Archäologie hinter "Game of Thrones" Kleine Menschen, große Macht

Zum Start der finalen "Game of Thrones"-Staffel erwarten die Fans gespannt das Schicksal des Kleinwüchsigen Tyrion Lannister. Altertumsforscher wissen: Im alten Ägypten gibt es Parallelen zu einflussreichen kleinen Menschen.

Kleinwüchsige "Game of Thrones"-Figur Tyrion Lannister, dargestellt von Peter Dinklage
ZUMA Press/ imago images

Kleinwüchsige "Game of Thrones"-Figur Tyrion Lannister, dargestellt von Peter Dinklage

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"Der Tod kann ein guter Ausweg sein." Mit dieser Bemerkung gelang es dem US-Schauspieler Peter Dinklage im Oktober 2018, die Anhänger der Serie "Game of Thrones" schlagartig in Aufregung zu versetzen. Sie wurde von Fans als Hinweis verstanden, dass das Ableben der von Dinklage verkörperten Serienfigur Tyrion Lannister in der letzten "Game of Thrones"-Staffel, die am Sonntag anläuft, beschlossene Sache ist.

Damit würde die blutrünstige Fantasy-Serie einen ihrer schillerndsten Charaktere verlieren. Die Figur des kleinwüchsigen Tyrion Lannister, Angehöriger einer mächtigen Familie in der fiktiven Welt von "Game of Thrones", machte Dinklage international zum Star.

Die Serienfigur Lannister ist ziemlich erfolgreich darin, sich in der archaischen Mittelalterwelt von "Game of Thrones" zu behaupten. Zwar verachtet ihn sein Vater wegen seiner geringen Körpergröße. Doch Tyrion genießt als Angehöriger einer mächtigen Familie den Status, der ihm in die Wiege gelegt wurde. Und dazu gelingt es ihm, sich voller List gegen Gegner mit weitaus größeren Körperkräften durchzusetzen.

Nicht nur in amerikanischen Fantasy-Serien können Kleinwüchsige Beachtliches vollbringen, auch historische Fälle sind belegt. In manchen Kulturen erreichten sie wohl eine ganz besondere soziale Stellung - frei von Stigmatisierung und Vorurteilen. Für das alte Ägypten ist etwa das Leben des Hofbeamten Seneb gut dokumentiert, er diente dem berühmten Pharao Cheops wohl vor etwa 5000 Jahren.

Eine lange Liste von Ämtern und Ehrentiteln zeigt: Der kleine Mann hob sich vom normalen Volk ab. Er war für die Kleidung des Pharao zuständig, dazu durfte er sich Freund des Königs nennen. Zudem führte er mehrere Priestertitel und war Vorsteher der Hofweberei und Leiter des Palastes.

Allerdings ist unklar, unter welcher Form von Kleinwuchs Seneb litt. Denn seine Überreste sind nicht erhalten. Der Sarkophag in seinem ehrenvoll angelegten Grab nahe den berühmten Pyramiden von Gizeh war teilweise zerstört, das Skelett wurde nie gefunden. Deshalb konnten Paläopathologen seine Knochen nicht untersuchen und nach Belegen für die Art seines Kleinwuchses suchen.

"Game of Thrones"-Schauspieler Peter Dinklage hat eine spezielle Form, die Achondroplasie. Unter den etwa 200 bekannten Arten von krankhaftem Kleinwuchs gehen etwa drei Viertel aller Fälle auf diesen Gendefekt zurück. Ungefähr eines von 20.000 Neugeborenen kommt mit der Wachstumsstörung auf die Welt.

"Typische Merkmale von Achondroplasie sind verkürzte und verbogene Langknochen. Der Rumpf ist normal ausgebildet. Aber der Schädel vergrößert und mit einer vorgewölbten Stirn", sagt Julia Gresky, Paläopathologin am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin.

Für eine Diagnose arbeiten Forscher bei einem Verdachtsfall am Skelett eine Liste mit typischen Merkmalen ab und schließen andere Erkrankungen aus. Sind nicht mehr alle Knochen des Skeletts erhalten, was bei archäologischen Fällen häufig vorkommt, kann es schwierig werden mit einer Diagnose.

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Grand Egyptian Museum: Die neuen Hallen des Pharao

Zweifel ausräumen könnten DNA-Analysen, doch in der Praxis wird das eher selten gemacht. Denn dafür müssen die Knochen hervorragend erhalten sein. "Und selbst dann hat man nicht immer Glück, dass man das auslösende Gen nachweisen kann", sagt Gresky.

