Archäologie "Wir müssen das Image des Schatzsuchers ablegen"

Statuen, Schmuck, Grabbeilagen: Spektakulär erscheint die Archäologe vor allem, wenn alte Reichtümer geborgen werden. Im Interview mit "National Geographic" erklärt Hermann Parziger, wieso Archäologen das Schatzsucher-Image trotzdem loswerden wollen.

Archäologische Funde: Studenten besichtigen die Mondpyramide in Teotihuacan, Mexiko
DPA

Archäologische Funde: Studenten besichtigen die Mondpyramide in Teotihuacan, Mexiko


Frage: Herr Professor Parzinger, darf man Sie als Schatzsucher bezeichnen?

Parzinger: Dieses Image wird ein Archäologe wohl nie ganz los, vor allem, wenn er tatsächlich Schätze findet. Aber das ist nicht unser Anliegen. Wir rekonstruieren Geschichte anhand von Objekten, die wir bei unseren Ausgrabungen finden. Dennoch: Ich erfreue mich gern an schönen Dingen.

Frage: Bekannt wird als Archäologe vor allem, wer einen Goldschatz entdeckt. Nicht unbedingt, wer Keramikscherben analysiert.

Parzinger: Es ist wie immer im Leben: Das Spektakuläre sorgt für Schlagzeilen. So ist es bei unserer Arbeit, und so ist es in den Museen. Natürlich freuen wir uns, wenn wir herausragende Fundstücke präsentieren können. Es wird jedoch Zeit, dass wir das Image des Schatzsuchers ablegen.

Frage: Gar nicht so leicht. Archäologie ist die publikumswirksamste historische Disziplin. Und fast immer werden die Archäologen als Abenteurer präsentiert. Wird das dieser Wissenschaft gerecht?

Parzinger: Wir machen unsere Arbeit nicht aus Abenteuersucht. Aber in den Medien - Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sender - bemisst sich Erfolg an Auflagen und Einschaltquoten. Wenn wir Wissenschaftler erfolgreich mit den Medien zusammenarbeiten wollen, müssen wir diese Mechanismen verstehen. Entscheidend ist, dass wir bei der Wahrheit bleiben und nicht die Grenze zur Unseriosität überschreiten. Aber das hat jeder Archäologe selbst in der Hand.

Frage: Wandelt sich Archäologie durch ihre Popularisierung?

Parzinger: Das glaube ich nicht. Was sich wandelt, ist allenfalls das Bewusstsein des Archäologen, dass er offen sein muss für die Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit. Also: raus aus dem Elfenbeinturm. Das muss der Archäologe wissen. Und er hat es ja relativ leicht. Andere Wissenschaften können nicht so fotogene Objekte aufbieten. Dazu die Landschaften, in denen wir arbeiten. Und wir haben eine Menge zu erzählen. In Russland muss der Archäologe schon mal mit dem Landrat Wodka trinken. Er stellt Arbeiter an und ist ein richtiger Kleinunternehmer. Ständig hat er es mit unterschiedlichen Menschen zu tun.

Frage: Leistet eine solche Art der Präsentation in den Medien nicht einer Banalisierung dieser Wissenschaft Vorschub?

Parzinger: Nur dann, wenn unsere Arbeit auf das reine "Suchen und Finden" reduziert wird. Das ist jedoch nur ein Teil der archäologischen Forschungstätigkeit. Und oft sind es ja ganz unscheinbare Dinge, die entscheidende Erkenntnisse liefern. Es gibt nur wenige historische Wissenschaften, die - wie die Archäologie - immer noch von sich behaupten können, dass durch eine Entdeckung ein bestimmtes Geschichtsbild völlig auf den Kopf gestellt werden kann. Das macht die Archäologie auch für mich so faszinierend.

Frage: Zum Beispiel?

Parzinger: Nehmen wir den skythischen Goldfund von Arschan. Man kannte goldreiche Königsgräber aus der Ukraine, aus Gebieten weiter östlich aber nicht. Man konnte sich nicht vorstellen, dass es so weit entfernt von den antiken Hochkulturen so reiche Gräber und eine so weit entwickelte Goldschmiedekunst gab. Dieser Fund hat unser Bild von den Herrschaftseliten der reiternomadischen Völker Sibiriens grundlegend verändert.

Frage: Im 18. und 19. Jahrhundert hatten Archäologen vor allem die Aufgabe, die imperialen Museen in Berlin, London und Paris mit Fundstücken zu füllen. Später ging es eher um kunstgeschichtliche Fragen. Worum dreht sich die Forschung heute?

