Archäologie Trockener Bodensee lockt Raubgräber an

Der Wasserstand des Bodensees ist so niedrig wie schon lange nicht mehr. Archäologen sehen das mit gemischten Gefühlen: Einerseits können sie nun leichter nach Spuren aus alter Zeit suchen, das Gleiche gilt aber auch für Raubgräber.


Der tiefe Wasserstand am Bodensee freut die Archäologen, denn er begünstigt die Forschungsarbeiten. Die Wissenschaftler haben aber auch ein Problem: Der niedrige Pegel lockt immer wieder Raubgräber an, die großen Schaden anrichten, wie Urs Leuzinger, Konservator beim Thurgauer Amt für Archäologie in Frauenfeld, sagte. Der erste "Detektor-Gänger" sei bereits gesichtet und der Polizei gemeldet worden.

Und die Situation wird sich zunächst wohl nicht bessern: Der Wasserstand des Bodensees wird voraussichtlich in den kommenden Monaten noch weiter sinken, bis ihn im Frühjahr 2006 die Schneeschmelze in den Alpen wieder auffüllen wird.


Der Bodensee war in der Jungsteinzeit ein wichtiges Siedlungsgebiet, wie zahlreiche Funde aus den vergangenen zehn Jahren nahe legen. Das Absinken des Wasserstandes begünstige archäologische Untersuchungen am Ufer und in den ufernahen Bereichen, sagte Leuzinger. Es komme aber immer wieder vor, dass Raubgräber mit Metalldetektoren die Ufer absuchten und Fundstücke ausbuddelten. Die wertvollen Gegenstände landeten dann entweder in der Privatsammlung der Langfinger oder in Internet-Auktionen.

Diese Art von Hobby-Archäologie sei in der Schweiz gesetzlich verboten, betont Leuzinger. Bei räuberischen Grabungen würden die Fundobjekte zudem völlig aus dem Zusammenhang gerissen, so dass nachträglich nicht mehr festgestellt werden könne, aus welchen Schichten und aus welchem Umfeld sie stammten. Aus Sicht der Archäologie entstehe dadurch großer Schaden. Allerdings gebe es auch Hobby-Archäologen, die mit den Fachleuten zusammenarbeiteten, ihre Funde mit den Metalldetektoren markierten und dem Amt für Archäologie zur Bergung meldeten.

Leuzinger erläuterte am Fall des ältestens bekannten Goldbechers in Europa die Problematik: Den Becher entdeckte ein Raubgräber beim Eisenbahnbau 1906 nahe Eschenz. Das 4000 Jahre alte Gefäß gelangte erst 1977, also über 70 Jahre nach dem Fund, in den Besitz der Behörden. Der Becher könne nicht in einen Zusammenhang gebracht werden, weil nicht bekannt sei, aus welcher Schicht er stamme und ob er sich eventuell als Beigabe in einem Grab befunden habe.



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