Besiedlung Amerikas Forscher finden Mammut-Schlachtplatz von Paläo-Indianern

In einem Flussbett in Florida fanden Forscher Artefakte einer eiszeitlichen Mammut-Schlachtung. Der Fund stellt die zeitliche Abfolge der Besiedlungsgeschichte Amerikas infrage.

Brendan Fenerty

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Es sind rund 6800 Kilometer von Wales, einem Dorf in Alaska, direkt an der Beringstraße, nach Tallahassee, Florida - allerdings nur, wenn man fliegen kann: Die Strecke entspricht fast der längstmöglichen Diagonale quer durch den nordamerikanischen Kontinent.

Es ist schwer vorstellbar, was das bedeutet haben mag, wenn man sich diese Distanz in der letzten Eiszeit zu Fuß erschließen musste - auf einem gänzlich unbesiedelten Kontinent voller Wälder und Steppen, mit einer Megafauna, bei der nicht immer vorab klar war, ob nun Mensch oder Tier zur Beute wurde.

Die ersten verstreuten Menschengruppen, die da irgendwann den Landweg von Asien nach Amerika fanden, eroberten ihren neuen Kontinent Stück für Stück. Sie liefen und jagten, blieben, wo sie Beute fanden, zogen weiter, wenn die knapp wurde. Stetig bewegten sie sich südwärts. In den Maßstäben der Prähistorie hatten sie es sogar eilig. Innerhalb weniger Jahrhunderte hinterließen sie ihre Spuren von Alaska bis Chile.

In den letzten Jahren setzte man den Beginn dieser Eroberung eines Kontinents immer früher an, zuletzt zu einem Zeitpunkt vor etwa 14.300 Jahren. In Florida aber landeten Menschen angeblich erst vor rund 13.000 Jahren. Denn erst Clovis-Jäger, Angehörige der ersten eigenständig in Amerika entstandenen Kultur, sollen die südlichen Teile der Nordhälfte Amerikas erschlossen haben.

Jetzt stellt sich heraus: Da war schon vorher jemand - und zwar viel früher.

Forscher verschiedener US-Unis unter Leitung von Jessi Halligan von der Florida State University fanden im Fluss Aucilla Artefakte und Knochen, die sie mithilfe von Radiokarbon-Analysen auf ein Alter von 14.550 Jahren taxierten. Damit wären sie nicht nur rund 1300 Jahre älter als die bisher ältesten bekannten Clovis-Funde. Es würde auch bedeuten, dass die Paläo-Indianer von Tallahassee rund zweihundert Jahre früher in Florida lebten, als die ersten Menschen laut Lehrmeinung Amerika überhaupt erreichten - was offensichtlich unmöglich ist.

Deshalb stellt der Fund die zeitliche Abfolge der durch archäologische Funde belegten Kolonisierungsgeschichte Amerikas einmal mehr infrage. Er stützt dagegen die Taxierung, zu der Forscher in den letzten Jahren mithilfe gentechnischer Methoden gekommen sind: Die gehen davon aus, dass die Erstbesiedlung vor rund 15.000 Jahren erfolgt sein muss. Das würde zu den Funden in Florida passen.

Paläo-Indianer: Schlachter oder Ausweider?

"Das ist echt wichtig", sagt Jessi Halligan, Hauptautorin der im Fachjournal "Science Advances" veröffentlichten Studie: "Das weist uns Wissenschaftlern eine ganz neue Richtung, in der wir nachforschen müssen, um die Siedlungsgeschichte Amerikas zu verstehen."

Womit sie auch die Möglichkeiten meint, die hier die Unterwasser-Archäologie bietet: Halligan und ihr Kollege Michael Waters waren auf Aufzeichnungen über eiszeitliche Funde gestoßen, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren im Fluss Aucilla gemacht wurden. Der Fundort wurde Page-Ladson genannt: Buddy Page war der Taucher, der die erste steinzeitliche Waffe im Fluss fand, der Familie Ladson gehörte der Grund. Doch damals wurden die Funde kaum beachtet, weil man sie für zu alt hielt, um plausibel zu sein: Man ging davon aus, dass sie zeitlich falsch eingeschätzt wurden, nachdem sie Jahrtausende im Wasser lagen.

Halligan und Waters, beide selbst Taucher, beschlossen, genauer nachzusehen. Und sie sammelten nicht nur am Grund des Flusses, sondern sie gruben frische Artefakte aus dem mehrere Meter dicken Sediment: Über zwei Jahre zogen sich die Ausgrabungen.