Parzinger: Wir wollen historische und soziale Prozesse verstehen. Wie handelte der Mensch in bestimmten Situationen? Wie entwickelten sich aus Siedlungen die ersten Städte. Wie organisierte und verwaltete man große Bevölkerungsballungen? Wann begann die Arbeitsteilung? Wann bildeten sich Eliten heraus, und wie setzten sie sich im Hausbau und im Grabritual von der übrigen Bevölkerung ab? Warum entstanden öffentliche Strukturen, etwa Tempel und Kultplätze. Ganz wichtig: Wie beeinflussten Klima- und Landschaftsveränderungen die Lebensweise?

Frage: Das sind auch heute aktuelle Fragen...

Parzinger: Viele Dinge, die wir Archäologen erforschen, sind in der Tat für unsere heutige Zeit von großer Bedeutung. Nehmen Sie die Maya. Ihre Städte waren bereits aufgegeben, als die Spanier nach Mittelamerika kamen. Offenbar war dieser Niedergang auch selbst verschuldet, weil sich die Maya durch unkluges Wirtschaften ihre eigene Lebengrundlage zerstörten. Das führte dazu, dass eine wachsende Bevölkerung nicht mehr ernährt werden konnte. Die Kultur ging zugrunde. Das ist überhaupt eine der zentralen historischen Fragen: Wie entstanden Hochkulturen - und warum verschwanden die dann wieder.

Frage: Bei der Erforschung der Skythen geht es auch um Immigration.

Parzinger: Es gab immer Gruppen, die von irgendwo zugewandert sind. Interessant ist aber, wie sie in bestehende Kulturen integriert wurden. Da gibt es ganz viele verschiedene Muster. Wir wissen von eingewanderten Eliten, die die Macht an sich rissen und eine neue Herrschaftsdynastie ausbildeten, ohne dass sich diese Entwicklung in der materiellen Kultur und damit auch im archäologischen Fundgut niederschlug. Das ist doch ungemein spannend, auch für unsere Zeit und unsere heutige Gesellschaft.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
molinero, 30.01.2011
1. Mikro-Archäologie
Zitat von sysopStatuen, Schmuck, Grabbeilagen: Spektakulär erscheint die Archäologe vor allem, wenn alte Reichtümer geborgen werden. Im Interview mit dem "National Geographic" erklärt Hermann Parziger, wieso Archäologen das Schatzsucher-Image trotzdem loswerden wollen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,741800,00.html
Klar dass die Einbeziehung der modernen Naturwissenschaften der Archäologie eine enorme Erkenntniserweiterung geben können, das Problem ist die Unscheinbarkeit der wirklich wichtigen Funde verglichen mit dem Gold, Silber und Geschmeide der alten Archäologie. Etwas übertrieben, Koprolithen (versteinerter Kot) sagen oft mehr aus als das silberne Gefäß, in dem sie gefunden wurden, Pflanzenpollen unter einem Schädel oft mehr als das ganzes Grab und so weiter. Das bedeutet, dass die öffentliche Darstellung der archäologischen Erkenntnisse in Museen und Austellungen heutzutage anders aufbereitet werden müsste als mit den spektakulären Funden früherer Zeiten. So leicht geht es nicht mehr. Und das ist die Sache heute angesichts der steuerzahlenden Besucher, die etwas bemerkenswertes sehen wollen für das Geld, dass die Archäologen vergraben.
Colorful, 31.01.2011
2. Indiana
Ich kann den Archäologen nur empfehlen, das Image ein wenig zu pflegen. Sonst werden sie eher als Langweiler wahr genommen, was die Vermehrung sicherlich schwieriger gestaltet (siehe Mathematiker). :-)
Alexis K. 25.06.2011
3. -.
Zitat von molineroKlar dass die Einbeziehung der modernen Naturwissenschaften der Archäologie eine enorme Erkenntniserweiterung geben können, das Problem ist die Unscheinbarkeit der wirklich wichtigen Funde verglichen mit dem Gold, Silber und Geschmeide der alten Archäologie. Etwas übertrieben, Koprolithen (versteinerter Kot) sagen oft mehr aus als das silberne Gefäß, in dem sie gefunden wurden, Pflanzenpollen unter einem Schädel oft mehr als das ganzes Grab und so weiter. Das bedeutet, dass die öffentliche Darstellung der archäologischen Erkenntnisse in Museen und Austellungen heutzutage anders aufbereitet werden müsste als mit den spektakulären Funden früherer Zeiten. So leicht geht es nicht mehr. Und das ist die Sache heute angesichts der steuerzahlenden Besucher, die etwas bemerkenswertes sehen wollen für das Geld, dass die Archäologen vergraben.
Das ist eher das Problem. Archaeologie sollte nicht gemessen werden am Interesse von Museumsbesuchern, sondern am Erkenntnisgewinn.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.