Arktisches Monopoly Reichtum in eisiger Kälte

Gas und Öl locken die großen Mächte in die Arktis - in einem neuen "Great Game" wetteifern Russland, die USA, Kanada und andere Staaten um Ressourcen rund um den Nordpol. Aber wo genau lagern die Rohstoffe und wie wertvoll sind sie wirklich? Experten geben inzwischen erstaunlich konkrete Antworten.

Jäger in Grönland (2007): "Das Interesse der Industrie an der Arktis ist stark gestiegen"
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Jäger in Grönland (2007): "Das Interesse der Industrie an der Arktis ist stark gestiegen"

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Lange Zeit war es nicht wirtschaftlich, Öl und Gas in der Arktis zu fördern. Aber das ändert sich gerade. Zum einen gehen die Preise an den Rohstoffbörsen trotz zwischenzeitlicher Preiseinbrüche langfristig nach oben. "Wir dürfen uns nicht von den niedrigen Ölpreisen tauschen lassen", sagt etwa Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur, die ihren Sitz in Paris hat. "Die Probleme bei der Rohstoffförderung sind nicht aus der Welt, im Gegenteil. Unsere Zahlen lassen daran keinen Zweifel."

Der Ölbedarf der Erde, davon ist der Wirtschaftswissenschaftler überzeugt, werde weiter zunehmen: "Der Zuwachs wird sich auf drei Zentren konzentrieren: China, Indien und den Nahen Osten." Die Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) warnten im November 2008, mitten in der Krise, vor einer nahenden Ölknappheit: "Erdöl wird der erste Energierohstoff sein, bei dem eine echte Verknappung durch die Endlichkeit der Ressource spürbar wird", sagte BGR-Präsident Hans-Joachim Kümpel. Deswegen sei es wichtig, zusätzliche Potentiale für Erdölvorkommen zu erschließen, und zwar auch in der Arktis.

Wenn man sich mit diesen Fragen befasst, lohnt der Besuch bei zwei Männern, die beide Tausende Kilometer von der Arktis entfernt leben und doch bestens über ihre Ressourcen Bescheid wissen. Die erste Reise führt zu Robert Scott nach Großbritannien. Seine Arbeitsstelle wirkt auf den ersten Blick wenig repräsentativ: Wenn der leger in einen dicken blauen Wollpullover gekleidete Geologe aus seiner Bürotür tritt und sein Fahrrad besteigen will, kann es durchaus sein, dass ihm eine Kuh gegenübersteht. Scott ist einer von rund 20 Forschern des Cambridge Arctic Shelf Programme, kurz CASP, die in ein paar unscheinbaren Baracken am Rande des traditionsreichen britischen Universitätsstädtchens direkt neben einem Bauernhof untergebracht sind.

Die CASP-Fachleute wissen, wo in der Arktis die Suche nach Öl und Gas interessant sein könnte. Seit Jahrzehnten arbeiten sie als ein mit der Universität assoziiertes Institut, aber vor allem sind sie als Firma im Auftrag der Ölindustrie tätig. Deswegen darf man längst nicht in jeden der zahllosen Heftordner einen Blick werfen, die sich in Scotts Zimmer stapeln. Viele Informationen sind auf Wunsch seiner Auftraggeber geheim, doch einige Forschungsergebnisse werden veröffentlicht, meist mit zweijähriger Verspätung.

"Das Interesse der Industrie an der Arktis ist stark gestiegen", sagt Scott. "Und dann kam auch noch die Politik dazu." Wo genau ist die Kohlenwasserstoffsuche nun besonders lohnend? "Wir wissen, dass es an vielen Stellen der Arktis Potential für Öl und Gas gibt", sagt der Forscher und beginnt aufzuzählen: Die Barentssee, die Nordküste von Alaska, das Mackenziedelta in Kanada und die Jamal-Halbinsel in Russland seien vielversprechende Plätze.

