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Archäologieprojekt: Graben nach dem Antiatomkraftdorf

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Wendland Archäologen erforschen Achtzigerjahre

Schluss mit Steinzeit: Archäologen interessieren sich neuerdings auch für Zeitgeschichte. Ein Forscher gräbt ein Protestcamp nahe Gorleben aus - und berichtet Überraschendes aus dem Leben der Atomkraftgegner.

Es war ein kleines Utopia mitten im Wald des beschaulichen Wendlands, doch nach 33 Tagen war alles vorbei: Im Juni 1980 beendete die Räumung durch Bulldozer, Polizisten und Bundesgrenzschutz den Traum der "Republik Freies Wendland".

Atomkraftgegner hatten das Protestcamp im Landkreis Lüchow-Dannenberg errichtet - an einer der Bohrstellen, die prüfen sollte, ob der Salzstock Gorleben als mögliches Endlager für Atommüll geeignet ist. So hatte es der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht geplant.

Doch dann machte ihm die Protest-Republik einen Strich durch die Rechnung. Im Hüttendorf lebten plötzlich immer mehr Menschen aus der gesamten Bundesrepublik, am Ende bis zu tausend: Hippies, Alternative aber auch Bauern und Bürger aus der Umgebung unterstützten die Dauer-Demo. Zusammen errichteten sie in kürzester Zeit eine beeindruckende Infrastruktur. Es wurden knapp 120 Holzbauwerke gezimmert, nicht nur zum Wohnen, ein Meditations- und ein Frauenhaus gab es. Zudem aß man Bioprodukte, der Strom wurde aus Solarzellen und Windenergie gewonnen. Und wer ins Camp hineinwollte, bekam sogar einen Pass ausgestellt.

Bis heute ist Gorleben ein Symbol der Antiatombewegung geblieben. Daran konnte auch die Räumung damals nichts ändern. Gerade einmal 37 Jahre ist das her. Was ist übrig von dem Camp? Das fragt sich auch der Hamburger Archäologe Attila Dézsi. Ab Oktober will er die "Republik Freies Wendland" ausgraben - erste Voruntersuchungen und Geländebegehungen hat er bereits gemacht.

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Archäologieprojekt: Graben nach dem Antiatomkraftdorf

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SPIEGEL ONLINE: Herr Dézsi, warum interessiert Sie ein Objekt aus der jüngeren Vergangenheit? Haben Archäologen sonst nichts mehr zu tun?

Dézsi: Doch. Aber warum sollte sich Archäologie eine Zeitgrenze setzen? Generell erforscht das Fach die materiellen Hinterlassenschaften von Menschen. Keiner schreibt vor, bis wann die gelebt haben müssen.

SPIEGEL ONLINE : Lang wird die Gegenwartsgeschichte zumindest noch nicht mit archäologischen Methoden erforscht.

Dézsi: Das stimmt. Aber Ansätze zur historischen Archäologie gab es schon früher. Bereits in den Sechzigerjahren hat sich ein Kollege mit der Entwicklung von Fliegen und ähnlichen Kleidungsstücken beschäftigt. Mit seinen Erkenntnissen hat er eine bereits vorhandene Methode weiterentwickelt.

SPIEGEL ONLINE : Wäre es nicht einfacher, das Protestcamp den Historikern zu überlassen? Schließlich gibt es genug Material in den Archiven.

Dézsi: Das reicht nicht. Denn die Archäologie leistet Beiträge, die andere Disziplinen nicht abdecken können. Dazu zählt etwa die Erforschung von Alltagsgegenständen. Wer sollte sonst herausfinden, was von der "Republik Freies Wendland" heute noch übrig ist.

SPIEGEL ONLINE : Was erwarten Sie von Ihrer Ausgrabung?

Dézsi: Ich hoffe auf neue Einblicke. Bei meinen Voruntersuchungen habe ich zumindest ganz andere Dinge gefunden, als ich es erwartet hatte.

SPIEGEL ONLINE : Was denn?

Dézsi: Ein Protestcamp der damaligen Antiatomkraftbewegung, das mitten im Wald entstanden ist, verbindet man eher mit Recycling und nachhaltigem Nutzen von Objekten. Dafür habe ich aber ziemlich viele Konserven an der Oberfläche gefunden, die offenbar alle einfach weggeworfen wurden.

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Foto: Fritz Jürgens

SPIEGEL ONLINE : Wie datieren Sie diese Funde?

Dézsi: C14-Datierungen ergeben natürlich keinen Sinn. Eine zeitliche Bestimmung geht aber sehr einfach über das Haltbarkeitsdatum - viele haben Stempel von 1979, 1980. Die gefundenen Cola-Dosen lassen sich sehr gut über das Layout zuordnen. Es gibt Sammler, die so etwas dokumentieren.

