Ausgegraben - Neues aus der Archäologie Hängende Gärten hingen woanders

Auch Wikinger hatten Langeweile - und ritzten mitunter Bilder ihrer Füße in die Schiffsplanken. Außerdem im archäologischen Wochenrückblick: Wie ein vergessener Soldat seinen Namen zurückbekam - und warum die berühmten Hängenden Gärten womöglich gar nicht in Babylon hingen.

Auch Geschichtsschreiber haben eine romantische Ader. Flavius Josephus (37 bis 100 nach Christus) beschreibt eindringlich, wie der babylonische König Nebukadnezar eine Berglandschaft in seinem Palast bauen lässt, komplett mit Wanderwegen durch unterschiedliche Bäume - "um seine Königin zufriedenzustellen". Denn die, so Josephus, stamme aus Medien "und mochte solche Berglandschaften".

Hängende Gärten von Babylon (Illustration): Hingen sie in Wahrheit in Ninive?

Hängende Gärten von Babylon (Illustration): Hingen sie in Wahrheit in Ninive?

Foto: Corbis

Die hängenden Gärten von Babylon, die Nebukadnezar für seine Königin baute, sollten zu den sieben Weltwundern der Antike werden. Und doch haben Archäologen von diesen künstlichen Bergen niemals eine Spur gefunden. Einen möglichen Grund dafür legt Stephanie Dalley von der Oxford University in diesem Monat in ihrem Buch "The Mystery of the Hanging Garden of Babylon" vor: Die Gärten hingen gar nicht in Babylon, sondern im rund 480 Kilometer entfernten Ninive. Und gebaut wurden sie auch nicht von dem babylonischen König Nebukadnezar, sondern von einem der großen Feinde des babylonischen Reiches, dem assyrischen Herrscher Sennacherib.

Darauf kam die Altsprachlerin bei der Übersetzung von babylonischen und assyrischen Keilschrifttexten sowie späteren griechischen und römischen Quellen. Besonders eine assyrische Schrift aus dem 7. Jahrhundert vor Christus beschrieb detailliert die Wasserwirtschaft des Königs Sennacherib. Das Wasser wurde demnach mit einer archimedischen Schraube aus Bronze in die höhergelegenen Gartenbereiche transportiert - rund 400 Jahre vor Archimedes' Geburt. Und tatsächlich bestärkt auch die Archäologie Dalleys Vermutung. Um Ninive herum wurden große Aquädukte gefunden. Eines davon ist so riesig, dass es aus der Luft aussieht wie eine Autobahn.

+++ Gelangweilter Wikinger ritzte Fuß in Schiffsplanke +++

Planke des Gokstad-Schiffs: Wikinger ritzte Fußabdruck ins Holz

Planke des Gokstad-Schiffs: Wikinger ritzte Fußabdruck ins Holz

Foto: Hanne Jakobsen

Nach Tagen auf See, eingeklemmt in dem engen Raum hinter seinem Ruder, wurde dem kleinen Wikinger wahrscheinlich irgendwann langweilig. Also nahm er ein Messer und ritzte den Umriss seines Fußes in die Holzplanken. Sorgfältig fügte er anschließend den Umrissen seiner Zehen noch Fußnägel hinzu. 1100 Jahre später finden Archäologen den Fußabdruck auf den Planken des Gokstad-Schiffes im Museum of Cultural History in Oslo. "Er zeigt uns, dass Wikinger Füße hatten", schreibt Hanne Lovise Aannestad, Kuratorin des Museums, auf der skandinavischen Wissenschaftsplattform ScienceNordic. "Aber das wussten wir bereits." Dennoch erlaube das Kunstwerk einen direkten emotionalen Kontakt. "Es waren echte Menschen, die auf Reisen gingen, keine stereotypen Cartoon-Charaktere", so Aannestad. "Die Fahrten konnten sowohl langweilig als auch schrecklich sein."