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Erlegtes Mastodon: Großwildjagd vor 13.800 Jahren

Neben Knochen eines Mastodons, der amerikanischen Mammutversion, die zum Teil äußerst deutliche Schnittspuren aufwiesen, fanden sie auch zahlreiche Werkzeuge und Waffen, die einwandfrei einer Vor-Clovis-Kultur zuzuordnen sind.

Es ist möglich, dass Page-Ladson der Ort war, an dem eine Jagd endete. Auf jeden Fall verendete dort ein Mammut und wurde von steinzeitlichen Jägern zerlegt, die möglicherweise auch Hunde bei sich hatten. Neben Schnitt- deuten Bissspuren darauf hin. Möglich ist aber auch, dass sie das Tier verendet fanden und ausweideten.

So oder so findet Halligan die Ergebnisse der Page-Ladson-Funde aufregend: "Wir dachten, wir wüssten die Antwort auf die Frage, wann und wie wir hierher gekommen sind, und nun verändert sich diese Geschichte wieder."

Amerikas Siedlungsgeschichte: spärlich belegt

Die Besiedlungsgeschichte Amerikas ist notorisch umstritten. Über Jahre vertraten die meisten Wissenschaftler die Meinung, dass es vor der Clovis-Kultur vor circa 13.000 Jahren keine Menschen auf den amerikanischen Kontinenten gegeben habe. Das wurde sowohl mit gentechnischen, als auch mittels archäologischer Funde in den letzten Jahren widerlegt.

Als überholt gilt auch die Theorie mehrerer Einwanderungswellen an verschiedenen Punkten der amerikanischen Kontinente: Gen-Sequenzierungen bewiesen, dass alle indigenen Völker Amerikas von einer Einwandererwelle abstammen.

Auch die wirft aber noch genügend Fragen auf. Genmethoden deuten auf eine Einwanderung vor circa 15.000 Jahren hin, für die es bisher aber keine hinreichenden archäologischen Belege gab. Zudem zeigen die Genanalysen, dass sich das Genom dieser nach Amerika einwandernden Asien-Auswanderer bereits vor mehr als 25.000 Jahren vom Genom der Asiaten getrennt haben muss - eine lange Zeit unerklärte Lücke von mehr als 10.000 Jahren.

Inzwischen geht man davon aus, dass die späteren Paläo-Indianer diese Jahrtausende auf der Landbrücke Beringia verbracht haben könnten: In der betreffenden Phase der Eiszeit bot diese offenbar ein vergleichsweise mildes Klima und eine Landschaft weiter Grassteppen, die ideale Jagdreviere waren. Die späteren indigenen Amerikaner könnten somit Klimaflüchtlinge eines am Ende der Eiszeit versinkenden Landes gewesen sein.

Der Tod der Megafauna: Menschenwerk?

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Großfauna: Die Stars des Eiszeit-Zoos

Der Fund in Florida hat noch eine Art Nebenergebnis: Er nimmt den eiszeitlichen Amerika-Einwanderern ein wenig von ihrem Killer-Image. Solange man davon ausging, dass die erste Besiedlung Amerikas durch die Clovis-Leute geschah, fiel dies zeitlich perfekt zusammen mit dem Aussterben der dortigen Megafauna. Es sah so aus, als hätte der Mensch Mastodon und Säbelzahntiger innerhalb kurzer Zeit hinweggerafft - so wie überall in der nördlichen Hemisphäre.

Neben drei, vier weiteren Fundorten auf dem Doppelkontinent belegt nun auch der Page-Ladson-Fund, dass Menschen und Megafauna über mehr als 2000 Jahre koexistierten. Das lässt zwar die Möglichkeit weiterhin offen, dass der technologische Fortschritt der Clovis-Kultur der finale Faktor bei der Ausrottung der Megafauna war, deutet aber eher auf etwas anderes hin: eine zeitliche Koinzidenz.

Denn auch das Klima veränderte sich vor 13.000 Jahren ja deutlich - das Ende der Eiszeit brachte das Ende der Megafauna und zeitgleich den Aufstieg des Menschen. Gut möglich, dass die Veränderung der Biotope uns diesen Aufstieg erst ermöglichte, und der Megafauna zugleich das Überleben unmöglich machte - ein zeitliches Zusammentreffen von Faktoren, die für die einen nützlich, für die anderen tödlich waren.

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