Archäologie Liebe Leserin, lieber Leser,


vor einigen Wochen kontaktierte mich ein Ingenieur, der eine besondere App für Outdoorfans entwickelt hat. Mit der Anwendung kann man sich Wanderrouten auf sein Smartphone laden, die eine völlig andere Ansicht der Natur ermöglichen.

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Heft 45/2019
Über echte und gefühlte Grenzen des Sagbaren

Die dreidimensionalen Oberflächenprofile der App entstehen aus Lidar-Daten (Light Detection and Ranging) und zeigen die Landschaft, wie sie ohne Vegetation aussähe. Diese Technik, für die per Flugzeug der Boden mit Laserstrahlen abgetastet wird, wenden beispielsweise Geoforscher an, um Hochwasservorhersagen zu treffen. Die Daten sind flächendeckend in Deutschland erhoben worden und stehen in einigen Bundesländern sogar gratis zum Download bereit.

Die Technologie hat einen interessant Nebeneffekt: Archäologen können damit am Computer Oberflächenstrukturen ausmachen, die typisch für Überbleibsel von alten Wallanlagen, Wegen oder auch von Grabhügeln sind. Die digitalen Luftbilder deuten so manchmal auf bisher unbekannte Funde im Boden hin, deren Spuren unter Bäumen und Büschen kaum auszumachen wären.

Panthermedia/ imago images

Auch der Ingenieur wollte Wanderern mit seiner App einen neuen Blick auf die Umgebung ermöglichen. Mit den Lidarkarten zeigt sich, was es rechts und links des Weges Spannendes zu entdecken gibt. Kürzlich entdeckte er selbst in der Eifel einen Wall, der offenbar noch nicht bekannt war. Er meldete den Fund dem zuständigen Amt für Bodendenkmalpflege und verfasste auch einen kleinen Tweet zu seiner Entdeckung.

Als die Archäologen vom Amt später den Wall, der möglicherweise aus dem Mittelalter oder der Neuzeit stammt, begutachteten, fanden sie frische Spuren von Raubgräbern im Erdreich. Offenbar hatten Menschen mit Metalldetektoren hier nach spannenden Funden gesucht. Nun liegt der Ingenieur im Streit mit der Bodendenkmalpflege. Die Einrichtung wirft ihm vor, mit seiner Twitter-Mitteilung die Raubgräber angelockt zu haben.

Illegale Raubgräber sind ohnehin ein Problem in der Region, der Ingenieur bemerkte auf seinen Wanderungen zuletzt immer häufiger typische Spuren im Boden. Die Eifel war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs umkämpft wie kaum ein anderer Frontabschnitt. Militaria-Sammler, die hier unterwegs sind, nutzen Sonden, um nach alten Waffen oder Munition zu suchen. Das ist bei Blindgängern im Boden nicht nur gefährlich, die Buddelei stört auch Archäologen. Sie finden später nur noch zerstörte Strukturen vor.

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Die Geschichte berührt die Frage nach dem Umgang mit neuer Technik. Lidardaten oder Hightech-Metallsonden leisten Erstaunliches. Aber sie bergen auch Potenzial für Missbrauch. Sollte man Lidardaten reglementieren oder den Erwerb von Metallsonden an eine Lizenz oder Registrierung koppeln? Schließlich bewegen sich vor allem die sogenannten Sondler häufig in rechtlichen Grauzonen, teils auch unwissentlich. Sie dürfen sich Metallsonden zwar kaufen. Aber sie dürfen archäologische Hinterlassenschaften meist nicht auf eigene Faust ausgraben. Dabei wollen viele Sondengänger die Forscher bei ihrer Arbeit unterstützen.

Helfen kann derzeit eigentlich nur ein Ansatz, den viele Bodendenkmalpflegeämter erfolgreich umsetzen, auch das für die Eifel zuständige: Sie bieten Kurse für Ehrenamtliche an, in denen diese archäologisches Basiswissen vermittelt bekommen und lernen, ihre Sonden im Dienst der Forschung einzusetzen. Bevor es eine Genehmigung für bestimmte Flächen gibt, müssen die Sondler richtig pauken. In Nordrhein-Westfalen ist die Broschüre "Sondengänger und Archäologie" 68 Seiten lang.

