Arktisches Monopoly Heimliche Herren des Eismeer-Schatzes

Milliarden-Rohstoffpoker hinter verschlossenen Türen: Eine kleine Uno-Expertengruppe entscheidet den Kampf um die Aufteilung der Arktis. Sie muss niemandem Rechenschaft ablegen, muss zwischen Russland, Amerika und Europa schlichten - und dafür in die dunkelsten Tiefen des Eismeers vorstoßen.
Uno-Hauptsitz in New (September 2008): "Gemeinschaft muss mehr Druck machen"

Uno-Hauptsitz in New (September 2008): "Gemeinschaft muss mehr Druck machen"

Foto: REUTERS

Das "Great Game" um die Arktis hat begonnen - das "Große Spiel". Mit dieser Formulierung greifen Journalisten in aller Welt einen Begriff aus dem 19. Jahrhundert auf, der das Ringen Großbritanniens und Russlands um die Vorherrschaft in Zentralasien bezeichnete. Nun haben gleich mehrere Länder Ansprüche auf die hohe Arktis angemeldet: Russland, Kanada und Dänemark, das die außenpolitischen Interessen Grönlands vertritt, aber auch Norwegen und die USA sind wichtige Mitspieler beim Arktischen Monopoly.

Die Staaten, die Gebiete im hohen Norden einfordern, stützen sich auf das Völkerrecht. Regierungen, die das Uno-Seerechtsübereinkommen ratifiziert haben, können bei einer speziellen Uno-Kommission eine Ausweitung ihres Territoriums einfordern. Dabei müssen diese Länder zeigen, dass sich - vereinfacht gesagt - ihr Staatsgebiet unter Wasser bis in die betreffende Meeresgegend erstreckt.

Entscheidendes Gremium ist die "Festlandsockelgrenzkommission", die Commission on the Limits of the Continental Shelf (CLCS). Diese Expertengruppe trifft sich regelmäßig im Uno-Hauptgebäude am New Yorker East River. Wer verstehen will, wie die Kommission arbeitet, der sollte allerdings vor einer Reise dorthin einen kurzen Zwischenstopp einlegen, und zwar bei einem rüstigen Pensionär in Hannover.

In der Nähe des Hauptbahnhofs hat Karl Hinz sein Büro, der die Kommission wie kaum ein anderer kennt. Als einziges deutsches Mitglied hat der renommierte Geophysiker, der früher bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) arbeitete, jahrelang in dem Gremium Dienst getan.

Wenn man als Regisseur für einen Kinofilm einen echten Seebären suchte, dann wäre Hinz die Idealbesetzung: Der grauhaarige Brillenträger hat eine tiefe Raucherstimme und eine direkte, zupackende Art. Hinz ist nicht jemand, der um den heißen Brei redet. Er war Mitglied der siebenköpfigen Unterkommission, die im Jahr 2001 über den russischen Antrag entscheiden musste, der riesige Polargebietsansprüche umfasste - und er war einer der entscheidenden Kritiker: "Ich gehörte zu den wenigen, die das abgeschossen haben", erinnert sich Hinz grinsend.

Die Qualität der vorgelegten Daten sei einfach zu schlecht gewesen. Das Hauptproblem bestand vor allem darin, dass die Russen sich weigerten, die Herkunft ihrer angeblichen Erkenntnisse im Nordmeer zu verraten.

Viele der Messergebnisse waren offenbar von U-Booten gesammelt worden, über die die Amerikaner bei Vorlage der Rohdaten zu viel erfahren hatten. Moskaus Diplomaten waren einigermaßen verstört, als ihnen Hinz und seine Kollegen einstweilen einen Korb gaben und sie zur Wiedervorlage mit neuen, präziseren Angaben aufforderten.

Mittlerweile ist Hinz' Amtszeit in der Kommission abgelaufen. Forscherkollege Christian Reichert von der BGR, der eigentlich sein Nachfolger werden sollte, fiel bei den entscheidenden Wahlgängen durch.