Der Abdruck ist klein, kleiner als Aannestads eigener Fuß. Vielleicht gehörte einem sehr jungen Wikinger. Das Gokstad-Schiff hatte eine bewegte Geschichte. Der gelangweilte Wikingerjunge war wahrscheinlich zwischen 890 und 900 mit ihm unterwegs - als einer von insgesamt 64 Ruderern, die in zwei Schichten arbeiteten. Nach der Zeit auf See diente das Schiff einem etwa 50 bis 70 Jahre alten Mann als Grabbeigabe. Archäologen entdeckten es im Jahr 1880 neben seinem Hügelgrab.

+++ 2000 Jahre alter Schlüssel wiedergefunden +++

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Jerusalem: 2000 Jahre alter Schlüssel gefunden

Foto: DPA/ Skyview/ Israel Antiquities Authority/ Pascal Partouche

Ein kleiner Haustürschlüssel kann leicht aus der Hosentasche fallen. Schwieriger ist es, einen männerhandgroßen Schlüssel zu verlieren. Doch offenbar ist das jemandem vor 2000 Jahren im heutigen Ramat-Shlomo-Viertel Jerusalems passiert. Archäologen fanden das eckig gebogene Schließwerkzeug mit drei Zacken in einem Steinbruch aus der Zeit des Zweiten Tempels. "Wir können nur vermuten, dass er einem der Arbeiter hier aus der Tasche gefallen ist", sagt Ausgräberin Irina Zilberbod in einer Presseerklärung der israelischen Altertümerbehörde.

Vor 2000 Jahren war das gesamte Areal, in dem heute die nördlichen Vororte Jerusalems liegen, von Steinbrüchen durchzogen. Hier wurden die Blöcke für die prächtigen öffentlichen Gebäude der Stadt geschlagen. Der Schlüssel war aber offenbar nicht das Einzige, was den Arbeitern abhanden gekommen ist: Die Ausgräber entdeckten auch vergessenes Werkzeug; Äxte und Hebel, um die Steine zu lösen und aus dem Felsen herauszubrechen.

Einige der riesigen Baublöcke, die heute noch an Ort und Stelle liegen, waren bis zu zwei Meter lang. Damals lag das Gelände etwas höher als die Stadt, die schweren Steine konnten das Gefälle hinab leicht transportiert werden. Gleich neben dem Steinbruch begann die Straße, auf der die Blöcke mit Hilfe von Ochsen über Baumstämme in die Stadt gerollt wurden.

+++ Alltagsleben im Galiläa nach Jesus +++

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Galiläa: Das Alltagsleben nach Jesus

Foto: Kinneret Regional Project/ Skyview Photography

Wie war eigentlich das Leben in den Dörfern rund um den See Genezareth in der Spätantike, den Jahrhunderten nach Jesus? Dieser bisher nur wenig erforschten Zeit widmet sich das internationale Kinneret Regional Project. Was passierte in einem durchschnittlichen galiläischen Dorf? Um diese Frage zu klären, untersuchen Forscher im Rahmen des Projekts die Siedlung Horvat Kur auf einem Hügel etwa zwei Kilometer südwestlich des Sees Genezareth. Insbesondere von der Synagoge, dem religiösen und kulturellen Zentrum des Ortes, erhoffen sich die Ausgräber Antworten.

In der vergangenen Grabungskampagne fanden sie dort einen thronähnlichen Sitz. Vermutlich saß hier der Gemeindevorsteher: "Wer auf einem solchen Thron saß, überblickte die gesamte versammelte Gemeinde und konnte selbst von allen gesehen werden", schreibt Jürgen Zangenberg von der Universität Leiden in einem gerade erschienenen Aufsatz zu den neuen Ergebnissen. "Der Sitz ist zur Gemeinde hin gerichtet. Wer sich darauf niederlässt, hat im wahrsten Sinn des Wortes das südlich der Synagoge gelegene Jerusalem im Rücken und kann seine Worte mit der Autorität des Moses an die Gemeinde richten."

