaffensreiche Phase hatten. Wenige Dekaden später begann der bis heute rätselhaft gebliebene Niedergang der Hochkultur.

Auch ein weiterer Fund ist bemerkenswert: Das Team entdeckte in den Gräbern Spuren der sogenannten Dynastie der Schlangenkönige. Diese Sippe steht schon länger im Fokus der Forschung. In einem Grab fanden Estrada-Belli und sein Team auf einem Jade-Anhänger die Emblemglyphe der mächtigen Kaan-Sippe und den Namen eines Herrschers: Yuknoom Ti' Chan. Erstaunlich ist das deshalb, weil die Könige dieser Familie nicht aus Holmul stammten, sondern aus einer Gegend etwas mehr als 150 Kilometer weiter nördlich in Mexiko gelegen.

Yuknoom Ti' Chan regierte einst in Calakmul, einer der ganz großen Maya-Städte. Die Metropole befand sich mit den Kriegern von Tikal in einer Dauerfehde. Bekannt ist etwa, dass die Schlangenkönige für einige Zeit neben etlichen kleineren Zentren wie Uxul und Naranjo wohl auch das mächtige Tikal unterjochten und dort einen Marionettenkönig installierten. Der Fund der Schlangenkönig-Glyphe in Holmul zeigt nun: Wohl auch dort trieb die Sippe ihr Unwesen.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
trö 18.10.2016
1. beschrifter Knochen- vermutlich von einem Menschen
schade- dachte kurz eine andere Lebensform hätte den Knochen beschriftet. Amen
tiesler 18.10.2016
2. Spezialisten?
Zitat von tröschade- dachte kurz eine andere Lebensform hätte den Knochen beschriftet. Amen
Guatemala. Beschrifteter Knochen in Maya-Grab gefunden
snigger 18.10.2016
3. knochen
vielleicht ist's vergleichbar mit den europäischen reliquien aus dem mittelalter ....
RobinB 19.10.2016
4. Bericht oder Kommentar?
Worte wie "Sippe" und "Unwesen" haben jedenfalls in einem Bericht nichts verloren. Das sollte man wissen, wenn man Redakteur für Wissenschaft ist. Ein Kommentar oder Meinungsstück zum Thema archäologische Ausgrabungen erscheint seltsam.
ugt 19.10.2016
5. Vielleicht eine Art Reserve
Vielleicht eine Art Ersatzreifen. Wenn der arme Kerl in dem Grab sein Schienbeinknochen bei der Auferstehung aus den Grab irgendwo verbummelt, dann hat er noch ein Ersatz :-)
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