"Man nimmt, was man kriegen kann"

Auch auf Ostgrönland würden seine Kollegen und er mit großem Interesse blicken, obwohl es in der Gegend noch immer widrige Eisbedingungen gebe. Und dann seien da die breiten russischen Schelfmeere, über die noch immer unglaublich wenige Informationen existierten, weil bisher allein die Erkundung an Land schon anstrengend genug war: "Die Russen mussten sich bisher nicht um Offshore-Exploration kümmern, die hatten onshore genug zu tun."

Dass es Öl und Gas im Lomonossow-Rücken gibt, hält Scott für möglich, er selbst findet die russischen Schelfgebiete aber viel interessanter. Warum gibt es dann aber das Gerangel um den Nordpol, bei dem die Russen ganz vorn mitmischen? Warum gehen sie mit ihren Gebietsforderungen so weit ins Arktische Becken hinein, wenn sie doch - wie Scott sagt - große Reichtümer vor ihren Küsten haben, also in Gebieten, die ihnen ohnehin bereits gehören? Der Experte zuckt mit den Schultern: "Man nimmt, was man kriegen kann, nur um auf Nummer sicher zu gehen."

Die Russen, sagt Scott, der bei mehreren Expeditionen unter anderem auf Nowaja Semlja, im Timan-Petschora-Becken und auf der Taimyr-Halbinsel geforscht hat, seien nicht unbedingt gut aufgestellt für die Förderung des arktischen Öls, weil sie zu wenig Expertise hätten. Gleichzeitig hätten im Westen viele Firmen "ein bisschen Angst" vor Russland, vor russischen Monopolisten wie Gazprom, die mit ihrer Macht ausländischen Partnern leicht gefährlich werden könnten. Dass Russland diese Angst bewusst schürt findet Scott "dumm". "Langfristig werden die Russen westliche Hilfe brauchen. Im Westen stemmt fast nie eine Firma allein solche großen Projekte."

Der zweite Mann, der Interessantes über Öllagerstatten in der Arktis zu sagen weiß, ist Donald Gautier. Er sitzt für den Geologischen Dienst der USA (USGS) in Menlo Park, mitten im Silicon Valley. Auf dem Boden seines Forscherbüros liegt ein Kuhfell, in der Ecke steht ein blaues Rennrad. Gautier versucht nicht nur die Frage nach dem "Wo" zu beantworten wie sein britischer Kollege Robert Scott, sondern auch die Frage nach dem "Wie viel". Im Sommer 2008 veröffentlichte ein Team unter seiner Leitung den Report "Circum-Arctic Resource Appraisal" (CARA), die erste öffentlich zugängliche Schätzung zu unentdeckten Öl- und Gaslagerstatten in der Arktis.

Freundlich weist der Forscher in die Ecke seines Büros, wo sich auf einem speziellen Kartentisch Dutzende Landkarten stapeln. Diese Karten zu lesen, ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach: Sie sind alle auf den Nordpol zentriert, weil sich die gesamte Arktis so am besten überblicken lasst. 25 Ölprovinzen nördlich des Polarkreises haben sich die USGS-Experten vorgenommen, zum Teil aufgeteilt in mehrere Untersuchungsgebiete - insgesamt sind es 48 Einheiten. "Man weiß eine Menge darüber, in welchen geologischen Konstellationen Öl- und Gaslagerstätten rund um den Globus zu finden sind", erklärt Gautier und lächelt verschmitzt unter seiner schwarzen Hornbrille hervor. "Die Lagerstätten sind nicht zufällig verteilt, sie zu finden braucht also mehr als nur Glück."

Im Grundsatz haben sich die USGS-Wissenschaftler die geologischen Strukturen der Arktis angesehen und sie mit all jenen Orten der Welt verglichen, wo bereits Öl und Gas gefunden wurden. Bei ihrer Aufgabe stützten sich die USGS-Geologen vor allem auf existierende Daten, waren also auf die Kooperation von Kollegen in anderen Polarstaaten angewiesen. Manchmal mussten dann Gautier und seine Kollegen um den halben Globus fliegen und sich vor Ort in den Hauptstädten Messdaten ansehen und analysieren, weil die Rohdaten das Land nicht verlassen durften.