Schwierig ist nur: Die Arbeit mit Sondlern bindet inzwischen ziemlich viel Kapazitäten in den nicht gerade üppig ausgestatteten Behörden. Vielleicht ließe sich hier zuerst nachbessern.

Herzlich

Ihr Jörg Römer

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Achtung, nur für starke Nerven: Diese Geschichte über blutsaugende Insekten passt gut in die Halloween-Woche. Sie dürfte den ein oder anderen Leser mit ekligen Bildern schocken.
  • Dieses Jahr feiert das Deutsche Archäologische Institut seinen 190. Geburtstag. Wie man die Geschichte einer der weltweit wichtigsten Forschungseinrichtungen für Archäologie nett aufbereiten kann? In einem Comic.
  • Die Wahlergebnisse aus Europas Ländern verzeichneten zuletzt Zuwächse für Populisten und Extremisten: Der Multikulturalismus hat es derzeit schwer. Dabei erhalten Forscher immer mehr Hinweise darauf, dass es schon vor Tausenden Jahren in Europa ziemlich bunt zuging.
  • Der Teppich von Bayeux gilt als beeindruckendes Zeugnis des mittelalterlichen Stickhandwerks. Über die Herkunft des fast 70 Meter langen Tuchs, das zahlreiche Szenen der Eroberung Englands durch die Normannen im 11. Jahrhundert festhält, waren Historiker unterschiedlicher Meinung. Nun liefert eine Theorie neue Details.
  • Derzeit streiten Sportwissenschaftler, Langstreckenläufer und Leichtathletikfunktionäre über einen neuen Laufschuh der Firma Nike. Offenbar sind Athleten mit einem Ausrüstervertrag der US-Marke dank des Schuhs ihren Konkurrenten um einige Schritt voraus. Sollten die Wunderschuhe verboten werden?
  • Die britische Ärzteorganisation (BMA) hat sich bei Medizinerinnen entschuldigt, die im Laufe ihrer Karriere schon einmal Opfer von sexueller Belästigung wurden. Eine Untersuchung hatte zuvor offengelegt, dass Frauen in der Organisation diskriminiert und in einigen Fällen sexuell belästigt worden waren.

Quiz*

Welche Abkürzung verbirgt sich hinter dem OMG-Teilchen?

Was ist das besondere bei der Fortpflanzung von Seepferdchen?

Wie lautete die Erklärung für ein Krötensterben, das 2005 in Hamburg beobachtet wurde? Dabei pumpten sich Hunderte Tiere so lange mit Luft auf, bis sie explodierten.

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

Britta Jaschinski/ laif

Wie ein bizarres Kaufhaus des Schreckens wirkt das National Wildlife Property Repository im US-Bundesstaat Colorado. Hier werden rund 1,3 Millionen Wildtier-Objekte gelagert, die Behörden beschlagnahmt haben: Hocker aus Elefantenfüßen, Hausschuhe aus Bärentatzen - und ein Zebrakopf, präpariert als Trophäe und aufbewahrt in einem Einkaufswagen. Damit wird er durchs Depot transportiert.

Fußnote

300 Millisekunden dauert es höchstens, bis Zuhörer einen beliebten Song wiedererkennen - dann weiten sich ihre Pupillen, und im Gehirn beginnt ein Feuerwerk der Glücksgefühle, das bei Konzerten bisweilen ekstatischen Jubel im Publikum aufbranden lässt. Teils dauerte es sogar nur 100 Millisekunden. Diese erstaunlich kurze Reaktionszeit haben Hirnforscher um Maria Chait vom University College London bei Versuchspersonen gemessen.

Die SPIEGEL+- Empfehlungen aus der Wissenschaft

  • Computer: Wie die Erschaffung einer künstlichen Intelligenz gelingen kann
  • Umwelt: Biologen haben eine Volkszählung der Regenwürmer vollbracht - mit verblüffenden Entdeckungen
  • Medizin: Leidet wirklich jede zehnte Frau unter krankhaft dicken Beinen?
  • Geschichte: Das skurrile Leben des amerikanischen Wunderheilers Norman Baker