Der Thron war nicht der einzige ungewöhnliche Fund. Im nordöstlichen Teil der Synagoge entdeckten die Archäologen einen reich verzierten Steintisch, in dessen Oberfläche eine rechteckige Vertiefung eingelassen ist. Nur ein weiteres Exemplar eines solchen Tisches ist bekannt, und zwar aus der Synagoge von Migdal am Westufer des Sees Genezareth.

+++ Der Soldat aus dem vergessenen Krieg +++

Was machte ein britischer Soldat 1799 in den Niederlanden? Diese Frage können nur noch so wenige Menschen beantworten, dass die Niederländer die britische Invasion aus diesem Jahr als "vergessenen Krieg" bezeichnen. Die Antwort ist: Die Briten wollten der vier Jahre zuvor gegründeten Batavischen Republik den Garaus machen und den Prinzen von Orange-Nassau, Willem V., wieder auf den Thron bringen. Einer der Soldaten blieb dabei tot in den Dünen zurück, bis Vogelbeobachter 2011 seine Knochen fanden.

Die Archäologin Esther Poulus von Hollandia Archeologen nahm sich der Sache an. In ihrem Grabungsreport beschreibt sie, wie es ihr gelang, der Identität des Toten immer näher zu kommen. Der erste Hinweis waren Uniformknöpfe, die ihn als Mitglied der 2nd Battalion Coldstream Guards auswiesen. Weiterhin war der Tote sehr groß: Zu Lebzeiten brachte er es vermutlich auf etwa 1,80 Meter, was für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Körpergröße war. Deshalb glaubt Poulus, dass er als Grenadier diente: "Die Grenadiere rekrutierten die größten Soldaten."

In den National Archives in Kew fand sie die Namen von zwei Grenadieren, die bei der Invasion ums Leben kamen: Nathaniel Haines und Thomas Taylor. Nachfahren werden sich allerdings kaum finden lassen, denn beides waren damals sehr häufige Namen. "Allein zwischen 1790 und 1801 dienten zwölf Männer namens Thomas Taylor bei den Coldstream Guards", erklärt der pensionierte Oberst Simon Vandeleur, der sich für die Rückführung der Überreste einsetzt. Ihren Bericht gestaltete Poulus ungewöhnlich poetisch. Er beginnt mit Zeilen aus einem Gedicht von Rupert Brooke:

"If I should die, think only this of me:
That there's some corner of a foreign field
That is for ever England."

+++ Sonnenwende in den Anden +++

Es muss ein beeindruckender Anblick gewesen sein, wenn man Tag der Wintersonnenwende gegen Abend vom Hochland auf den Cerro del Gentil im Süden Perus zuwanderte. Zwei etwa 500 Meter lange Steinlinien führten genau auf die Pyramide am Cerro del Gentil zu. Näherte die Sonne sich dem Horizont, sah es so aus, als ob sie genau in die Pyramide hineinsinken würde.

Archäologen des Cotsen Institute of Archaeology an der University of California in Los Angeles haben diese Steinlinien nun untersucht und das Phänomen zur Sonnenwende am Computer rekonstruiert. "In dem 3-D-Modell sieht man, wie die beiden Linien an einem Punkt am Horizont zusammenlaufen und nicht nur die Pyramide am Cerro del Gentil einrahmen, sondern auch die Sonne zur Wintersonnenwende", erklärten die Forscher auf dem Jahrestreffen der Society for American Archaeology in Honolulu. Die Pyramide wurde zwischen 600 und 50 vor Christus gebaut und dann noch einmal in einer zweiten Phase zwischen den Jahren 200 und 400 genutzt. Zu dem Komplex gehören wahrscheinlich noch mehr Linien sowie etwa 200 Steinhaufen.

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