"Nordalaska wird niemals das Saudi-Arabien der westlichen Welt werden"

Hilfreich war auch eine Software aus Deutschland. Das Programm "PetroMod" der Firma IES ("Integrated Exploration Systems") aus Aachen ist ein Standardwerkzeug der Ölindustrie. "In die Software geben wir Dicke, Eigenschaften und Alter der Gesteine ein", erklärt Gautier. Anschließend rekonstruiert der Computer die geologische Geschichte des entsprechenden Ortes. Die Geologen interessierten sich besonders für das sogenannte Ölfenster. Das ist der Bereich der Erdkruste, in dem Temperatur- und Druckverhältnisse die Entstehung von Öl ermöglichen.

Warm genug muss es für die Ölentstehung sein, aber auch nicht zu warm. Die Computergrafiken der USGS-Forscher korrelieren eine Zeitachse mit einer Achse, die die Tiefenlage einer bestimmten Sedimentschicht angibt. So können die Geologen ablesen, ob eine bestimmte Region grundsätzlich Lagerstättenpotential hat.

Bei der Frage nach eventuellen Mengen hilft die Betrachtung von möglichst ähnlichen Gebieten an anderen Ecken des Planeten. Welche Strukturen dort gleichen denen in der arktischen Region? "Im Fall von Nordostgrönland kann man zum Beispiel sagen, dass das Gebiet sehr ähnlich zu Westnorwegen und dem nördlichen Teil der Nordsee ist", sagt Gautier. Und weil für diese analogen Gebiete bereits deutlich mehr Messdaten vorliegen als für die Arktis, können die Forscher ihre Modellrechnungen mit diesen Angaben vornehmen:

  • Insgesamt 17 der untersuchten Gebiete versprechen signifikante Funde. In der Arktis könnten bis zu 90 Milliarden Barrel unentdecktes Öl lagern. Das sind 13 Prozent der noch nicht gefundenen Weltvorkommen.
  • Wichtig sind vor allem drei Ölprovinzen: das Arktische Alaska (USA), das Kanadabecken (Kanada) und Ostgrönland (Dänemark). Dort liegen insgesamt mehr als die Hälfte der vermuteten Lagerstätten.
  • Noch interessanter als Öl sind die reichen Gasvorkommen. Davon könnte es in der Arktis rund 47,3 Billionen Kubikmeter geben, außerdem 44 Milliarden Barrel Flüssiggas. In Öläquivalent umgerechnet sind diese Vorkommen dreimal so groß wie die vermuteten arktischen Öllagerstätten. Damit schlummern im hohen Norden vermutlich 30 Prozent der unentdeckten Gasvorkommen und 20 Prozent des unentdeckten Flüssiggases der Welt.
  • Beim Gas sind vor allem drei Provinzen wichtig: das Westsibirische Becken (Russland), die östliche Barentssee (Norwegen/Russland) und erneut das Arktische Alaska (USA).
  • Mit 84 Prozent dürfte die große Mehrheit der Lagerstätten offshore, also vor den Küsten liegen.
  • Für den Bereich vor der Küste von Alaska haben sich USGS-Forscher zusätzlich mit Methanhydrat befasst, also auf dem Meeresboden in Eis eingeschlossenem Methangas. Ihr Ergebnis: 2,41 Billionen Kubikmeter Gas wären auf diese Weise theoretisch zusätzlich förderbar. Das würde in etwa dem weltweiten Gesamtverbrauch an Erdgas entsprechen, der pro Jahr bei 2,93 Billionen Kubikmetern liegt.

Doch längst nicht alle technisch möglichen arktischen Fördermöglichkeiten sind auch wirtschaftlich sinnvoll, bemerkt Gautier einschränkend. In einem weiteren Gutachten will der USGS in diesem Jahr die Frage betrachten, in welchen Bereichen der Arktis die Förderung unter welchen ökonomischen Rahmenbedingungen Sinn hätte. Erst dann lässt sich ermessen, wie lange das arktische Öl das Ende des Ölzeitalters noch hinauszuzögern vermag.