Die aktuellen Mitglieder wurden im Juni 2007 gewählt und sind bis Juni 2012 im Amt. Darunter befinden sich hochmotivierte und kenntnisreiche Fachleute, es gibt aber auch ausrangierte Bürokraten, die von ihren Regierungen auf einen einigermaßen prestigeträchtigen Uno-Job entsorgt werden mussten und die in den Kommissionssitzungen durch Ahnungslosigkeit und Desinteresse auffallen.

Eine der am wenigsten erforschten Gegenden der Erde

Staaten, die bei der Uno einen Antrag auf zusätzliche Gebiete stellen, müssen also zeigen, dass das beanspruchte Gebiet eine Verlängerung ihrer Landmasse unter Wasser darstellt, und zwar ohne dass zwischen dem Festlandsockel und dem beanspruchten Gebiet Tiefseebereiche liegen. Um das zu beweisen, muss man sich gut auskennen in der wundersamen Welt am Grund des Arktischen Ozeans - einer der geologisch bisher am wenigsten erforschten Gegenden der Erde.

Steil abfallende, schroffe Bergflanken gibt es dort, Hochplateaus und endlose Tiefseebecken. Manche Bereiche des Ozeanbodens, bis zu 1000 Meter tief gelegen, zeigen noch heute die Schrammen monströser Eisberge, die vor mehr als 10.000 Jahren durch die Gewässer gepflügt sein müssen. Schlammvulkane wie der Hakon Mosby, der in der Barentssee in einer Wassertiefe von 1250 Metern Methan ins Wasser abgibt, und sogar richtige Vulkane, die in bis zu vier Kilometern Wassertiefe ausbrechen, gibt es.

Einen guten Überblick über die Geheimnisse der Tiefe kann Hans-Werner Schenke vermitteln. Der Wissenschaftler arbeitet am Alfred-Wegener-Institut an der Vermessung des Meeresbodens und ist einer der Autoren der ersten umfassenden Meeresbodenkarte der Arktis ("International Bathymetric Chart of the Arctic Ocean", IBCAO). An ihr haben Forscher aus acht Ländern jahrelang gearbeitet, über den Meeresboden im hohen Norden war bis dahin weniger bekannt als über die Rückseite des Mondes.

"Der größte Teil der Welt partizipiert nicht an der Arbeit der Kommission"

Im Nachbarzimmer von Schenkes Büro in einem kleinen roten Backsteinhaus in Bremerhaven stehen zwei Monitore. Auf dem rechten ist eine dreidimensionale Landkarte zu sehen: Grünlich, bräunlich und weiß schimmern die Kontinente an den Rändern der Arktis, in verschiedenen Schattierungen von Türkis bis Marineblau leuchten die unterseeischen Strukturen. Mit einer Art Joystick, der in alle Richtungen des Raumes zu bewegen ist, navigiert Forscher Schenke wie ein Tauchbootpilot über den Grund des virtuellen Ozeans.

Auf dem linken Monitor kann der Wissenschaftler einzelne Höhenprofile darstellen, auf denen man eindrucksvoll sehen kann, wie zerklüftet der arktische Meeresboden ist. In den Tiefen des ungefähr 15 Millionen Quadratkilometer großen Nordpolarmeeres liegen insgesamt drei Meeresbecken, die von untermeerischen Gebirgen getrennt werden.

Zwischen den tiefen Meeresbereichen verlaufen drei Bergrücken parallel zueinander über fast 2000 Kilometer in der Dunkelheit des Ozeanbodens. Sie sind bis zu 3500 Meter hoch, doch nirgends erreicht einer der drei den Meeresspiegel. Am nächsten an Nordeuropa liegt der Gakkel-Rücken. Er bildet im Eurasischen Becken die Nahtstelle zwischen Europa und Nordamerika. Parallel dazu verläuft der zwischen 60 und 200 Kilometer breite Lomonossow-Rücken.