* Quiz-Antworten: OMG steht für das Oh-My-God-Teilchen, ein hochenergetischer Partikel der kosmischen Strahlung / Bei Seepferdchen werden die Männchen trächtig. Zuvor spritzen die Weibchen ihre Eier in eine Bauchtasche der männlichen Tiere / Krähen hatten die Kröten angepickt und deren Leber verspeist, lautete die Erklärung eines Tierarztes. Bei Bedrohung pumpen sich Kröten auf. Die Leber dient dabei als mechanischer Widerstand für die Lunge. Durch das fehlende Organ und das Loch im Körper rissen die Gefäße und die übrigen Organe quollen aus den Tieren hervor.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
goliath1980 02.11.2019
1. Die Himmelscheibe von Nebra.
Ist wohl der wertvollste (Einzel) Gegenstand den Deutschland besitzt. Gefunden von Sondengängern die dafür bestraft wurden. Fakt ist, das ohne diese "Straftat", die Scheibe wahrscheinlich nie gefunden worden wäre! Das kann man verstehen-muss man aber nicht,oder?
whitewisent 02.11.2019
2.
"Die Arbeit mit Sondlern bindet inzwischen ziemlich viel Kapazitäten in den nicht gerade üppig ausgestatteten Behörden." Ich durfte als Kind mal bei einer Ausgrabung teilnehmen. Und habe seitdem sowohl viel Respekt für Archäologen hinsichtlich der theoretischen Arbeit, aber sehe seitdem einen großen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Menschen dieses Fachbereichs erheben tatsächlich den Anspruch, die Einzigen zu sein, welche ein Anrecht haben, in der Erde nach Funden der Vergangenheit zu suchen. Nur entschuldigen sie es Jahr für Jahr, dass Nichts geschieht, weil sie weder über das Personal noch über die Finanzen verfügen. Im Zweifelsfall wählt man dann auch lieber eine Fundestelle im Mittelmehrraum oder Südostasien, und nicht in der Osteifel oder der Südlausitz. Selbst hier mitten in Berlin wird nicht das Recht genutzt, dass Mittelalter zu finden. Man steckt zwar den Claim ab, und behindert damit Verkehr und Baustellen, nur dann wartet man darauf, das Gratisstudenten als Helferlein kommen, um ab und zu mal paar Steine umzugraben. Aber das natürlich wie vor 100 Jahren milimetergenau auf Papier dokumentiert, denn Technik ist entweder zu teuer oder ungeeignet für den Außeneinsatz (sry kein Witz, nichtmal genügend Stromkabel für den Außenbereich gabs bei meinem letzten Besuch (Akkus wurden in der nahen Bäckerei aufgeladen). Es ist also nicht allein das "Raubgräbertum", was hier das Problem ist, sondern dass ein Fachbereich seine kulturellen und gesellschaftlichen Aufgaben nicht einmal konzeptionell erfüllen will.
holzghetto 02.11.2019
3. nunja
ich habe zwar selbst eine Sonde, habe diese aber seit 10 Jahren nicht mehr benutzt. Wenn man o.g. Texte etwas überspitzt deutet, dann wird da eine Metallsonde mit einer Schusswaffe gleichgesetzt! Das Sondengesetz ist leider sehr unausgereift da man ja auf dem eigenen Grundstück frei sondeln darf. ;) Das kann auch gerne auf einem Wikingerfriedhof liegen da hat das Land garnix einzuwenden, es sei denn es wurde langwierig vor Gericht erstritten das dort das Sondeln verboten ist. Bis das passiert ist wurde alles ausgebuddelt. Ich selbst bin für geschichtliche Aufarbeitung aber man sollte hier eindeutig differenzieren, da man Sonden nicht nur im Fachhandel sondern auch über die Weiten des Internets beziehen kann.
proffessor_hugo 02.11.2019
4.
Kann mich #1 nur anschließen. Auch in der Paläoontologie ist das so. Die beambteten "Fachleute" bleiben doch lieber im Büro. Beispiele sind u.a. das Römerlager im Harzvorland und unzählige Fossilien....
darthmax 02.11.2019
5. Suchen und finden
Der Staat muss dann eben selbst mal Sondengänger beschöftigen, z. Frühpensionäre, denen frische Luft gut tut. Die Fundstücke der Grabräuber wären sonst auch zum Teil verloren, und waren die Archäologen früher nicht selbst Schatzräuber. Die Herkunft der Museumsstücke ist zumeist sehr zweifelhaft, angefangen beu Nofretete bis hin zur Museumsinsel oder dem britischen Museum. Wenn es für die Finder vom Staat Geld und Anerkennung gibt, dann wäre es alles legaler.
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