"Ich war überrascht. Ich hatte eigentlich vermutet, dass die Zahlen höher liegen wurden", gibt Gautier zu. "Die Arktis wird niemals den Nahen Osten ersetzen können. Nordalaska wird niemals das Saudi-Arabien der westlichen Welt werden." Und auch für die Russen, auf deren Schelfgebieten die USGS-Leute so große Erdgasvorkommen sehen, hat Gautier eine schlechte Nachricht: "Es wird kein Öleldorado unter dem Nordpol geben, was auch immer die Russen mit ihrer kleinen Fahne da draußen tun."



insgesamt 231 Beiträge
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Ökopit 13.09.2008
1. Wem? - Mir natürlich!
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
... wollte ich spontan antworten, als ich die Überschrift las - so werden aber wohl auch die anderen 6,7 Mrd. Menschen denken, also ist es auch hier wieder nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint! Zu der weiteren Frage, ob diese Bodenschätze genutzt werden sollen, warum eigentlich nicht, denn eine "Sünde" (oder Verschwendung) ist nur die "Nichtnutzung! Und "Nichtnutzungsgebiete" (Naturschutzgebiete / Naturparks / Nationalparks / FFH - Schutzgebiete usw. usw.) haben wir sicher schon genug.
MarkH, 14.09.2008
2.
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
Sicher wer es machen will und den Preis dafür zahlt-.. sollte es tun. Ein HArtz4-Job kann das dann aber nicht sein
Ökopit 14.09.2008
3. So so?
Zitat von MarkHSicher wer es machen will und den Preis dafür zahlt-.. sollte es tun. Ein HArtz4-Job kann das dann aber nicht sein
Könnte nicht gerade die Erschließung "des Nordens" (auch) eine Chance für "Hartz IV"-er (im übertragenen Sinne) = will sagen, für alle in den heute entwickelten Gesellschaften durch Rationalisierung überflüssig gewordenen Menschen sein? Das Problem von "Hartz IV" ist beispielsweise doch nicht, dass alle davon Betroffenen "faul und unwillig" sind, viele einfache Tätigkeiten sind einfach wegrationalisiert worden, und "das unbesiedelte Amerika zum Auswandern" gab es im 20. Jahrhundert einfach nicht! Gebiete im Norden, die durch den Klimawandel "nutzbar" werden, könnten einen neuen "Westen" bedeuten, also kaufen wir dort Land und schaffen "Dörfer und Städte", wie wir sie uns vorstellen - die Menschen dazu werden freiwillig kommen, nicht nur die (nicht faulen) Hartz IV-er aus Deutschland, auch Millionen (zweit- und drittgeborene) Söhne aus allen eher feudal strukturierten Ländern der von uns verachteten "Dritten Welt"! Und wenn wir vernünftige Gesetzte schaffen, werden wir auch eine "zufriedene" Gesellschaft erhalten (Warum sollten wir Bierbrauen oder Schnapsbrennen verbieten, wenn unsere Kolonisten neben ihrer Nahrung dafür ausreichend Gerste und kartoffeln anbauen können?) Warum sollten wir den Waffeneinsatz reglementieren? Für jeden Erschossenen stehen drei potentielle Bewerber an den Grenzen? Warum sollten wir viele andere reglementiernde Regelungen unserer Heimat übernehmen - wir wollen nicht nur eine bessere Welt, unsere Welt im Norden soll "das Paradies auf Erden" werden! Aufgewacht, aber über den "Traum" sollte wirklich weiter nachgedacht werden ...
AlextheMADCAT 15.09.2008
4. Ich sage mal...
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
ganz plakativ Ja. Auch wenn diese Reserven uns natürlich nicht davon befreien nach Alternativen zu suchen.
malaki 15.09.2008
5. Ist doch klar...
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
Sie gehören dem der mit den meisten Kriegsschiffen dort hinfährt.
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