Die 3-D-Karte, durch die der Forscher am Computer so geschwind fliegt, gaukelt eine Präzision vor, die es in der Realität so nicht gibt. Jeder einzelne Punkt des Bildes auf dem Schirm ist nämlich zweieinhalb Kilometer groß, aufgrund von Messproblemen dürfte es um die Genauigkeit in Wahrheit sogar noch schlechter bestellt sein. Sicher scheint trotzdem: Die unterseeischen Massive sind aus kontinentalem Krustenmaterial. Das ist wichtig, weil Russen, aber auch Dänen und Kanadier mit ihren Gebietsforderungen genau hier ansetzen.

Die Russen sehen im Lomonossow-Rücken eine direkte Verbindung zwischen der sibirischen Küste und dem Nordpol: eine "unter Wasser gelegene Verlängerung der Landmasse des Küstenstaates". Die Dänen glauben eher an eine unterseeische Fortsetzung von Grönland und die Kanadier an ein Anhängsel ihrer Ellesmere-Insel. Alle haben geologische Gutachten vorgestellt, die das belegen sollen. Die Kommission kann nur mit wissenschaftlichen Argumenten überzeugt werden. Die Forscher müssen also nachweisen, dass ein bestimmtes Gebiet aus dickerer kontinentaler Erdkruste und nicht aus vergleichsweise dünner ozeanischer Kruste besteht.

Wichtig für die Beweisführung sind sogenannte seismische Profile. Das sind Bilder, auf denen sich die Struktur der Erdkruste erkennen lässt - und mit deren Hilfe man auf die Zusammensetzung der Kruste schließen kann. Um solche Profile zu gewinnen, braucht man ein Messschiff und einen leistungsfähigen Eisbrecher, der in der Arktis den Weg freiräumt. Oder man lasst direkt den Eisbrecher die Messungen unternehmen, wie es die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts schon mehrfach mit ihrer "Polarstern" getan haben.

Das Messschiff tuckert dabei mit drei bis fünf Knoten durch die arktischen Gewässer. Wer seismische Profile schießt, braucht also Zeit - und Glück, denn wenn eine scharfkantige Eisscholle ein Kabel kappt, versinken gegebenenfalls millionenschwere Forschungsinstrumente im Meer. Bewaffnet mit seismischen Profilen, Tiefendaten und gesammelten Informationen zu Sedimentbedeckung und Aufbau des Ozeanbodens können die Staaten bei der Uno um neue Gebiete nachsuchen.

Militärische Geheimhaltung und wirtschaftliches Interesse

Die Experten der CLCS treffen sich mehrmals pro Jahr zu Sitzungswochen in New York. Entsprechend den "Rules of Procedure" der Kommission finden die Verhandlungen im Geheimen statt. Die Unterlagen werden nicht veröffentlicht, aus Sorge vor möglichen Konflikten zwischen "militärischer Geheimhaltung und wirtschaftlichem Interesse", wie Christian Reichert erklärt.

Die Experten sitzen deswegen entweder unter surrenden Neonröhren in fensterlosen Konferenzräumen im Keller des Uno-Gebäudes oder in den Computersälen im gegenüberliegenden Servicehochhaus. Sie bleiben immer unter sich: "Der größte Teil der Welt partizipiert nicht an der Arbeit der Kommission", kritisiert daher der deutsche Polarforscher Wilfried Jokat, und das beim "größten Landverteilungsprogramm seit Jahrzehnten". "Nur wenige Länder können überhaupt Anträge stellen. Die nicht betroffene Gemeinschaft muss mehr Druck machen und Kontrolle ausüben."

Doch das ist nicht einfach; knapp sind die Informationen, die auf den Web-Seiten der Kommission landen, deren Arbeitsweise an einen mittelalterlichen Alchimistenzirkel erinnert. Im Klartext bedeutet das: Die Experten der CLCS verhandeln über wichtige Teile der Welt, ohne dass sie irgendjemandem über ihre Arbeit Rechenschaft ablegen muss oder ihre Entschlüsse im Nachhinein auch nur im Ansatz nachvollziehbar wären. Ein spezielles fünfköpfiges Geheimhaltungskomitee stellt sicher, dass tatsächlich keine Informationen nach draußen gelangen.

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