SPIEGEL ONLINE : Die Protestler waren also heimlich Fans von US-Softdrinks?

Dézsi: Für so eine Aussage ist es noch zu früh. Es könnte gut sein, dass die Dosen im Augenblick der Räumung weggeworfen wurden. Deshalb ist eine genaue archäologische Dokumentation bei der Grabung wichtig, die die Verteilung zeigt. Interessant ist aber ein gewisser Widerspruch in den Quellen.

SPIEGEL ONLINE : Warum?

Dézsi: Ich habe Hunderte Fotos ausgewertet. Auf keinem trinken die Menschen Cola. Das passt nicht zu dem, was ich gefunden habe. Hier widersprechen sich die Quellen - so scheint es bisher. Möglicherweise wollten die Menschen ja nicht, dass ihr Konsumverhalten auf den Fotos auftaucht. Aber auf einem Bild ist immerhin eine Holzkiste zu sehen, dort wurden die Dosen wohl gesammelt.

SPIEGEL ONLINE : Was haben Sie noch gefunden?

Dézsi: Bisher sind es allein bei der ersten Erkundung des Geländes 450 Gegenstände. Sehr interessant sind einige Kochtöpfe. Ich habe einen großen und schweren Edelstahlpott gefunden, der ist platt wie eine Briefmarke. Das kann nur eine ungeheure Kraft verursacht haben - möglicherweise bei der Räumung durch die Bulldozer. Da bekommt man einen Eindruck, was damals dort passiert ist.

SPIEGEL ONLINE : Was interessiert Sie an dem Thema?

Dézsi: Das ist ein Stück deutsche Demokratie-Geschichte. Ich finde aber vor allem spannend, dass die Gründe für die Entstehung des Camps noch aktuell sind. Wohin mit unserem Atommüll, diese Frage ist ja bis heute nicht befriedigend beantwortet.

SPIEGEL ONLINE : Auf dem Gelände haben damals mehr als tausend Menschen gelebt, es war eine riesige Lichtung. Was ist davon übrig?

Dézsi: Da ist heute dichter Forst. Es gibt noch einige auffällige Hügel und Vertiefungen. Aber das muss erst die Grabung klären, ob das mit dem Camp zu tun hat. Mich interessiert, wie sich meine Recherchen in der Archäologie wiederfinden. Die Menschen haben teilweise aufgeteilt nach Städten gelebt, aus denen sie eigentlich kamen. Es gab eine Hamburger und eine Münchner Gruppe. Spannend wird, ob diese Bereiche unterschiedlich gestaltet waren und ich das in den archäologischen Befunden sehe. Übrigens alles Aspekte, die man nicht in offiziellen Quellen findet.

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Foto: PBS/ BBC

SPIEGEL ONLINE : Reden Sie auch mit Zeitzeugen?

Dézsi: Ja. Zuletzt habe ich mit einem Priester gesprochen, der die Räumung miterlebt hat, bald auch mit Polizisten, die im Einsatz waren. Einige Zeugen erinnern sich mit großer Freude an die Zeit im Camp. Andere wirken fast ein wenig traurig und wehmütig, wenn sie zurückdenken. Jeder erinnert sich anders. Bei der Grabung werden auch einige Zeitzeugen mitarbeiten.

SPIEGEL ONLINE : Warum?

Dézsi: Die Grabung ermöglicht Beteiligten so, ihre eigene Geschichte zu entdecken. Das ist ein sozialer Ansatz, der für die Archäologie neu ist.

SPIEGEL ONLINE: Gab es schon ähnliche Projekte?

Dézsi: Ja. In Bristol haben Kollegen eine Fläche ausgegraben, auf der sich jahrelang viele Obdachlose und Drogenabhängige aufgehalten haben. Die Leute haben auf der Grabung gearbeitet - zusammen mit Polizisten, die dort häufig im Einsatz waren. Das Projekt sollte auch zu einem neuen Verständnis für diese Menschen führen, die sonst gesellschaftlich am Rand stehen. Das ist gelungen: Einige Obdachlose haben später Grabungsergebnisse auf Fachtagungen präsentiert. So etwas wünsche ich mir auch für meine Grabung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Projekte aus der historischen Archäologie sind denn eher misslungen?

Dézsi: In den USA gab es 2014 eine Grabung in der Wüste von New Mexiko. Man wollte überprüfen, ob auf der Deponie vor über 30 Jahren alte Konsolenspiele von Atari verklappt worden waren, die ursprünglich mal zum Film "E.T." herauskamen und nicht verkauft wurden. Zwar hat man die Spiele gefunden. Aber die Aussagekraft der Grabung über den Fund hinaus war überschaubar. Man muss aufpassen, dass man nicht einfach nach Schätzen gräbt.

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