Archäologie Mathe-Genies in der britischen Wildnis

Tätowierte Wilde, die den Römern in England das Leben schwer machten - so sahen Historiker den Stamm der Pikten. Nun zeigen Ausgrabungen, dass die finsteren Krieger in Wahrheit hochgebildet waren. Sie fertigten kostbare Bücher und kannten die mathematische Formel für den Goldenen Schnitt.


Kaiser Hadrian hatte ein echtes Problem mit ihnen. Um die Pikten aus dem römischen Reich herauszuhalten, ließ er im Jahr 122 drei Legionen antreten, die auf 120 Kilometern Länge eine drei Meter dicke und mindestens vier Meter hohe Mauer auftürmten. Dazu kamen auf jeder Seite noch ein tiefer Graben, teilweise gefüllt mit angespitzten Holzpfählen. Der germanische Limes war ein Witz gegen dieses Bollwerk. Wer waren die Pikten - diese finsteren, aggressiven Krieger - die den Kaiser zum Bau einer solchen Anlage veranlassten?

Ganz so wild waren sie womöglich gar nicht, denn nur wenige Jahrhunderte später bildeten sie ein hochgebildetes Volk, wie Ausgrabungen in Portmahomack, einem kleinen Fischerdorf im Norden der schottischen Halbinsel Tarbat, jetzt gezeigt haben. "Die Pikten waren den Römern gegenüber einfach nicht besonders kooperativ”, sagt Martin Carver von der University of York, Leiter des Tarbat Discovery Programs. Er fand in den Ruinen der St. Colman's Church von Portmahomack und der näheren Umgebung eine Klosteranlage aus dem 6. Jahrhundert.

Hier schrieben Mönche Bücher ähnlich dem berühmten irischen Book of Kells, das mit seinen detaillierten Buchmalereien heute als eines der kostbarsten Bücher der Welt gilt. Sie fertigten im großen Maßstab Altargeschirr für die während der Christianisierung Schottlands neu gegründeten Klöster. Sie schufen beeindruckende Steinskulpturen mit piktischen Motiven auf christlichen Kreuzen. Und sie kannten den Goldenen Schnitt - jenes mathematische Verhältnis, nach dem auch die Cheopspyramide von Gizeh, die Akropolis von Athen und die Kathedrale Notre Dame in Paris gebaut wurden. Mitten im angeblich so wilden Piktenland saßen also Gelehrte, die in Sachen Kunst und Kultur den Angelsachsen im Süden Britanniens weit voraus waren.

Tätowierte Kämpfer?

So haben wir uns die Pikten beim besten Willen nicht vorgestellt. Was wir über sie wissen, stammt meist aus der Feder ihrer Feinde, der Römer. In den Berichten der Historiker erscheinen sie wie Figuren aus einem Alptraum. Im zweiten Jahrhundert sind die Pikten noch ein lockerer Zusammenschluss verschiedener Stämme. Einigkeit demonstrieren sie nur, wenn es darum geht, den Norden der Provinz Britannien mit ständigen Überfällen zu malträtieren.

Der Name Pikten kommt vom lateinischen "picti" - die Bemalten. Ihre Haut soll blau gewesen sein. Das ist archäologisch nur schwer nachzuweisen. Aber wahrscheinlich waren die Pikten tätowiert - was für die Soldaten aus den römischen Provinzen ein furchterregender Anblick gewesen sein muss. Außerdem sagte man ihnen nach, dass sie das Matriarchat pflegten, also die Erbfolge nach der weiblichen Linie festlegten. Für die Römer - die nie eine Frau an der Spitze des Staates duldeten – unvorstellbar. Bei dieser Interpretation handelt es sich allerdings um ein Missverständnis. Der angelsächsische Benediktinermönch Beda Venerabilis schrieb im 8. Jahrhundert, dass sich die Pikten nur in Streitfällen um die Thronfolge nach der Blutslinie der Mutter richteten.

Im 6. Jahrhundert dann bekamen die Pikten hohen Besuch. Columban von Iona, einer der zwölf Apostel Irlands, versuchte unter den widerspenstigen Stämmen zu missionieren. Keine leichte Aufgabe - er musste es sogar mit dem Ungeheuer von Loch Ness aufnehmen. Als Columban sah, wie Nessie sich einem badenden Pikten näherte, schlug er das Kreuz und rief: "Nicht mehr weiter! Berühre ihn nicht!”, woraufhin das Ungeheuer von dem Schwimmer abließ und untertauchte. In etwa jenen Jahren wird in Portmahomack das Kloster gebaut.

Doch Ausgräber Martin Carver glaubt nicht, dass der Besuch des heiligen Mannes der Anlass war. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein einzelner Mönch daherkommt, und plötzlich alle in Portmahomack das Christentum toll fanden." Der Glaube, so der Archäologe, sei schließlich nichts, was man an- oder abschalten könne. Vielmehr hätten die Anfänge des Klosters in der Tradition der keltischen Religion gestanden. "In der Zeit vor dem Christentum gab es Druiden, Barden, Seher”, sagt Carver. "Das waren sehr gebildete Leute, denen das Volk vertraute. Erst nach und nach wurden die Ideen des Christentums in dieses religiöse System integriert.”



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