Satellitenbild der Woche Wer ist der Keulenschwinger von Cerne Abbas?

Im Südwesten Englands prangt ein Riese mit Keule. Nun glauben Archäologen das Alter des Scharrbilds herausgefunden zu haben – das Ergebnis hat sie überrascht.
Satellitenaufnahme des Riesen von Cerne Abbas

Satellitenaufnahme des Riesen von Cerne Abbas

Foto: Google Earth

Lange glaubten Wissenschaftler, das Scharrbild von Cerne Abbas in der englischen Grafschaft Dorset müsste entweder prähistorisch sein – oder neuzeitlich. Nun zeigt sich: Beide Theorien sind vermutlich falsch. Die Figur, die einen nackten Mann mit Keule zeigt, stammt demnach aus der Zeit irgendwann dazwischen, dem Mittelalter. Doch wer ist der 55 Meter lange Riese von Cerne Abbas?

Bekannt ist die Figur mindestens seit 1694, in dem Jahr hatte ein Kirchenvorsteher das Scharrbild erwähnt und es restaurieren lassen. Bis heute muss das Bildnis regelmäßig gepflegt werden, damit es nicht zuwuchert. Ursprünglich wurden die Linien wahrscheinlich mit Spitzhacken in den Boden geschlagen und anschließend mit Kreide gefüllt. Dadurch erscheint die Figur leuchtend weiß.

»Nun, sie lagen alle falsch«

Nun berichten Archäologinnen und Archäologen des National Trust , eine gemeinnützige Organisation der Denkmalpflege, der Keulenschwinger von Cerne Abbas muss irgendwann zwischen 700 und 1100 nach Christus in den Boden gehauen worden sein – also im Mittelalter. »Das ist nicht, was wir erwartet haben«, sagte Geoarchäologe Mike Allen, der an dem Projekt beteiligt war. »Viele Archäologen und Historiker gingen davon aus, dass das Scharrbild prähistorisch oder nachmittelalterlich ist, aber nicht mittelalterlich. Nun, sie lagen alle falsch.«

So sieht der Riese aus der Nähe aus

So sieht der Riese aus der Nähe aus

Foto: Alamy / Purple Pilchards / mauritius images / Alamy / Purple Pilchards

Um das Alter des Scharrbilds zu klären, hatten Wissenschaftler Proben aus den tiefsten Schichten der Konturen genommen und diese datiert. Dafür nutzten sie die sogenannte Thermolumineszenz. Dabei werden die Proben erwärmt, bis die darin enthaltenen Minerale, in diesem Fall Quarz, beginnen zu leuchten. Daraus lässt sich schließen, wann die in der Probe enthaltenen Sandkörner zuletzt dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen sein müssen. Das Ergebnis: Der Riese von Cerne Abbas kann nicht vor dem Jahr 700 entstanden sein.

Zuvor gab es zahlreiche Spekulationen, wie alt das Gebilde sein dürfte. Zeigt es ein prähistorisches Fruchtbarkeitssymbol? Den berühmten Herkules aus römischer Zeit? Oder vielleicht sogar den englischen Staatsmann Oliver Cromwell aus dem 17. Jahrhundert? Es gab auch die Überlieferung, Vorbild sei ein echter Riese gewesen, der den Südwesten Englands terrorisierte, bevor ihn Einheimische niederstreckten und die Umrisse des Leichnams in den Boden kratzten. Doch das nun ermittelte Alter will zu keiner dieser Theorien so recht passen.

Ist der Riese ein angelsächsischer Gott?

Die Forscherinnen und Forscher präsentieren eine weitere Erklärung: Im Jahr 987, also in etwa zu der Zeit, als das Bildnis entstanden sein könnte, wurde in unmittelbarer Nähe des Riesen das Kloster von Cerne gegründet. Laut einigen Quellen sollten die dort lebenden Geistlichen die heidnischen Bewohner von ihrem Glauben an einen angelsächsischen Gott namens Heil oder Helith abbringen. Ist der Riese womöglich die Darstellung dieses Gottes?

Möglich wäre es. Allerdings wird das Bildnis in den Aufzeichnungen des Klosters nicht mit einem Wort erwähnt. Und warum sollte ein reiches und berühmtes Kloster die gigantischen Umrisse eines nackten Mannes akzeptieren, nur wenige Meter von der Abtei entfernt? Laut weiteren Proben könnte der Riese zudem noch deutlich jünger sein und in die Zeit um 1560 gehören.

Die Archäologen stellt das vor ein Rätsel. Sie vermuten nun, der Riese könnte irgendwann um das Jahr 700 entstanden, dann aber für einige Jahrhunderte in Vergessenheit geraten sein, ehe er wiederentdeckt wurde. »Als wir mit unserer Arbeit begannen, hatten sich einige gewünscht, das Alter des Riesen würde für immer ein Rätsel bleiben«, sagte Archäologe Martin Papworth. Aber es sei nun mal Aufgabe von Archäologen, mithilfe der Wissenschaft Antworten zu finden. »Nun sind wir der Wahrheit etwas nähergekommen«, so Papworths Fazit. »Aber den Riesen umweht noch immer ein Hauch von Geheimnis. Also sind alle glücklich, denke ich.«

koe
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