Archäologie im Himalaya Das Rätsel vom Knochensee

Am Ufer eines indischen Bergsees liegen die Knochen Hunderter Menschen verstreut. Was passierte vor Jahrhunderten im Himalaya? Eine Studie gibt erste Antworten über die Herkunft der Opfer.
Der Roopkund-See auf 5029 Metern Höhe: "Die Genetik der Skelette überraschte uns sehr"

Der Roopkund-See auf 5029 Metern Höhe: "Die Genetik der Skelette überraschte uns sehr"

Foto: Atish Waghwase

Als der Roopkund-See im indischen Teil des Himalaya seine Bezeichnung erhielt, muss das Landschaftsbild ein ganz anderes gewesen sein - oder sein Namensgeber war besonders großzügig. Denn bei dem Gewässer auf 5029 Metern Höhe handelt es sich nur um einen kleinen Teich. Umso eindrucksvoller ist sein Spitzname: "Skeleton Lake", Skelettsee.

Die Knochen Hunderter menschlicher Skelette säumen Ufer und Seewasser in dem unbesiedelten Gebiet im nördlichen Distrikt Chamoli. Wie hier so viele Menschen zu Tode kamen und warum, gibt Forschern seit Jahrzehnten Rätsel auf. Nun enthüllt eine aktuelle Studie  ein weiteres Puzzleteil. Wissenschaftler um die Harvard-Forscherin Éadaoin Harney fanden heraus, dass nicht ein einzelnes katastrophales Ereignis als Erklärung infrage kommt, sondern dass mehrere Ereignisse zu der großen Zahl an Toten in Höhenlage führten. Zudem stellte sich heraus, dass auch Europäer unter den Opfern sind. Die Geschichte des abgelegenen Ortes ist wohl komplexer, als bisher angenommen.

"Es gibt viele unterschiedliche Annahmen, wer diese Menschen waren, was sie zum Roopkund-See führte und warum sie hier starben", so Niraj Rai vom Birbal Sahni Institute  for Palaeosciences im indischen Lucknow. Waren es Soldaten? Dagegen spricht die relativ hohe Zahl eindeutig weiblicher Individuen und das völlige Fehlen von Waffen. Handelte es sich um Händler und Kaufleute? Auch eher unwahrscheinlich, auf solch gefährlichen Routen würde man ebenfalls keine Frauen erwarten.

Eine Sage beschreibt das grausame Ende einer Wallfahrt

Bis zum heutigen Tage werden in dieser Region alle zwölf Jahre Wallfahrten zu Ehren der Hindu-Göttin Nanda Devi abgehalten, auch der Roopkund-See ist ein Ziel der Reisen. Einer lokalen Sage zufolge, waren einst ein König und seine Gemahlin dort als Pilger unterwegs. Deren unangemessenes Verhalten habe die Berggöttin erzürnt - mit tödlichen Folgen für das gesamte Gefolge.

Inzwischen haben Wanderer und Wallfahrer die Fundstelle am Roopkund-See stark beeinträchtigt, die Knochen liegen auf dem Areal verstreut herum und sind nicht bestattet worden. "Zwar sind manche Skelette teils mit Geröll bedeckt, doch wurde dies wahrscheinlich durch Bergrutsche ausgelöst", erläutert Harney.

Dem Rätsel um den Knochensee ist das Wissenschaftler-Team aus den USA, Indien und Deutschland mit modernsten Methoden zu Leibe gerückt. Mithilfe der Radiokarbon-Datierung konnte nun das Knochenalter bestimmt werden. Demnach starben die Menschen zu ganz unterschiedlichen Zeiten, die in zwei Fällen mindestens 1000 Jahre auseinanderliegen. Während der Todeszeitpunkt der meisten untersuchten Individuen ungefähr auf das Jahr 800 unserer Zeitrechnung fällt, ist es bei 14 weiteren das Jahr 1800.

Die zweitgrößte Gruppe der Toten stammt vom östlichen Mittelmeer

Darüber hinaus ergab die vollständige Sequenzierung des Genoms aus 38 Skeletten, dass sich mindestens drei verschiedene genetische Gruppen unter den Toten befinden. 23 davon ähnelten genetisch den heutigen Menschen aus Indien, wenngleich sie nicht einer einzigen, sondern mehreren der dortigen Populationen entstammen. Die zweitgrößte Gruppe stammt vom östlichen Mittelmeer, sie sind genetisch mit den heutigen Bewohnern Griechenlands und Kretas verwandt. "Die Genetik der Skelette überraschte uns sehr. Dass hier Individuen aus dem Mittelmeerraum gefunden wurden, lässt vermuten, dass Menschen aus der ganzen Welt hierherkamen", sagt Harney.

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Die Europäer gehörten der Gruppe an, die etwa um das Jahr 1800 verstarb. Es handele sich um nicht verwandte Männer und Frauen aus dem vom damaligen Osmanischen Reich kontrollierten Gebiet, heißt es in der Studie. Auch die Rekonstruktion der Ernährungsgewohnheiten mithilfe einer Isotopenmethode untermauert, dass die Menschen zu kulturell unterschiedlichen Gruppen gehörten, so Ayushi Nayak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte  in Jena. Gelöst ist das Rätsel des Knochensees also noch lange nicht.

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