Mehr Glück hatten sie in Hierakonpolis, einer im vierten Jahrtausend vor Christus bedeutenden Ortschaft in Oberägypten. Die auf dem Friedhof gemachten Funde zeigen: Auch hier müssen einst Kleinwüchsige von hohem Rang gelebt haben. Archäologen entdeckten die Überreste von einem Mann und einer Frau, beide Skelette waren auffällig klein, mit kurzen Beinknochen und kleinen Händen. Der Mann war zu Lebzeiten vermutlich nicht größer als 1,20 Meter, die Frau etwa zehn Zentimeter größer.

Zum Zeitpunkt seines Todes hatte der Mann ein Alter zwischen 30 und 40 Jahren erreicht, schätzt die italienische Anthropologin Anna Pieri, die die Fälle Ende Februar auf einer Fachkonferenz vorstellte. Damit gehörte er zu den ältesten Menschen, die auf dem Friedhof bestattet wurden - ein Hinweis auf ein wohl recht sorgenfreies Leben. "Die beiden waren hoch angesehene Mitglieder der Gesellschaft", sagt Pieri. Laut einer Röntgenanalyse könnten die Kleinwüchsigen unter Pseudoachondroplasie gelitten haben, einer angeborenen Form des Kleinwuchses, die der Achondroplasie ähnelt.

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Archäologie: Kleine Menschen, große Macht

Durch weitere Funde von teils auch namentlich bekannten Kleinwüchsigen in exponierten Gräbern sind sich Forscher sicher, dass Kleinwuchs in Ägypten nicht als körperlicher Makel oder Behinderung galt. Text- und Bilddokumente belegen, dass Kleinwüchsige ein privilegiertes Leben bei Hofe führen konnten, vor allem im Alten Reich, jener Epoche im dritten Jahrtausend vor Christus, in der die großen Pyramiden von Gizeh entstanden. Offenbar glaubte man, dass Kleinwüchsige eine besonders gute Verbindung zu den Göttern hatten.

Sogar Gottheiten mit geringer Körpergröße wurden am Nil verehrt. Der Gott Bes sollte Glück bringen, er wurde oft mit Bart und Löwenohren dargestellt. Außerdem, so hofften Schwangere, sollte er Mutter und Kind bei der Geburt schützen.

Schriftlich festgehaltene Moralvorstellungen aus dem alten Ägypten haben diese gleichberechtigte Stellung von Kleinwüchsigen dokumentiert. Ein Papyrus, der dem hohen Beamten Amenemope zugeschrieben wird und heute im Britischen Museum in London liegt, mahnt: Ärgere keine Kleinwüchsigen.

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Massengrab in Uxul: Tod in der Zisterne

Dass es anderswo ähnlich war, ist aus Amerika bekannt. Zwar sind bei der Mayakultur keine eindeutigen Skelettfunde erhalten geblieben. Doch viele kleine Tonfiguren, Szenen auf Steinstelen oder Wandreliefs aus bekannten Mayastädten wie Tikal in Guatemala oder Jaina und Yaxchilan in Mexiko legen nahe, dass Herrscher auch hier häufig den Kontakt zu Kleinwüchsigen suchten. Ihr Status ging über den von reinen Unterhaltern und Hofnarren weit hinaus. Sie wurden bei Zeremonien dargestellt, bei denen sie den Mächtigen assistieren, Musikinstrumente spielen oder Speisen servieren.

Die Kopfbedeckungen der Tonfiguren zeugen von gehobener sozialer Stellung in der Mayagesellschaft. Sie reichen von runden Ballonturbanen bis hin zu gefiedertem Kopfputz, den eigentlich nur Menschen mit wichtigen Funktionen trugen: Herrscher, Priester, Schreiber.

Ähnliche Verehrung für Kleinwüchsige deuten sich auch in den indianischen Kulturen Nord- und Südamerikas an. Bei den Maya, so glauben einige Experten, könnten Kleinwüchsige sogar gelegentlich den Göttern geopfert worden sein. Zum Kreis jener zu gehören, deren Blut für das Wohlwollen der Götter vergossen wurde, galt als durchaus ehrenhaft.

So gesehen könnte Tyrion Lannisters möglicher Serientod tatsächlich ein guter Ausweg sein.


Zusammengefasst: Zwischen der kleinwüchsigen "Game of Thrones"-Figur Tyrion Lannister und archäologischen Befunden gibt es durchaus Parallelen. Im alten Ägypten sind zahlreiche Kleinwüchsige belegt, die gehobene Positionen am Hof des Pharao erreicht hatten. Selbst kleinwüchsige Götter wurden verehrt. Auch in Mittelamerika bei den Maya war es ähnlich. Vermutlich war für die geringe Körpergröße meist Achondroplasie verantwortlich, ein Gendefekt, von dem auch der "Game of Thrones"-Schauspieler Peter Dinklage betroffen ist.



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